Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Ausstellung "Lebens-Zeit-Spuren" mit Druckgrafik Ludwig Grubers in Bad Aibling

Eindrücke eines Lebens

Die "Interkulturellen Gebetsfahnen" schweben über den Köpfen der Besucher.
+
Die "Interkulturellen Gebetsfahnen" schweben über den Köpfen der Besucher.

Eigentlich hätte die Vernissage in der Galerie im alten Feuerwehrgerätehaus des Bad Aiblinger Kunstvereins auch eine kleine verspätete Feier zum 75. Geburtstag von Ludwig Gruber werden sollen. Entsprechend zahlreich waren auch die Besucher. Doch der Gefeierte fehlte. Er musste wegen einer akuten Krankheit ins Krankenhaus. Auch dieser missliche Umstand ist eine weitere Spur in der Lebenszeit von Ludwig Gruber. "Lebens-Zeit-Spuren" lautet der Titel der Ausstellung, bei der Druckgrafik aus 30 Jahren zu sehen ist. Fehlte auch der Künstler, so würdigte der Vorsitzende des Kulturforums Rosenheim und Kulturreferent der Stadt Kolbermoor, Christian Poitsch, um so herzlicher Leben und Werk des geborenen Mainburgers, der seit 1976 in Bad Aibling lebt.

In Ludwig Grubers Leben hat die Zeit viele verschiedene Spuren hinterlassen. Immer wieder hat sich sein Leben, haben sich sein Beruf und seine Berufung gewandelt. Er war zuerst Vermessungsingenieur, arbeitete dann als Referent bei der CSU, ging schließlich von 1970 bis 1972 als Entwicklungshelfer nach Bolivien und leitete schließlich von 1972 bis zur Pensionierung 1998 als Geschäftsführer das katholische Bildungswerk und das Bildungszentrum St. Nikolaus in Rosenheim. Zu dem ist er viel auf Reisen, besucht, fremde ferne Länder, vor allem Lateinamerika, Nepal, Tibet und Israel. Doch das reichte Ludwig Gruber nicht. Mit 40 Jahren fing er schließlich an, seine Lebenseindrücke künstlerisch auszudrücken. Und beinahe chronologisch finden sich die Lebensphasen und Lebenseindrücke in den Arbeiten wieder. Nach seiner Pensionierung ist dem Autodidakten die Kunst ganz und gar zur Profession, zur Berufung geworden - mit einer erstaunlichen künstlerischen Weiterentwicklung.

Gruber begann erst zu zeichnen und zu malen. Fünf Jahre später ermutigte ihn sein Kollege Heinz Kaufmann, es mit einer Radierung zu versuchen. Seitdem ist die Druckgrafik Grubers bevorzugte künstlerische Ausdrucksweise. "Im Aiblinger Moor" war Grubers erste Radierung. Sie ist mit weiteren Beispielen aus den 80er-Jahren in Bad Aibling ausgestellt. Die Liebe des Landvermessers zur Landschaft offenbart sich in zarten, realistischen Bilder der Bad Aiblinger Umgebung, aber ebenso von den finnisch-schwedischen Aland-Inseln. Auch zwei gleichermaßen zarte Radierungen mit weiblichen Rückenakten finden sich. Später folgen in den 90er- Jahren dunkel-geheimnisvolle Häuserlandschaften, bei denen Gruber sich bereits von der Zentralperspektive löst.

Doch plötzlich gibt Ludwig Gruber den Realismus der Abbildung vollständig auf. Der Künstler weiß selbst das Datum. Es war der 24. März 1999 bei einem Aufenthalt auf Amrum im Wattenmeer. Gruber wendet sich der reinen Fläche zu, den abstrakten Zeichen und später den Schriftzeichen. In seinen sechs Farbaquatinta-Radierungen mit dem Titel "Zwischenräume" zeigt er die reduzierten Formen von Prielen. Ebenso abstrakt in große geometrische Formen gefasst sind das "Gewitter im Gebirge" oder "Sonne". Die Zeichen werden zu Grubers neuen Landschaften. Dazu kommen später Anleihen bei der Kunst alter indianischer oder tibetischer Hochkulturen wie bei dem Labyrinth "Vier Wege zur Mitte" oder dem Farblinolschnitt "Tanzendes Paar".

Geprägt ist Ludwig Gruber nicht nur von seinen Eindrücken in Südamerika, sondern genauso von denen, die er in Rosenheim erhielt, bei seiner Arbeit am katholischen Bildungswerk. Die vielfältigen Veranstaltungen zu den Themen Religion, Mensch und Gesellschaft in dem Haus, das selbst vom offenen Geist Grubers geprägt wurde, haben in ihm und in seinen Arbeiten ihre Spuren hinterlassen. Da ist Grubers feiner Abdruck des "Epitaph Straßer" von der Kirche in Laufen, das aus dem 12. Jahrhundert stammt und die Vergänglichkeit zum Thema macht. Da sind die Linolschnitte "Urbanes" und die vier Farblinoldrucke "Blickfeld", die ausschauen wie Planskizzen von Häusern, wie die Darstellung von Ausgrabungsstätten. Sie erzählen vom Entstehen und Vergehen. Dazu kommen zwei Mischtechniken zu den archäologischen Stätten Tikal im heutigen Guatemala und von Tiwanaku im bolivianischen Hochland, das Zentrum der Aymara-Kultur. Pläne der Stätten, Bilder und Zeichen vermitteln Grubers Eindrücke von diesen alten indianischen Hochkulturen

Grubers andere künstlerische Leidenschaft ist die Schrift, Zeugnis des Menschseins und der Kultur. Seine Schriftdrucke zeigen sich eindrucksvoll in den "Interkulturellen Gebetsfahnen", wie sie Gruber nennt, die in der Ausstellung über den Köpfen des Besuchers wehen. Aus ausgewählten Papieren und Textilien gefertigt, hat sie Ludwig Gruber mit Gebetstexten verschiedener Religionen bedruckt. Er hat dabei die Buchstaben und Schriftzeichen einzeln herausgeschnitten und Stück für Stück mit dem Druck des eigenen Körpergewichts aufgebracht. Da hängt unter anderem ein aramäisches "Vater unser", neben einem hebräischen "Schalom", da hängt das arabische "Masallah" ("Gott schütze dich"), das tibetische Mantra "Om mani padme hum" und der griechische Anfang des Johannesevangeliums "Am Anfang war das Wort" sowie die Kreuzesinschrift in Aramäisch, Griechisch und Lateinisch: "Jesus von Nazareth, König der Juden". Mit diesen Fahnen zeigt Ludwig Gruber die vielen Wege, die Menschen zu Gott gehen können, und er zeigt, für was er eintritt: für einen die Kulturen und Religionen überspannenden Humanismus.

Übrigens: Ludwig Gruber befindet sich auf dem Weg der Besserung und kann das Krankenhaus bereits wieder verlassen.

Kommentare