Der Brannenburger Komponist Roland Leistner-Mayer im Interview:„Wie eine innere Explosion“

Der Komponist Roland Leistner-Mayer schmökert gerne in seiner riesigen Bibliothek. janka

Roland Leistner-Mayer feierte vor kurzem seinen 75. Geburtstag. Im Interview berichtet der Komponist über sein Studium, sein Leben und die Quellen seiner Inspiration.

Brannenburg –Der in Brannenburg lebende Komponist Roland Leistner-Mayer ist vor kurzem 75 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass widmete der Bayerische Rundfunk ihm einige Stunden in seiner Reihe „concerto bavarese“ und eine Stunde in der Reihe „Horizonte“. Das ist viel für einen lebenden Komponisten. Imponierend ist die Zahl seiner Werke – 154 kann man auf seiner Homepage zählen –, einunddreißig CDs dokumentieren sie. Die Heimatzeitung hat Roland Leistner-Mayer in seinem gemütlichen Haus in Brannenburg unterhalb der Kirche besucht. Ein großer Flügel dominiert das Wohnzimmer, ein einfaches Klavier steht im Arbeitszimmer, aber überall stehen Bücher – sehr viele Bücher, die meisten in der Bibliothek im Dachgeschoss. Der Komponist ist ein begeisterter Leser und gewinnt daraus viele Inspirationen.

Sie sind 1945 in Graslitz im Sudetenland geboren und leben heute in Brannenburg: Wie kam das alles?

Roland Leistner-Mayer: Wir sind 1946 vertrieben worden und nach Bayern gekommen, nach Vohburg an der Donau. Ich bin dann in Ingolstadt aufs Gymnasium gegangen, wo ich wunderbare Musiklehrer hatte. Ich hab da auch schon kleinere Stücke geschrieben unter dem Einfluss von Werner Egk und Paul Hindemith.

Wie ging es dann weiter?

Roland Leistner-Mayer: 1968 bin ich an die Münchener Musikhochschule gekommen. Zur Aufnahmeprüfung hatte ich eine Klaviersonate vorgelegt, die hatte ich mit 21 Jahren geschrieben. Und davon war Genzmer unheimlich begeistert. Es gab ja als Professoren Günter Bialas und Harald Genzmer. Das war damals eine Hochzeit der Avantgarde: Stockhausen, Boulez, Kagel und so weiter.

Und all dies hat auch Sie begeistert?

Roland Leistner-Mayer: Erst einmal schon. Aber im Laufe der Zeit war das nicht mehr meine Welt. Ich habe damals meine erste Symphonie geschrieben und eine Kontrabass-Sonate, die dann sogar 1979 beim ARD- Musikwettbewerb Pflichtstück war.

Das war Ihr Opus 1?

Roland Leistner-Mayer: Nein, Opus 1 war ein Stück für sechs Schlagzeuger. Den eigenen Weg zu finden, war sehr schwierig. Sehr hilfreich war, dass ich viele tschechische Kollegen kennengelernt habe. Und das war überraschend, weil die so spontan und so frisch komponiert haben, so lebendig und so leidenschaftlich. Die haben mir den Weg gezeigt zu Leoš Janáek. Das war die Öffnung für mich: diese Ehrlichkeit, diese Spontanität, dieses rücksichtslos ehrliche Komponieren. Da war der Knoten geplatzt.

Und wie ging es nach dem Studium weiter?

Roland Leistner-Mayer: Da stand man erst einmal vor dem Nichts. Ich hab dann Klavier unterrichtet an der Musikschule Gräfelfing.

Konnten Sie davon leben?

Roland Leistner-Mayer: Ja. Ich hab ja immer noch bei den Orchestern ausgeholfen. Aufträge kamen von den Orchestermusikern, die Kammermusikstücke haben wollten. Mir war viel wichtiger, dass ich viele Aufführungen hatte, als dass es bezahlt wurde, was sich ja dann auf die GEMA auswirkt. Da konnte ich so langsam den Unterricht etwas abbauen. Mit 40 Jahren war ich dann so ziemlich frei. Meine erste Frau, die ich 1972 geheiratet habe, hat ja auch Schlagzeug und Blockflöte unterrichtet.

Und wie kamen Sie zu Ihrer jetzigen Frau?

Roland Leistner-Mayer:Dann hab ich meine zweite Frau kennengelernt, Heidi Ilgenfritz. Ihr Lehrer wollte ein Stück für ihr Examen. Da habe ich ein Trio geschrieben für Hackbrett, Klarinette und Cello. Bei den Proben und der Uraufführung war ich dabei – und da hat es gefunkt. Ich bin 1997 nach Flintsbach gezogen und 1999 haben wir uns dieses Haus in Brannenburg gekauft. Seitdem komponiere ich hier und interessiere mich sehr für Literatur.

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Das sieht man ja auch an den Texten, die Sie vertonen. Lesen Sie sie immer im Hinblick auf eine mögliche Vertonung?

Roland Leistner-Mayer: Erst einmal lese ich aus Interesse – und dann könnte es sein, dass sich etwas einstellt. Ich habe einmal ein Gedicht von Nelly Sachs gelesen, das habe ich dann so vertont, dass nicht gesungen wurde, sondern es nur Melismen ergibt. Denn den Text zu vertonen, davor habe ich immer Angst. Wenn der Text schon so viel aussagt, was soll ich da noch musikalisch dazutun. Darum habe ich noch keine Oper geschrieben (lacht).

Wie entsteht denn bei Ihnen eine Komposition?

Roland Leistner-Mayer: Wenn sich eine Idee etwas konkretisiert, dann weiß ich noch nicht genau, wo ich hin will, aber ich weiß genau, was ich nicht will. Es ist aber immer noch ein langwieriges Suchen, bis ich den Punkt gefunden habe, wo sich der große Bogen auftut. Und wenn ich den gefunden habe, ist es wie eine innere Explosion.

Sie haben ja viele Werke für Chor komponiert – die werden aber nicht oft aufgeführt hier bei uns.

Roland Leistner-Mayer: Ja, leider (lacht herzhaft). Ich habe es schon einmal versucht. Aber Enoch zu Guttenberg, der damalige Leiter der Chorgemeinschaft Neubeuern, ist nicht darauf eingegangen. Es war ihm zu modern.

Was schreiben Sie zur Zeit?

Roland Leistner-Mayer: Ein größeres Orgelwerk für den Kantor am Ulmer Münster nach einem Salomo-Text.

INTERVIEW: RAINER W. JANKA

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