Corona-Pandemie

Kulturveranstalter in der Region im Lockdown-Tief: „Wie das Orchester auf der Titanic“

Der Vorhang zu und alle Fragen offen: Alexandra Birklein ist wütend über zwangsweise geschlossene Vorhänge.
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Der Vorhang zu und alle Fragen offen: Alexandra Birklein ist wütend über zwangsweise geschlossene Vorhänge.
  • vonRainer W. Janka
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Laut Beschluss der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten sind wegen der Corona-Pandemie im November alle kulturellen Veranstaltungen verboten. So reagieren die Kulturveranstalter der Region auf den zweiten Lockdown.

.„Langsam ist es unfassbar!“, klagt Alexandra Birklein, die das Rosenheimer Ballhaus und auch das Kulturforum Klosterkirche in Traunstein verantwortet. „Das Ballhaus muss Veranstaltungen durchführen, um zu überleben. Nachdem Hochzeiten, Geburtstag und Weihnachtsfeiern storniert wurden, haben wir mit sehr viel Aufwand ein kleines feines Kulturprogramm zusammengestellt. Es wurden Hygienekonzepte erarbeitet, Lüftungsanlagen erneuert, Ein- und Auslassregeln erdacht, Nachverfolgungslisten geführt, spezielle Vorverkaufssysteme entwickelt und vieles mehr – immer in enger Zusammenarbeit mit den Behörden. Heute haben Politiker Maßnahmen beschlossen, die für uns faktisch einem Berufsverbot gleichkommen.“

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Karten behalten

Sie verweist darauf, dass die gesamte Veranstaltungsbranche in Deutschland der sechstgrößte Wirtschaftszweig ist, die etwa 1,7 Millionen Menschen beschäftigt und knapp 130 Milliarden Euro direkt umsetzt. Vieles von dem, was jetzt verschwindet, werde nie mehr wiederkommen, befürchtet sie. „Wir geben aber nicht auf“, sagt Alexandra Birklein kämpferisch, „wir suchen für jede Veranstaltung neue Termine.“ Und sie fordert die Kartenbesitzer auf: „Bitte behaltet erst einmal die Tickets zu den Veranstaltungen!“

„Es geht um unsere Existenz!“

Renate M. Meyer ist die Ehrenvorsitzende des TAM-Ost. „Wir sind ängstlich“, sagt sie, „weil wir natürlich damit kalkuliert haben, dass wir im Herbst spielen können, denn wir müssen ja unsere Miete bezahlen. Die Premiere des Stücks „Abschiedsdinner“, die am 14. November gewesen wäre, haben wir hoffnungsvoll auf Anfang Dezember gesetzt.“ Droht etwa ein Konkurs? „Wenn es so weitergeht, dass wir nicht spielen können, steht das natürlich im Raum. Es geht um unsere Existenz! Die Existenz hängt am Finanziellen, nicht am Engagement der Leute, die da mittun. Das Publikum ist ja sehr kooperativ mit unserem Hygienekonzept.“ Die Festspiele Schloss Amerang hatten extra ihr Sommerfestival auf den Herbst verschoben, im November wären noch 18 Aufführungen gewesen.

Eine Katastrophe

„Natürlich ist es für uns eine Katastrophe“, sagt Ortholf von Crailsheim, Schlossbesitzer und Intendant. „Diese Kurzfristigkeit ist organisatorisch fast nicht mehr zu bewältigen. Wir fühlen uns jetzt ein bisschen so wie das Orchester auf der ‚Titanic‘“, sagt Crailsheim mit Galgenhumor. „Ich finde es nur unsäglich. Wir würden uns wünschen, dass wir wenigstens unsere Adventskonzerte im Dezember machen können. Wir wollen auf jeden Fall das, was möglich ist, möglich machen - weil auch das Publikum will! Ich befürchte, wenn das so weitergeht, dass unsere Spielreihe so nicht fortgesetzt werden kann. Es ist existenziell bei uns! Und dann ist gestern auch noch unsere 150 Jahre alte Kastanie vor dem Schloss umgefallen. Das ist fast wie ein Symbol.“

„Hoffnung haben wir noch!“

Regina Alma Semmler vom Theater Wasserburg sagt, sie hätten noch keine Gelegenheit für emotionale Ausbrüche gehabt, weil sie erstmal wieder umplanen müssten. „Die Logik ist ein bisschen außer Kraft gesetzt“, findet sie. Die Tatsache der Nichtansteckung im Theater sei offensichtlich nicht beachtet worden. Die Regisseurin Annett Segerer findet nur ein nicht druckbares Kraftwort für die Lage. „Wir hatten ja alle Vorkehrungen getroffen, jetzt stehen wir wieder da und dürfen nicht, obwohl wir so gerne wollen“, sagt sie traurig. Am 15. November hätte das Zwei-Personen-Kinderstück ‚Planet Paule‘ Premiere gehabt. „Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Wir arbeiten schon am veränderten Spielplan und sind wild entschlossen, alles zu zeigen, damit wir nicht alles für nichts gemacht haben. Die Hoffnung, dass wir im Dezember loslegen dürfen, haben wir noch.“

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