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Ein verstörender Trip

Die „Galerie der Idioten“ mit ihren eigentümlichen Porträts. Friedrich
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Die „Galerie der Idioten“ mit ihren eigentümlichen Porträts. Friedrich
  • VonAndreas Friedrich
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Rosenheim – Seltsame Mausmenschen, unheimliche Inseln und eine rätselhafte Expedition – wer die aktuelle Ausstellung von Herbert Nauderer in der Städtischen Galerie aufsucht, taucht in einen eigenartigen Parallel-Kosmos ein, der viele Fragen aufwirft.

Nauderer, ehemaliger Kunstdozent an Instituten in Garmisch und Braunschweig, heute freischaffend am Starnberger See und auf Elba lebend, integriert das Leitmotiv „Parasite Island“ – eine dystopische Welt – als Element in die Ausstellung. Diese ist fast durchgehend in Schwarz-Weiß gestaltet und besteht aus Zeichnungen, Fotomontagen, Dokumenten, Objekten und Videoinstallationen.

Schon im großen ersten Raum empfängt die Gäste ein ungewöhnlicher Aufbau, in dessen Zentrum in einem Video eine tanzende Primaballerina in einem klassischen Theatersaal agiert. Das Architekturensemble ringsherum erinnert an „Tiny Houses“, doch sind sie zu düster hierfür, vielmehr wirken sie wie Beobachtungsstationen – und hier gibt es ein Zusammenspiel mit dem von Patrik Graf gestalteten Hochsitz im Außenbereich, der an die Wachtürme an der einstigen deutsch-deutschen Grenze erinnert.

Wer ist der Mannauf dem Stuhl?

In Raum zwei visualisiert ein Video auf einem kleinen Bildschirm die offensichtliche Verzweiflung eines Menschen auf einem Stuhl in einem kahlen Raum – ein Gefangener? Den nächsten Raum dominiert eine große, in Grautönen dargestellte Insel mit in lateinischen Zahlen bezeichneten Orten und Gebäuden. Die Topografie wird nicht erklärt, sodass die Betrachtenden diese „Leerstellen“ unbewusst mit ihrer Fantasie selbst auffüllen. Raum vier ist dann wieder „belebter“: Der „Saal der Idioten“ zeigt eine Art Galerie seltsamer Fratzen, von denen manche rätselhaft benannt sind. Zentral hängt ein Schwarz-Weiß-Foto eines Jungen. Gegenüber betrachtet der Torso eines älteren Herrn die Porträtreihen – sind es seine Verwandten? Oder handelt es sich um den „Erfinder“, der seine eigenen Wesen beäugt?

Sehr vielschichtig und beinah historisch-dokumentarisch wird es im Raum „Parasite Island“. In Vitrinen sind Fotos, Zeichnungen und Typoskript-Fragmente einer verschollenen Expedition ausgestellt. Eine Karte verweist auf eine Insel in der Antarktis und ein Foto zeigt den Flur einer Klinik. Atmosphärisch erinnert das an den Kino-Horror eines „Blair Witch Project“ und an den Psycho-Reißer „Shutter Island“ mit Leonardo Di Caprio.

Vieles bleibt im Vagen, die fiktive Expedition war wohl im Jahr 1958 mit einem U-Boot aufgebrochen, eine Reminiszenz an Kapitän Nemo von Jules Verne? Der Ausstellungskatalog verweist auf Parallelen zu Plänen der Nazis, einen Stützpunkt im Ozean aufzubauen, unter dem Begriff „Neu-Schwabenland“ – sind auf „Parasite Island“ noch Nazi-Wissenschaftler tätig mit Menschenversuchen?

Das Betrachten und der eigene Versuch, die unvollständigen Fragmente individuell zu ergänzen, ist eine Herausforderung. Das Fragmentarische verursacht Befremden und ein Gefühl von Bedrohung. Unterbewusst nimmt man aus dem Expeditionsbericht Begriffe auf wie „keinerlei Empfang“, „allergrößte Gefahr“ und es ist die Rede von „madenartigen Wesen“, ein „Diederichsen“ sei „grotesk entstellt“ – gruslig appelliert man ans Unbewusste. Ein Video zeigt einen Mann mit Ethno-Maske in karger Landschaft, in der ein Käfig steht, ein Holzmodell zeigt ein Lager mit Wachtturm.

Im weiteren Verlauf der Ausstellung gibt es als „Archiv II“ ein Storyboard zu sehen, in dem abermals auf „Parasite Island“ angespielt wird, mit seltsamen Fabelwesen wie Vampiren, Robotern und einer Vorstudie zum im übernächsten Raum gezeigten Kurzfilm. Vorher, im „Archiv I“, wohl ein Raum im „Haus des Erfinders“, läuft ein Film über einen Atomversuch, Soldaten patrouillieren durch die Landschaft.

Bekannt wurde Herbert Nauderer mit seinem Kurzfilm „Parasite Island“, für den er die Schauspieler Sybille Canonica und Josef Bierbichler gewinnen konnte – der nächste Raum, diesmal mit einem Großbild-Video. Eine beklemmende Szenerie: Ein reifes Paar löffelt eine schwarze Suppe aus weißen Tellern, ein Kind mit seltsamem Mauskopf ist an ein Bett gefesselt. Es kommt zum Streit, die Kamera zoomt zur grandiosen Mimik von Bierbichler und Canonica – mehr soll nicht verraten werden.

Beklemmungund viele Fragen

„Das Haus des Erfinders“ ist starker Tobak, die Ausstellung spielt mit Gruseleffekten, verursacht beklemmende Gefühle und wirft eine Vielzahl Fragen auf. Wer ist eigentlich dieser Erfinder? Ist er Gott? Geht es um Schaffung neuen Lebens, um künstliche Intelligenz, um Menschenversuche? Oder handelt es sich um ein Spiel des Künstlers mit der Fantasie und den Ängsten der Betrachter und vielleicht um eine Parodie gängiger Horror-Motive? Insbesondere durch das Anregen der düsteren Fantasie kommt man jedoch so schnell nicht aus dem persönlichen Film, die seltsamen Welten wirken noch länger nach, wenn man ein Minimum an Bereitschaft mitbringt, sich auf das Konstrukt einzulassen. Die Ausstellung ist ein verstörender, aber auch eigentümlich faszinierender Trip, insbesondere in Zeiten der Pandemie – gute Nerven sollte man mitbringen.

Modelle von vermeintlich echten Lagergebäuden ergänzen den Expeditionsbericht nach „Parasite Island“.

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