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BEKLEMMENDE ONLINE-LESUNG

Chiemgauer Literaturfest Leseglück: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen“

In der Online-Lesung: Die Schauspieler Hilmar Henjes (von links) und Nik Mayr vom Theater Wasserburg lasen im Rahmen des Chiemgauer Literaturfests Leseglück.
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In der Online-Lesung: Die Schauspieler Hilmar Henjes (von links) und Nik Mayr vom Theater Wasserburg lasen im Rahmen des Chiemgauer Literaturfests Leseglück.

Das Chiemgauer Literaturfest Leseglück ging mit der letzten Veranstaltung vorerst in Abwarte-Position. Erstmalig mit im Leseglück-Boot war das Theater Wasserburg, das in Kooperation mit der Wasserburger VHS die „Lesung aus verbrannten Büchern“ aufführte.

Wasserburg – Die beiden Schauspieler Hilmar Henjes und Nik Mayr stellten sich mit ihrer anspruchsvollen Lesung zum Thema Bücherverbrennung 1933 als echte Bereicherung für das Literaturfest heraus und durften sich seitens der Zuhörerschaft über erfreulich gute Resonanz freuen.

Über die ausstehenden Lesungen können sich Interessierte unter leseglueck-grenzenlos.de informieren.

Am 10. Mai 1933 karrten in zahlreichen deutschen Universitätsstädten die Nazis tausende Bücher aus öffentlichen und privaten Bibliotheken zusammen, um sie auf öffentlichen Plätzen zu verbrennen. Die Werke bekannter Autoren wurden als „undeutsches Schrifttum“ entlarvt und sollten deshalb in Flammen aufgehen. Ihre Autoren wurden überdies mit sogenannten Feuersprüchen verunglimpft.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zielte diese zerstörerische Kampagne, die sich „Wider den undeutschen Geist“ richtete, auf politische „Gleichschaltung“, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und wurde in erster Linie von starkem Antisemitismus getragen. Die Deutschen Studentenschaft sah damals die Aktion als Fortführung des nationalsozialistischen Boykotts jüdischer Geschäfte und als Beitrag zur „Erneuerung des Reichs“.

Teil dieser hässlichen Aktion waren die zwölf Thesen „Wider den undeutschen Geist!“. Das Pamphlet, in dem sich die rassistischen und antisemitischen Motive der Bücherverbrennungen offenbarte, wurde auf Plakaten, Flugblättern und in vielen Zeitungen abgedruckt. Auf riesigen Scheiterhaufen endeten, unter anderen, Bücher von Bertolt Brecht, Erich Kästner, Karl Marx, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Hans Fallada, Oskar Maria Graf, Franz Kafka, Mascha Kaléko, Annette Kolb und Rosa Luxemburg. Heinrich Heines vorhersehende Worte, „Das war ein Vorspiel nur. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“, sollte sich in Deutschland schon wenige Jahre später bewahrheiten.

Nun, also 88 Jahre später, greifen Künstler in eben dieses Feuer und scheuen sich in keinem Moment davor, sich die Finger zu verbrennen. Sie springen jenen systemkritischen Literaten und Künstlern posthum bei, indem sie ihre verbrannten Werke rehabilitieren, sie hochhalten, ihnen erneut Gehör verschaffen – und das in einer Zeit, in der die politischen und gesellschaftlichen Ströme auf beängstigende Weise an jene angeblich vergangenen dunklen Geschehnisse erinnern.

Zu Beginn der Online-Lesung wurde der ein oder andere Zuhörer vermutlich grün im Gesicht. Das Lesen der zwölf Thesen „Wider den undeutschen Geist“ kann schon Übelkeit hervorrufen. Es hätte aber keine bessere Fallhöhe geben können, denn die im Anschluss gelesenen Textzitate der „Verbrannten“, die das Verbrechen kommentierten, tauchten wie Hoffnungsschimmer aus dem braunen Dunst auf: Bert Brecht, der Angst hatte, man könne vergessen, seine Schriften ins Feuer zu werfen oder Kästner, der beim Anblick der Bücherverbrennung „nur“ die Faust in der Tasche ballte (wohl aus Angst, man könne ihn gleich mit verbrennen).

Dazwischen lasen die Schauspieler immer wieder aus „verbrannten Werken“ vor, etwa Erich Mühsams „Der Revoluzzer“ (1908 der deutschen Sozialdemokratie gewidmet), „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun, „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada oder aus „Der Untertan“ von Heinrich Mann.

Weitere Kulturberichte aus dem Landkreis Rosenheim und dem Chiemgau finden Sie hier.

Dabei hatten es die beiden Schauspieler nicht versäumt, ihren Blick auf historische Ereignisse zu lenken, die dieser Zeit vorausgingen: Der Akt der Bücherverbrennung sei keine Erfindung des Nationalsozialismus. Die ersten Bücherverbrennungen seien aus dem alten China 213 vor Christus überliefert, im 13. Jahrhundert waren es die Talmud-Verbrennungen und im 16. Jahrhundert brannten Martin Luthers Schriften.

Wie „lernresistent“ der Mensch bis heute sei, sehe man an den Kritikern von Harry Potter: „Verführung zum Satanismus, Verhöhnung des Christentums, Verharmlosung von Okkultismus und Geisterglaube“, heiße es da. Zum Glück brannten Joanne K. Rowling Werke bisher noch nicht. Dennoch passte die abschließende Lesung aus „Harry Potter und der Stein des Weisen“ sehr gut. Thematisiert doch Potters Geschichte Ausgrenzung, Vorurteile und Manipulation, derer sich ein Andersgearteter ausgesetzt fühlt.

DIE ZUKUNFT DES THEATERS WASSERBURG

Im Anschluss an die Lesung ergab sich im Video-Chat „Zoom“ eine interessante Diskussionsrunde mit den Schauspielern. Zur Frage, wie es denn nun mit dem privaten Theater Wasserburg weiterginge, gab Regina Semmler Folgendes bekannt: Derzeit seien die Planungen des Theaters Wasserburg noch Theorie. Was zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedingungen angeboten werden kann, sei noch unklar, da die Rückkehr zur Bühne und die Programmgestaltung im Detail von den weiteren Regularien im Umgang mit Corona abhängen.

Klar sei: Sobald wieder gespielt werden darf, steht das Theater Wasserburg schon mit einigen Stücken – darunter die Premiere eines Kinderstücks, die Schauspielproduktion „Krankheit der Jugend“, die Musiktheaterproduktion „Hoffmanns Erzählungen“ und die Monolog-Abende „Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Johan vom Po entdeckt Amerika“ – für das Publikum bereit.

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