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Ehehölle im Boxring

Martha (Teresa Geisler, Mitte) will Nick (Dominik Frank, links) verführen, während dessen Frau (Johanna Weiske) nichts merkt und Marthas Mann George (Martin Petschan, rechts) daneben alles beobachtet.  Foto  janka
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Martha (Teresa Geisler, Mitte) will Nick (Dominik Frank, links) verführen, während dessen Frau (Johanna Weiske) nichts merkt und Marthas Mann George (Martin Petschan, rechts) daneben alles beobachtet. Foto janka

Zuerst gibt's Popcorn, in den zwei Pausen dann Sandwiches und Eis: Damit lassen sich die über drei Stunden Psychoterror gut überstehen, der das Drama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von Edward Albee prägt. Das Publikum in der Rosenheimer Vetternwirtschaft sitzt im Kreis um einen quadratischen Boxring, der mit unzähligen vollen, halbgefüllten und leeren Flaschen begrenzt ist (Bühnenbild: Julie Boniche) und in dem sich zwei Ehepaare einen Kampf bis aufs Seziermesser liefern, mit dem sie sich die Haut von ihrer Seele schaben, bis sie, zum "Trompetenton des 'Dies irae'", wie es im Stück heißt, ins Mark der Seele gedrungen sind. "Totaler Krieg?" fragt Martha, und ihr Mann George bejaht: "Totaler Krieg!" Und es wütet wahrlich, in einem ständig fließenden Strom von Alkohol, ein teuflischer Psycho-Krieg voller Erniedrigungen, Beleidigungen und bis zur Obszönität brutalen Entblößungen, ätzenden Bemerkungen und niederschmetternden Wahrheiten.

In der Inszenierung durch Dominik Frank in einer Koproduktion des Vereins für bodenständige Kultur mit dem Rationaltheater München wird diese Hölle brutal erfahrbar: Die vier Kontrahenten kriechen wie Schweine umeinander, besudeln sich mit Alkohol, spucken sich an oder auf den Boden und natürlich zieht sich Martha (Teresa Geisler) aus, um Nick (Dominik Frank), den Gast, zu verführen. In dem engen Boxring stehen, wie bei einer Reise nach Jerusalem, nur drei Stühle: Einer ist immer der Dumme, der Erniedrigte, der Entblößte. Später werden die Stuhlbeine immer kürzer, Flaschen gehen zu Bruch und der Alkohol steht knöchelhoch - Sinnbild für die "Kloake unserer Ehe", wie Martha bekennt.

Sowohl Teresa Geisler als auch Martin Petschan, der ihren Mann George spielt, variieren virtuos ihre stimmlichen Modulationen, Tonlagen, Sprechweisen, bis hin zur erschöpft-trostlosen Zärtlichkeit am Schluss des Psychokriegs, wo dann doch, wenn beide buchstäblich am Boden zerstört liegen, ein bisschen Hoffnung aufkeimt. Teresa Geisler, ganz hellblond mit blutrotem Mund, ist unerhört intensiv in ihrer verzweifelten Suche nach wahrhafter körperlicher Liebe eines, bzw. ihres, Mannes und in der Ablehnung dessen wortverliebt-asthmatischen Intellektualismus'. Ihr Mund ist äußerst beweglich und pantomimisch sprechend. Sie dominiert eigentlich das ganze Geschehen, sie ist, mit ihren eigenen Worten, "die Mutter Erde", aber auch "eine Maschinenpistole". Zwischen diesen beiden Polen oszilliert sie in großer Prägnanz und Ausdruckskraft.

Martin Petschan hat, obwohl für die Rolle eines 42-Jährigen etwas zu jung, den tödlich gelangweilten illusionslos-zynischen Ostküsten-Plauderton gut drauf, wechselt gekonnt zwischen Woody-Allen-Witz und einer gefährlich-lauernden Anthony-Perkins-Schärfe und beherrscht sehr gut den abrupten Wechsel zwischen depressivster Verzweiflung und bös-sarkastischer Schein-Überlegenheit. Dominik Frank hält sich als Nick, der Gast, ziemlich zurück, überlässt Martin Petschan weithin das Feld. Johanna Weiske als seine naiv-süßliche Ehefrau wandelt sich wirkungsvoll langsam zu einem alkohol-enthemmten Weib.

Obwohl auf weite Strecken quälend, ist es doch spannendes Theater, brillant-witzig bisweilen, doch beim zahlenmäßig geringen Premierenpublikum zündeten die wenigsten Wort-Gags. Im letzten Teil wird's etwas mystisch, wird Martha zu einer Marylin-Monroe-Ikone stilisiert, aber der Schluss ist dann wirklich rührend, wenn beide, ineinander verschlungen und vom Psychokrieg erschöpft, bekennen: "Ich hab' Angst vor Virginia Woolf" - dem bösen Wolf aus dem Kinderlied.

Weitere Vorstellungen sind am 14. und 5. September, jeweils um 19.30 Uhr, in der Rosenheimer Vetternwirtschaft. Karten gibt es unter der Telefonnummer 08031/44345 oder per E-Mail an booking@vfbk. net.

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