Buchvorstellung: Zweimal der Nazihölle entkommen

Jack J. Hersch: „Flucht auf dem Todesmarsch.“
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Jack J. Hersch: „Flucht auf dem Todesmarsch.“

Jack J. Herschs veröffentlicht im Rosenheimer Verlagshaus einen atemberaubenden Bericht über das Schicksal seines Vaters.

von Richard Prechtl

Rosenheim – „Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist wirklich von größter Wichtigkeit (…) ganz besonders für die Welt, in der wir leben“, schreibt Christian Dürr, Kurator der KZ-Gedenkstätte Mauthausen im Vorwort zu Jack J. Herschs biographischen Bericht „Flucht auf dem Todesmarsch“. Dem Rosenheimer Verleger Klaus G. Förg ist es gelungen, die Rechte für das 2018 in den USA erschienene Buch für die Zeitzeugenreihe seiner Edition Förg zu erlangen.

Es geht um die Lebensgeschichte des ungarischen Juden David Hersch (1925 bis2001), des Vaters des Autors, der 1944 über Auschwitz ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert wird und dort zweimal einem Todesmarsch entkommt. Unter der KZ-Literatur stellt das Buch eine Besonderheit dar, weil sich der New Yorker Autor in drei unterschiedlichen Darstellungsebenen den schier unglaublichen Erlebnissen seines Protagonisten nähert.

Zum einen schildert er anschaulich die Leidensgeschichte seines Vaters, so wie er sie durch dessen Erzählungen erfahren hat, zum anderen beschreibt er das gleichzeitige Vorrücken der US-Truppen von der Invasion bis zur Befreiung, und schließlich gibt er detailliert wieder, wie er selbst Jahre nach dem Tod seines Vaters mit Hilfe der Historikerin Angelika Schlackl am Ort des Grauens recherchiert. Das Außergewöhnliche dabei sind seine immer wiederkehrenden Gedanken und Reflexionen, vor allem das Sich-Hineinversetzen in die Gefühlswelt des ehemaligen KZ-Häftlings. So liest sich die Darstellung wie ein atemberaubender Krimi, in dem nach und nach das ganze Ausmaß des Schreckens aufgedeckt wird.

David Hersch verbringt zunächst in der rumänischen Kleinstadt Dej (damals ungarisch) eine relativ sorglose Kindheit und Jugend, bis er 1944 nach dem Einmarsch der Deutschen mit seinen Eltern und sieben Geschwistern im Ghetto leben muss und danach mit ihnen im fensterlosen Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau deportiert wird, wo vier seiner Geschwister und seine Eltern ermordet werden. Nach wenigen Tagen wird der damals 19-jährige Hersch nach Mauthausen (Oberösterreich) verlegt.

Die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen I/II, in denen Hersch den Schikanen der SS abwechselnd ausgeliefert ist, zählen mit ihren Granitsteinbrüchen zu den grausamsten im Lagersystem der Nazis. Der Autor beschreibt in diesem Zusammenhang detailliert das Lagersystem der Nazis und den Lagerkomplex an der Donau mit der berüchtigten Todestreppe und ihren 186 Stufen. Oft dem Tode nahe, muss Hersch dort hungern und schwerste körperliche Arbeiten verrichten. Er wird geschlagen und auch psychisch auf das Übelste gequält. So wird er mehrmals fast zu Tode geprügelt oder muss mit bloßen Händen den Boden von Fäkalien aus dem Latrinenfass säubern. Nur sein eiserner Wille und seine unglaubliche Zähigkeit lassen den jungen Häftling überleben. Dazu kommt der glückliche Zufall, dass ihn das Ehepaar Barbara und Ignaz Friedmann unter Lebensgefahr in ihrem Haus in Enns bis zum Ende des Krieges verstecken, nachdem ihm zum zweiten Mal die Flucht von einem der berüchtigten Todesmärsche gelungen ist.

Jack J. Hersch hat mit dieser Geschichte über seinen Vater eines der erschütterndsten und eindrucksvollsten Zeitdokumente zum Holocaust verfasst, das jeder lesen muss, der auch nur ansatzweise verstehen will, was damals geschehen ist.

Jack J. Hersch: Flucht auf dem Tosesmarsch – Edition Förg, Zeitzeugen; Aus dem Amerikanischen von Walter Lederer.; ISBN 978-3-96600-006-2; 320 Seiten; 19.95 Euro. Online bestellbar unter www.rosenheimer.com

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