Ehrenrettung für einen Massenmörder?

Er kann einfach nichts dafür:Der Mörder Macbeth hat für alles eine Erklärung. Doch vorsichtshalber sperrt ihn ein Gitter von den Zuschauern aus. Thomas Kirchgraber

Wasserburg – Wie totalitär Politik sein kann, durfte der Zuschauer am eigenen Leib erfahren in der „Macbeth“-Produktion der Ersten Internationalen Commedia Kompanie.

Man bekam Verhaltensmaßregeln ausgehändigt nebst Passierschein (den man vorweisen musste) und wurde von Polizisten bewacht. Das stete Klirren von Gittern und bösartiges Hundegebell sorgten für Beklemmung. Durch den Hintereingang wurde man ins Theater gedrängt und in einen Gitterkäfig eingesperrt – zum Schutz vor dem Massenmörder Macbeth. Denn der ist nicht in der Schlacht umgekommen, sondern hat im Geheimgefängnis die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge darzustellen.

Dass er das nicht überlebt, ist eigentlich klar. Aber das Volk (die Zuschauer) wird auf die Probe gestellt, ob es denn wirklich staatstragend denkt. Am Ende wird zur Probe abgestimmt – übrigens mit zehn Stimmen für Freispruch und zwölf für Enthauptung bei vielen Enthaltungen. Also bei vielen Mitläufern, ist zu mutmaßen.

Mario Eick, der diese fulminante Version von Shakespeares „Macbeth“ erfunden hat, verwandelt sich in dieses Monster. Er umkreist den Käfig, wütet, rüttelt an den Gittern und schleudert seine Sätze wie Waffen ins Publikum, um dann wieder als besonnen-staatstragender Feldherr zu erscheinen. Denn dass Macbeth bei Shakespeare als ein Zögernder gilt, den seine Lady mehr oder weniger zum Königsmord tragen muss, das will er nicht auf sich sitzen lassen. Denn was ein echter Kämpfer und Schlächter im Krieg ist, kann doch kein Feigling sein. Mitnichten. Das bedarf schon einer Klarstellung.

Dass König Duncan ausgerechnet Macbeth sein Heer anvertraut, hat doch damit zu tun, dass er allen anderen misstraut, und Macbeth, den unehelichen Bastard, nicht für so gierig hält wie den Rest der herrschenden Kaste. Womit er eigentlich recht gehabt hat, wenn da nicht diese drei alten Vetteln, sprich die Schicksalsschwestern, gewesen wären… Sie öffnen Macbeth die Augen für seine wahre Bestimmung: König zu sein. Und nachdem die beiden erst vor Augen geführten Prophezeiungen Tatsache werden, warum also nicht auch die dritte? Macbeth räumt ein, dass es ein Fehler war, diese Aussicht, auch König zu werden, an seine Lady geschrieben zu haben. Die natürlich gleich den sofortigen Vollzug einfordert, wo Macbeth doch lieber erst als zweiter Mann im Reich die Lage sondiert hätte.

Bekannte Historie umzuschreiben ist ein intellektuelles Vergnügen, das verblüffende Ergebnisse zeitigt. So hat einst Walter Jens seinen Cäsar die eigene Ermordung planen lassen, damit er, der unheilbar Erkrankte, als Mythos in die Geschichte eingehen kann. Warum nicht auch den Macbeth rehabilitieren?

Mario Eick legt sich rhetorisch wie körpersprachlich mächtig ins Zeug, um klarzumachen, dass eigentlich er, Macbeth, das Opfer bei der ganzen Geschichte ist. Politik läuft eben so. Dass er als König das Anwesen eines Verräters schleifen lassen muss, auch wenn es ihm um die Kinder und vor allem um die Lady leid tut.

Und für die Sache mit Banquo kann er ja eigentlich auch nichts. Denn dass sein Freund und Kriegsgefährte Vater künftiger Könige sein soll, hat auch Banquo verändert. Macbeth schaut ihm in die Augen und der „war nicht mehr mein Mann“. Also muss er handeln, will nur das Kind ermorden lassen – aber dass gerade der Knabe davonkommt, während Banquo stirbt, ist für Macbeth nur auf das unzulängliche Personal zurückzuführen… Wie soll man auch gescheit regieren können, wenn man alles erklären soll? Diejenigen, die ihn anklagen, tun doch auch nichts anderes als er. Und ist Macbeth nicht der Retter des Vaterlandes, der die Schlacht gegen den inneren Feind ebenso gewonnen hat wie die gegen den äußeren?

Realpolitisch wird Macbeth zu mächtig. Also heißt es, der Held hat seine Schuldigkeit getan, der Held muss abtreten – sodass am Ende nur das bleibt, was Shakespeare so grandios in Verse gefasst hat: Dass der Akteur auf der Bühne des Lebens nur ein armseliger Schauspieler ist, ein Dummkopf, der, umbraust von Lärm und Wut, ein Märchen erzählt, das nichts bedeutet.

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