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Tiroler Festspiele

Ein Konzert der chaotischen Schönheiten bei den Erler Klaviertagen

Die Haare fliegen, wenn Mélodie Zhao Musik von Liszt spielt.
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Die Haare fliegen, wenn Mélodie Zhao Musik von Liszt spielt.

Viel mehr Klavier ging nicht beim Eröffnungskonzert der Klaviertage der Tiroler Festspiele Erl: Publikumsliebling Mélodie Zhao saß gleich dreimal am Flügel.

Erl/Tirol – Zuerst bei „Malédicition“, dem Jugendwerk von Franz Liszt, das er mit 16 Jahren komponiert und selber später wohl vergessen hatte, dann ohne Orchester bei Liszts h-Moll-Sonate und schließlich beim Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester von Dmitri Schostakowitsch.

VibrierendeEnergie

Mitten darein hatte der Dirigent Roland Böer Hadyns Symphonie Nr. 95 platziert. Dass die zwischen den Klavierfluten und -stürmen nicht unterging, dafür sorgte schon Böer mit nie nachlassendem antreibendem Feuer. Er rückte damit Haydns Symphonie mit ihrer c-Moll-Tragik, ihren Harschheiten, unwirschen Einwürfen und dramatischen Trommelwirbeln in Beethoven-Nähe. Es herrschte immer vibrierende Energie, niemals nachlässige Behaglichkeit, auch nicht im wiegenden Siciliano-Rhythmus des Andantes, erst recht nicht in den kontrapunktischen Verschlingungen im rasenden Finale und auch nicht im wie wild herausgeschleuderten Menuett in c-Moll. Dafür wirkte das Cello-Solo in diesem düsteren Tanz-Satz wie eine unwirkliche Insel-Idylle.

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Auch sonst war es ein Konzert der dauernden Überraschungen. „Malédiction“ für Klavier und Streichorchester hört man selten bis nie. Außer diesem Titel, zu Deutsch „Verfluchung“, stehen noch „Tränen, Ängste, Träume“ und „Spott“ über den Abschnitten. Also: einfach alles. „Chaotische Schönheiten“ hatte Ignaz Moscheles, ein Klavierkollege Liszts, darin entdeckt. Mehr Schönheiten als Chaos präsentierte Mélodie Zhao darin, wenn es Chaos war, dann durch Grazie, Anschlagskunst und mühelos scheinende Virtuosität gebändigt. Immerhin schillerte die Musik immer wieder etwas diabolisch, von Böer verstärkt, der den Streichern des Festspielorchesters bisweilen gleißenden Glanz entlockte. Immer wieder wendete die Pianistin sich den Musikern zu, um gemeinsames Konzertieren zu ermöglichen, und holte wie nebenbei enorme Klangkraft aus dem Fazioli-Flügel.

„Fusion von Überlegung und Weißglut“

Noch mehr dann in Listzts h-Moll-Sonate, dieser „originellsten, gewaltigsten und intelligentesten Sonatenkomposition nach Beethoven und Schubert“ und „Fusion von Überlegung und Weißglut“, wie Alfred Brendel, der große Liszt-Spieler, schreibt.

Am Anfang war mehr Überlegung bei Mélodie Zhao, mehr feine Anschlagskunst, mehr Suchen nach der richtigen Inspiration, am Ende dann aber reine Hingerissenheit, reine Weißglut.

Den ersten Auftritt des „Grandioso“-Themas brachte Zhao noch nicht mit voller Kraft, noch nicht mit dem letzten Überwältigungsfuror. Aber dann waren die Donnerschläge im Bass-register doch wild genug gehämmert.

Vor allem spielte sie den langsamen hymnischen Fis-Dur-Teil in herzzerreißend-flehentlicher Anmut heraus, bis das Fugato die Raserei ankündigte. Anfangs fast mozartisch spielerisch, dann aber in jagendem Tempo steigerte Zhao sich ins Monströse, es hob sie immer wieder buchstäblich vom Hocker, einmal warf sie die Hände zum Himmel, es schüttelte sie richtig durch. Nach der atemlosen Stille entlud sich die Spannung im Publikum in zahlreichen Bravo-Rufen und Füßegetrampel.

SarkastischerHumor

Am Schluss herrschte sarkastischer, ja tückischer Humor bei Schostakowitschs Konzert mit der merkwürdigen Besetzung. Tückisch, weil man nie wusste, ob dieser Humor heiter oder sarkastisch-böse sein soll. Tückisch, weil die Musik stets anders weitergeht, als man erwartet. Die Trompete (Allaksandr Akhremka) durfte immer wieder banale fanfarenartige Floskeln in schmetternder Dreiklangtrivialität einwerfen, das Streichorchester, dem Böer auch hier ordentlich einheizte, tobte sich vergnügt aus in der bisweilen lärmenden Kirmes-Musik, Mélodie Zhao hämmerte feurig die Martellato-Töne ins Klavier und bettete sich im Lento, dem längsten Satz, wohlig ein in die trügerisch-sentimentale Musik, die sich bisweilen wie schwelgende Filmmusik anhörte, und am Ende hörte man überrascht Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ zitiert: Ob List und/oder Tücke, die Zuhörer jedenfalls jubelten beseligt.

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