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Entzückung trotz Verspätung

Nigel Kennedy im Kuko: Der Weltgeiger mit der Teetasse

Mit geschlossenen Augen lauscht Nigel Kennedy den Geigentönen nach.
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Mit geschlossenen Augen lauscht Nigel Kennedy den Geigentönen nach.

Es war kein Konzert wie jedes andere. Das Konzertende im Kultur- und Kongresszentrum war für 21.30 Uhr angekündigt – aus war es aber erst eine Stunde später. Nigel Kennedy, der etwas andere Klassikkünstler, entzückte das Rosenheimer Publikum.

Rosenheim - Am Anfang saßen die Damen und Herren der Russischen Staatsphilharmonie St-Petersburg – die Herren im Frack mit roter Fliege, die Damen im schwarzen Abendkleid – schon brav auf ihren Stühlen, dann erst kam der Star des Abends herein, im Schlabberlook mit rotem langem T-Shirt unter dem Sakko, vor allem aber mit einer großen Teetasse in der einen und der Geige in der anderen Hand: Nigel Kennedy, der etwas andere Klassikkünstler.

Im Schlabberlook auf die Bühne

Er versicherte, in der großen Tasse sei wirklich Tee und bot später Besuchern in der ersten Reihe an, zu probieren. Die Haare seiner Punkfrisur sind schon weniger und grauer, sein Temperament und seine unbedingte Liebe zur Musik reißt aber immer noch mit.

Auch sonst machte er, dem Klischee des verrückten Engländers folgend, unentwegt Scherze, wanderte immer wieder in das Orchester und feuerte die entsprechenden Instrumentengruppen mit der Ghettofaust an, stellte zwei in rote T-Shirts gewandete Jazz-Musiker als von ihm gerettete Knastbrüder vor, lästerte über den „cold Brexshit“, und als ihm beim heftigen Geigen am Ende die Bogenhaare davonflogen, meinte er grinsend, sie seien aus Kuhhaut und würden wohl im MacDonalds oder Burgerking landen…Die Zuschauer waren hochvergnügt, auch darüber, keinem normalen, feierlichen Klassikkonzert beizuwohnen.

Ach ja, Musik gab’s auch, und das nicht enden wollend. Hochklassisch begann’s mit dem Violinkonzert von Beethoven – aber nur dem ersten Satz. Man musste da nicht grübeln, wie Kennedy das interpretatorisch anlegte: Es begann einfach, in ziemlich raschem Tempo, sodass die rhythmischen Paukentöne keinen geheimnisvollen Widerpart zur lyrischen Geige bildeten, der rhythmische Impuls aber wanderte bestimmend durchs Orchester.

Die Seele aus dem Leib gespielt

Das spielte sich die Seele aus dem Leib, immer wieder angefeuert von Kennedy, der zugleich spielte und dirigierte, bisweilen vor rhythmischer Lust aufstampfte. Die Kadenz ging dann bald ins Schräge, Orientalische, bis die Musik erleichtert wieder bei Beethoven landete.

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Das zweite große Stück des Abends, von Kennedy komponiert war das Violinkonzert „Für Ludwig Van“. Für den Anfang nahm Kennedy eine elektronische Geige, deren Klänge ein Loop mit Halleffekten und Verfremdungsgags multiplizierte, dann nahm er doch wieder seine normale Geige. Die Musik war von allem ein bisschen: ein bisschen Kontrapunktik, einige Beethoven-Themen samt Schicksalssymphonie und Elise, ein bisschen Musikzitatengemisch, ein bisschen Trommelsolo, ein bisschen Santana-Anklang und ein bisschen Geigenjazz wie bei Stéphane Grappelli – der ja wirklich Kennedy in den Geigenjazz eingeführt hat.

Er spielt,was er will

Und dann gab’s unangekündigte und unerklärte Musik, wohl von Kennedy komponiert, insgesamt etwas ziellos, folklorehaft, Filmmusik ähnelnd, immer wieder durchpulst von ostinaten Figurationen: Kennedy spielt, was er will und nicht, was er vielleicht soll. Aber seine unbedingte Liebe zur Musik und sein freundliches Wesen entzückte die Zuhörer. Ohne Beatles geht‘s aber natürlich nicht: Kennedy setzte sich ans Klavier und verjazzte zusammen mit den zwei „Knastbrüdern“ den Beatles-Song „And I Love Her“, das Cello jazzte mit, später eine Geige und dann auch eine Flöte: Nigel Kennedy, Beatles und eine Teetasse: Englischer kann‘s nicht sein.

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