KÜNSTLERISCHES FÜR KARTENKLOPFER:

Der Hund hockt auf der Pumpe: Boris Tomschiczek hat neue Schafkopfkarten gezeichnet

Der Herr der Stifte: Boris Tomschiczek in seinem Atelier.
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Der Herr der Stifte: Boris Tomschiczek in seinem Atelier.

Der Aiblinger Künstler Boris Tomschiczek hat sich mit seinem neuen Projekt an ein bayerisches Nationalheiligtum gewagt. Wirtshausszenen zieren seine Schafkopfkarten.

Bad Aibling – Die trinkfreudigen Gäste sind die Unter, die Kellnerin beherrscht die Ober, wie sie die Wirtschaft beherrscht, der „Alte“, der Eichel-Ober, ist die Kellnerin mit der Rechnung, der Hund, ein Biergartendackel, hockt sichtbar nicht nur auf der Pumpe, der Schelln-Ass, sondern auf allen Assen, der Hund ist gleichsam die Sau – und der König kann natürlich nur „Der Kini“ sein, wenn auch mit einem Masskrug auf dem Kopf. Überhaupt ist der Masskrug fast überall drauf: Schafkopfen ist schließlich ein Wirtshausspiel. Aber alles ist ein bisschen anders bei den Schafkopf-Karten, die Boris Tomschiczek für die Zeitschrift MUH gezeichnet hat.

Wie kam es dazu? Tomschiczek zeichnet schon lange für diese Zeitschrift eine Kolumne mit dem Titel „Wimmelbilder des bayerischen Unterbewussten“, und eines Tages kam der Verlag auf die Idee mit dem neuen Schafkopfset. „Ich fand diese Idee gleich super“, erzählt Tomaschiczek, „meine Bedingung aber war, dass ich vollkommen frei dabei bin. Ich hatte schon die Idee mit den Wirtshausszenen.“

Vielfältiger beruflicher Werdegang

Aber wer ist Boris Tomschiczek? Um ihn in seinem verwunschenen alten Haus aufzusuchen, muss man aufs Land fahren nach Berbling, an den Rand von Berbling, mit Blick auf die schöne Rokoko-Kirche, die durch das Bild „Drei Frauen in der Kirche“ von Wilhelm Leibl berühmt geworden ist. Des Zeichners verwinkeltes Atelier ist im Dachgeschoss, dort arbeitet er, umgeben von seinen Stiften.

Bereitwillig erzählt Tomschiczek von seinem Leben und von seinem vielfältigen beruflichen Werdegang. Der 1972 in Rosenheim geborene Sohn des Malers Peter Tomschiczek hat an der Akademie der Bildenden Künste in München Malerei studiert („Studier was Gscheits: Studier Malerei!“, hat ihm sein Vater geraten) und währenddessen als Requisiteur bei der Münchner Staatsoper gearbeitet, aber auch schon Praktika beim Film gemacht.

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Gezeichnet hat er immer schon mehr als gemalt: „In der Kunstakademie war ich immer schon mehr in der Radierwerkstatt und hab gezeichnet“, erzählt Tomschiczek. „Zuhause lag immer schon ein Stift parat. Wenn andere Kinder sich erinnern, dass der Vater ihnen was vorgelesen hat: Ich hab immer mit dem Vater gezeichnet, was immer schön war. Das war so ein Ur-Impuls.“

Später am Gymnasium in Aibling kam das Interesse für das Satirische, das Comic-hafte dazu. „Da hab ich in der Schülerzeitung gezeichnet. Ein Lehrer, Bernhard Jaumann, der jetzt Krimis schreibt, hat einmal eine Zeichnung von mir an die Süddeutsche Zeitung geschickt, die auch veröffentlicht wurde. Das Eigentliche ist so eine Lust, dass man einen Strich verfolgt. Zum Einschlafen stelle ich mir vor, was zu zeichnen, da kann ich mich auf eine Art Reise begeben. In der Schulzeit schon konnte ich mich mit dem Stift in Träume hineinfantasieren: Mein Metier ist die künstlerische Illustration“, konstatiert der Künstler.

Filmen statt Malen

Nach dem Staatsexamen hat er an der Hochschule für Film und Fernsehen in München ein Studium für Dokumentarfilmregie und Fernsehpublizistik angeschlossen. Seit 2004 dreht er Dokumentarfilme, Doku-Serien und Beiträge, vornehmlich für den Bayerischen Rundfunk.

Sein erster Film hieß „Korbinian von Thann im Wald“ und porträtiert den Korbinian Riedl, ein legendäres, kauzig-anarchistisches und streng ökologisches Original aus Thann bei Ellmosen, „der immer jeden Tag nackert ins Thanner Schwimmbad g’hupft ist“, wie Tomschiczek sich erinnert, und sich seinen eigenen Sarg gezimmert hat. Regie führte er unter anderem zehn Jahre lang für die Serie „Landfrauenküche“, seit 2012 dreht er die von ihm selbst entwickelte Strawanzer-Doku-Serie „Stofferl Wells Bayern“.

Preise für Dokumentarfilme

Einige Preise hat er erhalten: Für seinen international auf vielen Festivals gezeigten Film „One Room Man – Kevin Coyne“ über den britischen Rockmusiker, Maler und Autor Kevin Coyne, der lange in Franken gelebt hat, bekam er 2003 beim Message-to-Man-Festival in St. Petersburg den Silbernen Zentaur. „Ich hab den Preis beim Goethe-Institut in München von einer Sekretärin überreicht bekommen – in einer russischen Aldi-Tüte“, erinnert sich Tomschiczek vergnügt. 2011 wird sein Film „Das unbewachte Atelier – Der Maler Peter Tomschiczek“ beim Docutah Festival in den USA mit dem Raven Award ausgezeichnet.

Mitbegründer der „Nonfiktionale“

Tomschiczek hat das Festival „Nonfiktionale“ in Bad Aibling gegründet, war bis 2014 dessen Leiter und hat dafür mit seinen Mitstreitern 2016 den Kulturpreis des Landkreises Rosenheim bekommen.

Derzeit aber hat er eine ganz neue Arbeit, die sich an sein Ur-Studium anschließt: Er vervollständigt seine Ausbildung zum Gymnasiallehrer für Kunsterziehung und absolviert dafür gerade seine Referendarzeit am Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium in Rosenheim. Dort können seine Schüler dann mit den von ihm gezeichneten Karten Schafkopf spielen – natürlich nicht im Unterricht.

Kaufen kann man diese Schafkopfkarten ganz normal über den Buchhandel.

Kellnerinnen und Könige thronen auf den Spielkarten.

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