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THEATERPROJEKT

Clarisse und der eigenschaftslose Mann

Zeigte eine beeindruckende schauspielerische Leistung: Annika Semmler als Clarisse.
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Zeigte eine beeindruckende schauspielerische Leistung: Annika Semmler als Clarisse.

Es ist ein Mammutprojekt über einen Mammutroman: Das Rosenheimer Theaterensemble „Regie als Faktor“ bringt Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ in einer Serie von Inszenierungen auf die Bühne. Da im Augenblick keine Aufführungen vor Publikum möglich sind, wurde die jüngste Folge ins Digitale verlegt.

Rosenheim – März 2019: Die innovativ-risikofreudige Theatercrew „Regie als Faktor“ begann in der Rosenheimer Vetternwirtschaft mit dem Mammutunternehmen, den tausendseitigen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil szenisch in Serie gehen zu lassen.

Unterschiedliche Regiekonzepte

Die teils skurrilen, verrückten, gefährlichen oder auch nur „eigenschaftslosen“ Figuren dieses erzählten Panoptikums in der Habsburgerzeit vor dem Ersten Weltkrieg sollten durch völlig unterschiedliche Regiekonzepte zum Leben erweckt werden: Die Zuschauer wurden in ein Fußballspiel verwickelt, in einen Boxkampf; das Publikum bekam Einblick in die Sphäre der Dienstboten eines großen Hauses und durfte Gemüse schnippeln für das Festmahl der Promis. Den gefährlichen Frauenmörder Moosbrugger konnte man gruselnd in seiner Zelle beobachten. Die Fantasie der Regisseure Valerie Kiendl und Dominik Frank scheint in schlüssiger Bildfindung unerschöpflich zu sein!

Nun kam, was auch der visionäre Robert Musil nicht ahnen konnte: Corona. Noch versuchte die Regie, die Vorstellung auf das stimmungsvolle Außengelände der Vetternwirtschaft zu verlegen. Erst die winterliche Zwangspause und jetzt die horrende Inzidenz haben auch für Frühjahr 2021 jegliches Theatervergnügen zum Erliegen gebracht.

Rettung per Live-Stream

Da erreicht die treuen Fans eine Einladung per E-Mail. Die Rettung aus der Not heißt Livestream, Dauer eine Stunde. Das Besondere: Es wird nicht einfach Theater abgefilmt; Die Regie nimmt vielmehr das „Strömen“ wörtlich und inszeniert und interpretiert den langen Monolog der Clarisse mit optischen Andeutungen, fließendem Wechsel des Hintergrunds, der Requisiten. Das ist monologisch, aber nicht monoton!

Federnde, pulsierende Sprache

Was die Schauspielerin der Clarisse, Annika Semmler, zu leisten hatte, wird deutlich, wenn man die verwendeten Romankapitel nachliest. Die engbedruckten Seiten des Buchs lösten sich bei Semmler auf in federnde, pulsierende Sprache, die mal nervös, mal überlegen und auftrumpfend, dann wieder kleinlaut und fahrig werdend, den Zuschauer in Atem hielt.

Es geht um Clarisse und Ulrich: „Eigenschaftslosigkeit trifft Frau“. Clarisse birst schier vor großen Ideen und heißem Begehren. Doch das Objekt der Begierde ist nicht präsent. Ulrichs Einwürfe werden von Annika Semmler übernommen. Das schafft Distanz, auch Verfremdung.

Clarisse, verheiratet mit Ulrichs Jugendfreund Walter wünscht sich ein Kind von, nein, nicht von dem als „reaktionär“ geschilderten Ehemann, sondern von Ulrich. Der aber zieht nicht. Wenn sie ihm auf die Pelle rückt, fallen im Film die Hüllen. In den Blick des Zuschauers geraten nur die auf dem Boden liegenden Dessous... Doch auch ihr Vorschlag, ein patriotisches Nietzsche-Jahr auszurufen, findet keine Gegenliebe, wird als Verrücktheit abgetan. Ulrich, genervt, macht sich nun reisefertig, da sein Vater vor Kurzem gestorben ist.

Vergebliche Geistesblitze

Clarisses Versuch, den Mörder Moosbrugger aus der Anstalt zu befreien, bleibt naturgemäß als lächerliche Spinnerei ebenso erfolglos, wie ihre sonstigen Geistesblitze. Den abreisenden Ulrich bestürmt sie: „Ich hoffe, du kommst bald zurück. Nie kann man die Dinge ausdrücken. Am allerwenigsten brieflich.“

Brieflich wohl nicht, aber im Theater ist’s möglich. Deshalb freuen sich die Fans auf die nächsten Aktivitäten von „Regie als Faktor“! (re)

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