Ein Brandner Kaspar jenseits der weiß-blauen Klischees

Kerschgeist macht lustig: Jörg Herwegh als Brandner (links) und Gerd Niedermayer als Boandlkramer. Kirchgraber

Das Theater Herwegh zeigt am Stoa in Edling eine Inszenierung des Brandner Kaspars in der Theaterfassung von Joseph Maria Lutz. Regisseur Jörg Herwegh lässt die Bayern-Tümelei weg und erzählt eine authentische Geschichte in authentischer Sprache.

Edling – Dass unser Bayernland das Paradies sein muss, gilt nicht nur für das Fremdenverkehrsamt als ausgemacht. Wer hier ist, will nicht wieder weg. Auch nicht, wenn der Tod zur letzten Reise einlädt. Wenn man doch noch ein paar Jahre mehr heraushandeln könnte… Wir Bayern wissen spätestens seit Franz von Kobell und seiner Erzählung „Gschicht vom Brandner Kaspar“, dass das möglich ist. Und seit Kurt Wilhelm am Residenztheater einen Jahrzehnte lang auf dem Spielplan stehenden Theaterdauerbrenner aus der verrückten Story geschnitzt hat, ist der „Brandner Kaspar“ zum bayerischen Nationalhelden aufgestiegen. Umgeben von barocker Gloriole steht das Schlitzohr, das den Tod – respektive den Boandlkramer – mit Kirschgeist abfüllt und dann beim Kartln betrügt, für das ultimative bayerische Lebensgefühl, verbunden mit der respektvollen Anerkennung: A Hund is er scho.

Zurück zu den Wurzeln

Wenn nun Jörg Herwegh und sein Theater den Brandner Kaspar in der Theaterfassung von Joseph Maria Lutz erneut ins Paradies schauen lässt, dann entkernt er die Geschichte sozusagen, indem er alle weißblauen Klischees vermeidet. Schon der Aufführungsort am Stoa in Edling macht es möglich, wieder zu den ursprünglichen Wurzeln zurückzukommen. Wenn da die handelnden Personen in der Originaltracht von 1807 auftreten und ausstattungsmäßige Kargheit herrscht, hat man als Zuschauer das Gefühl, eher einem alten Schwarzweiß-Film beizuwohnen. Da ist nichts aufgesetzt, nichts Effekthascherisches, sondern schlichte Authentizität. Das Bairisch kommt durchwegs so natürlich von den Lippen der Darsteller, dass eventuelle preußische Zuschauer wohl Verständnisschwierigkeiten hätten, sollten sie sich an den Edlinger Stoa verirren.

Geschichte spielt zur Zeit Napoleons

Geschichtliches Zusammenhänge sind es, die Jörg Herwegh besonders herausarbeitet, indem er Nachrichten über Napoleon und seine vielen Kriege lanciert, bei denen die Bayern ja als Verbündete mitmachten, weswegen sie zur Belohnung Königreich wurden.

Unzählige junge Bayern mussten ihr Leben lassen im Kampf gegen Andreas Hofer in Tirol, dem eigentlich die Sympathien der Bevölkerung galten. Auch wenn sie das nicht offen sagen durften. Nur der Wirt reißt manchmal seinen Mund auf, wird aber gleich vom Bürgermeister eingebremst und als revoluzzerischer Geist denunziert, indem er als arbeitsscheu vorgeführt wird und unter der Fuchtel seiner Frau steht. Einmal kehrt er den Reisigbesen gegen sie, doch sie schwingt drohend den Kochlöffel. Das ist die einzig rein komische Szene. Ansonsten herrscht der Sprachwitz des bayerischen Idioms mit seiner Gstanzl-Boshaftigkeit.

Vom Stoa regnet‘s per Gießkanne

Die Aufführung gibt sich vor der Pause ein bißchen wie ein bebildertes Hörspiel. Doch wenn es dann dem betrogenen Boandlkramer gelingt, den Brandner vorzeitig auf eine Fahrt ins Paradies mitzunehmen, zeigt sich die Magie des Spielortes. Der Karren, auf dem die beiden sitzen, ist zwar real, aber im Scheinwerferkreis bewegen zwei Menschen den Scherenschnitt des Pferdes auf seinem wilden Galopp, während Petrus es von oben mit einer Gießkanne regnen lässt, Hagelkörner herunterschüttelt und mit dem Windblech donnert. Angekommen erscheinen Grillenzirpen und Froschquaken nebst den funkelnden Sternen himmlisch genug, um im Publikum die Paradies-Vorstellung zu wecken.

Überzeugendes Ensemble

Jörg Herwegh stattet seinen Brandner Kaspar mit viel Kraft und echten Juchzern aus. Gerd Niedermayer als dürrer Boandlkramer wirkt wie ein Karl Valentin, der mit Kirschgeist zu absurd komischer Artistik aufläuft. Die zahlreichen weiteren Darsteller erfüllen ihre Rollen tadellos. Steps Lossin ist ein dominanter Bürgermeister, Sonja Rupp als Sennerin Maria ein selbstbewusstes Frauenzimmer, Andreas Faltermeiers Wirt zieht vorsichtshalber den Kopf ein und Alois Gröbmeiers „Jagersepp“ durchstreift das Revier musterhaft.

In weiteren Rollen: Constanze Baruschke-Herwegh, Werner Gartner, Marion Michel, Alois Trautbeck, Jorgo Grebenikow, Magdalena Glück, Fritzi und Jan Binsteiner.

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