Von den Nazis verschleppte Sinti und Roma

Der Todesweg der Musikerfamilie Eckstein: Von Rosenheim nach Auschwitz

Über die  erschütternden Lebensschicksale der Musiker-Sinti-Familie Eckstein berichtet Dr. Walter Wuttke in seinem neuen Buch. Janka
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Über die erschütternden Lebensschicksale der Musiker-Sinti-Familie Eckstein berichtet Dr. Walter Wuttke in seinem neuen Buch. Janka

Dem Rassenwahnsinn der Nationalsozialisten fielen nicht nur etwa sechs Millionen Juden, sondern auch geschätzt 220.000 bis 500.000 Angehörige der Sinti und Roma zu Opfer. Zu ihnen gehörte die Familie Eckstein aus Vöhringen bei Neu-Ulm. Ihr Todesweg führte über Rosenheim.

Rosenheim – Dr. Walter Wuttke, ein deutscher Medizinhistoriker, der wegweisend über die Medizin im Nationalsozialismus forschte und publizierte, hat die erschütternde Geschichte dieser Familie recherchiert und in einem kleinen Buch festgehalten. Darin spielt auch die Stadt Rosenheim eine Rolle.

Begnadete Musiker

Johannes Eckstein, geboren 1892 bei Lörrach, verheiratet mit Friederike Birkenfelder, zog 1935 mit seiner Familie nach Vöhringen, ebenso sein jüngerer Bruder Richard, der mit seiner Frau Elisabeth, geborene Reinhardt, drei Kinder hatte. Johannes hatte sieben Geschwister, von denen fünf im KZ ermordet wurden, und 13 Kinder, von denen zehn in Auschwitz ermordet wurden, ebenso wie die Eltern Johannes und Friederike. Albert, Richard und Agathe überlebten. Sie bekamen später je 1900 DM als „Entschädigung“ für die Ermordung ihrer Eltern. Auch Richard, seine Frau und zwei seiner drei Söhne wurden in Auschwitz umgebracht.

Die Ecksteins sind Sinti, meist katholisch und waren von Beruf Schausteller und vor allem Musiker. Seit den 1890er-Jahren musizierten sie als gern gesehene Gruppen in Baden und Württemberg. Leiter der Gruppe war der Geiger Johannes Eckstein, sein Bruder Richard hatte eine Tanzkapelle.

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Ab 1936 begann die planmäßige Verfolgung der „Zigeuner“: Die „Nürnberger Gesetze“ wurden auch auf sie angewendet, vom „Reichshygieneinstitut“ wurden alle Sinti und Roma unter entwürdigenden körperlichen Untersuchungen „klassifiziert“, ab 1942 waren sie arbeits- und sozialrechtlich den Juden gleichgestellt und sollten in Konzentrationslager eingewiesen werden.

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Wie kommt nun Rosenheim ins Spiel? Markus Eckstein, ein jüngerer Bruder von Johannes und Richard, war auch ein Mitglied der Kapelle Eckstein. Ihm, seiner Frau Alwina und ihrem Ziehsohn Rigo wurde im November 1940 Rosenheim als „Zwangsaufenthaltsort“ zugewiesen. Warum gerade Rosenheim, wird im Buch nicht thematisiert. Dort wurde Markus von der Kriminalpolizei als „Zigeuner-Mischling mit vorwiegend zigeunerischem Blutanteil“ geführt.

Verhaftung in der Innstadt

Er wurde am 11. Juli 1942 in Rosenheim verhaftet, kam zuerst ins KZ Flossenbürg, dann nach Dachau und schließlich ins KZ Lublin, wo er ermordet wurde. Alwina Eckstein kam zusammen mit der Familie Eckstein nach Auschwitz, wo sie Ende 1945 für tot erklärt wurde.

Rigo Eckstein überlebte den Holocaust, wurde nach dem Krieg als Kontrabassist ausgebildet und musizierte später zusammen mit dem bekannten Jazzmusiker Franz „Schnuckenack“ Reinhardt. Er starb 2011. Auf seinem Grabstein steht: „Musik war sein Leben“.

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