Gerichtsdrama

Rosenheim: Tam-Ost mit „Terror - Ihr Urteil“ - die OVB-Kritik

Aufmerksam hört die Richterin (Susanne Braune) zu, wie Major Lars Koch (Max Weidinger), der das Leben von 164 Menschen auf seinem Gewissen hat, sich verteidigt.
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Aufmerksam hört die Richterin (Susanne Braune) zu, wie Major Lars Koch (Max Weidinger), der das Leben von 164 Menschen auf seinem Gewissen hat, sich verteidigt.
  • vonRainer W. Janka
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Ein spannendes und hochphilosophisches Gerichtsdrama zeigt das Ensemble des Tam Ost in Rosenheim mit dem Stück „Terror – Ihr Urteil“ von Ferdinand von Schirach - und am Ende dürfen die Zuschauer ihr Urteil fällen.

Rosenheim – Ferdinand von Schirach macht es den Zuschauern mit seinem Theaterstück „Terror – Ihr Urteil“ nicht einfach: Er macht sie zu Schöffen, zwingt sie zum Mitdenken, zum Nachdenken über Utilitarismus und Kantische Prinzipien, das Problem der „Weichenstellerfalle“ und die Menschenwürde und zwingt sie dann zu einer Entscheidung – die bei der Aufführung im Theater Tam Ost mittels eines Hammelsprungs durchgeführt wird. Die Zuschauer müssen nach ihrer Beratungspause durch die zweigeteilte Türe wieder rein, entweder durch den „Schuldig“- oder „Nicht-schuldig“-Eingang. In den meisten Aufführungen wird der Angeklagte mit großer Mehrheit freigesprochen, das geschah auch bei der Premiere 27:10 Stimmen.

164 Leben für 70 000 Leben

Die juristische Sachlage ist eigentlich klar: Der Kampfflieger Major Lars Koch hat ein mit 164 Personen besetztes Flugzeug abgeschossen, das von einem Terroristen gekapert worden ist und auf die Allianzarena stürzen soll, in der 70 000 Menschen einem Länderspiel zuschauen. Er hat den Tod von 164 Menschen erzwungen, um das Leben von 70 000 Menschen zu retten. Folgerichtig ist er jetzt wegen 164-fachen Mordes angeklagt – die Frage, ob es sich um Totschlag handelt, wird nicht erörtert.

„Das Gericht ist eine Bühne!“

Schirach lässt die Vorsitzende Richterin verkünden: „Das Gericht ist eine Bühne!“ Und so konsequent legt er sein Drama auch an: mehr Theater als Gerichtsverhandlung. So lässt er den Angeklagten mit der Staatsanwältin einen deftigen Disput um rechtsphilosophische Fragen führen und stattet den Verteidiger mit einem recht flegelhaften Benehmen aus – was in Wirklichkeit dem Angeklagten nicht dienlich wäre. Aber Schirach bietet doch eine Bühne für die Diskussion, welche Rechtsphilosophie richtig wäre: Die des zweckorientierten Utilitarismus mit der Devise des Glücks der höchsten Zahl oder die deontologische Forderung Kants, Menschen dürften niemals verzweckt werden, also als bloßes Objekt dienen.

Würdevoller Ernst

Über der Aufführung im Tam Ost liegt die Aura eines dem Thema vollkommen angemessenen würdevollen Ernstes. Die Regisseure Gerhard Sellmair und Alexander Zinn verlangen diesen würdevollen Ernst auch von den Schauspieler: Alle sind immer in der Rolle, auch wenn sie gerade nichts zu sagen haben. Susanne Braune, eine elegante Richterin-Erscheinung, versucht nicht sehr autoritär, vielmehr bedächtig fragend, die Motive für Kochs Tat herauszufinden. Sorgfältig wägt sie ihre Worte, die sie auch in den ihr vorliegenden Papieren findet.

Die Staatsanwältin ist anfangs zurückhaltend, wird im Laufe der Verhandlung immer lauter, Daniela Mayer ist in dieser Rolle vollkommen glaubhaft, auch in der schneidenden Aggressivität, mit der sie sowohl den Angeklagten als auch den Zeugen angeht, den militärischen Vorgesetzten von Major Koch. Ihr Plädoyer ist beredsam und so rhetorisch-sorgfältig artikuliert, dass auch Nicht-Philosophen und Nicht-Juristen ihren Ausführungen mühelos folgen können. Den rüpeligen Verteidiger gibt Tobias Huber mit nachlässiger Souveränität, dann aber mit rhetorischer Leidenschaft in seinem Plädoyer.

Christian Swoboda als Oberstleutnant ist militärisch sachlich-knapp und präzise, doch sehr intensiv in der Schilderung der Gewissensqual der Entscheidung, nichts zu tun. Der bairische Tonfall der Nebenklägerin, die durch den Abschuss ihren Mann verloren hat, bekommt bei Nicole Regina Reißmeier etwas Fatalistisch-Tragisches.

Idealbesetzung als Angeklagter

Im Mittelpunkt des Gerichtsdramas steht natürlich der Angeklagte. Max Weidinger ist eine Idealbesetzung: sehr jung, gewinnend-sympathisch und gut aussehend. Immer konzentriert, seine Worte sorgfältig wägend und gleichzeitig sehr sicher in seiner Motivbegründung verteidigt er sich. Seine Haltung ist immer so, als trüge er auch in Zivil eine Uniform, die Hände liegen immer auf den Knien, nie gestikuliert oder fuchtelt er: Entschlossenheit und gefestigte Ruhe strahlt er aus. Dieser Offizier ist mit sich im Reinen, auch wenn er weiß, dass er lebenslang ins Gefängnis müsste. Diesen Offizier spricht jeder Zuschauer-Schöffe gern frei.

Spannend und hochphilosophisch

Dem Tam Ost, vor allem aber den Regisseuren Gerhard Sellmair und Alexander Zinn, ist mit diesem Gerichtsdrama eine bannende und spannende, gedankenreiche und hochphilosophische Aufführung gelungen, deren Ernst und komplexe Reflexion lange nachwirken – wahrscheinlich auch bei Oberbürgermeister Andreas März und Kulturreferenten Wolfgang Hauck, denen die Theaterleitung bei der Premiere für die Unterstützung in Corona-Zeiten dankte.

Weitere Termine

Gespielt wird an den Wochenenden bis zum 25. Oktober, am Freitag und Samstag um 20 Uhr, am Sonntag um 17 Uhr, in der Chiemseestraße 31 in Rosenheim. Karten gibt es entweder über die Website www.tam-ost.de, beim Ticketzentrum Kroiss, Telefon 08031-15001, oder persönlich jeden Donnerstag 16-19 Uhr im Theaterbüro in der Chiemseestraße 31.

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