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Künstlerporträt

Christian Heß und die Entdeckung der Langsamkeit

„Lecka, Lecka, Lecka!“, ruft Christian Heß über die Weide nach den Schafen, während er zwischen seinen Skulpturen steht. Bartel
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„Lecka, Lecka, Lecka!“, ruft Christian Heß über die Weide nach den Schafen, während er zwischen seinen Skulpturen steht. Bartel

Der Künstler Christian Heß beschäftigt sich in seinen Werken vor allem mit der Zeit. Auch die Pandemie hat seine Arbeit beeinflusst. Ein Porträt.

Rosenheim – Schwer schleppt Christian Heß die Bürde, die er sich selbst umgehängt hat. 50 Kilometer zieht er einen Stein. Mit 200 Kilogramm Last kommt er nur Schritt für Schritt voran. Doch bei Sisyphos will er es nicht belassen und läuft in einer selbstgebauten Holztonne mit der Performance „Flusslauf“ im Sommer 2010 bei der Landesgartenschau über den Inn.

Bei der Frage nach seinem Hang zu Mythologie und Philosophie schmunzelt der Bildhauer, Zeichner und Performancekünstler Christian Heß (48) aus Ullerting am Simssee nur. Er macht nicht den Fehler, seiner Aktionskunst ihre Faszination zu nehmen, indem er sie festlegt. Nur wenn er provozieren will, lässt er sich lachend zu Sätzen hinreißen, wie: „Es hat schon einmal einen Zimmerer gegeben, der übers Wasser gelaufen ist.“

Gefühl für die Zeit hat sich verändert

Die Grundlage seiner Werke sind nicht kunsttheoretische Überlegungen. Vielmehr beschäftigt sich Christian Heß mit etwas Alltäglichem: der Zeit. Diese bewusst und spürbar zu machen sind Ansätze, die sich durch die Werke des Künstlers ziehen. „Ich mache gezielt Sachen, die langsam sind. Man kann nicht schnell über das Wasser laufen, geschweige denn mit einer Betonrolle an Land.“

Die Einschränkungen während der Pandemie haben sein Gefühl für Zeit verändert. Zwischenzeitlich habe ihm der Antrieb gefehlt. Ihm wurden Ausstellungen plötzlich abgesagt und er wusste nicht, wie es weiter gehen soll, berichtet der Künstler. Seine Frau, die Opernsängerin Christina Gerstberger-Heß, kann das nachvollziehen: „Als Kunstschaffende leben wir von Emotionen. Sie sind wie Nahrung. Wenn das wegfällt, geht man ein.“ Als die Restriktionen Mitte 2021 wieder etwas gelockert wurden, sei Christian Heß nur noch am Rotieren gewesen. Der plötzliche Wechsel aus der Lethargie in die Auftragsflut kann für einen Künstler, der sich bewusst mit der Langsamkeit beschäftigt, nicht förderlich sein. Jetzt müsse er erst wieder lernen, das richtige Maß zu finden: „Nicht mehr jeden möglichen Auftrag annehmen, aus Angst, dass danach Nichts mehr geht.“

Die Verlangsamung der Zeit

Neben seinen Skulpturen und Performances zeichnet der Künstler überwiegend mit Feder und roter Tusche kleine aufeinanderfolgende Kästchen, die in ihrer Gesamtheit verschiedene Muster und Formen ergeben. Bei der Betrachtung von tausenden filigranen Kästchen in einer Zeichnung, sieht man förmlich die Zeit, die in ihr steckt. Rot auf Weiß. „Es sind Arbeiten, die mit der Verlangsamung der Zeit spielen, fast gegen die Zeit arbeiten.“, erklärt die Kunsthistorikerin Dr. Olena Balun vom Kunstverein Rosenheim.

Nach einer Zeit des minutiösen Zeichnens verlangt es den Künstler wieder nach seinem Bildhaueratelier, in dem er in Staub aus Holz und Stein versinkt. Die körperliche Arbeit erdet ihn und macht ihn bodenständig, wie Heß sagt.

Christian Heß in seinem Zeichenatelier mit Blick auf das Alpenpanorama.

Bodenständig ist auch sein Haus am Rande des kleinen Ortes beim Simssee. Umgeben von Feldern und Bäumen tickt die Zeit nicht im Rhythmus der Stadt. Zusammen mit seiner Frau und deren beiden Töchtern hält er mehrere Hühner und gut 20 Soay-Schafe. Diese besondere und seltene Rasse aus der Steinzeit passt zur Philosophie des Künstlers. „Sie werden langsamer schlachtreif als ein normales Schaf.“, erzählt Christina Gerstberger-Heß, während einige Schafwürstchen vor ihr am Herd in der Pfanne brutzeln.

Sporadische Auftragslage

„Unsere privilegierte Lage hat uns gut durch die schwierige Zeit der Pandemie gebracht.“, sagt sie, auch wenn das Künstlerpaar mit einer sporadischen Auftragslage zurechtkommen musste. In welcher Lage dagegenKünstler waren, die am Beginn ihrer Karriere standen, mag sich Christian Heß kaum vorstellen. In Rosenheim ist er in inzwischen eine feste Größe, meint Olena Balun : „Ohne Christian Heß stellt man sich auch keine Jahresausstellung des Kunstvereins mehr vor.“

Neben dem Haus steht auf der Schafweide ein ausgebauter Bauwagen mit Blick auf die Berge, der Heß als Zeichenatelier dient. Rund herum scharren die Hühner . Auch wenn dem Bildhauer die innere Ruhe durch die Pandemie verrückt ist – der Weg zurück, zur Entdeckung der Langsamkeit, wird für ihn sicherlich kein weiter sein.

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