Beifallrufe für barocke Ohrwürmer

Wasserburg – In diesen trüben Zeiten ein kleines Kammerkonzert zu projektieren erfordert schon Mut, Nervenstärke und Risikobereitschaft.

Ein groß angelegtes Kirchenkonzert mit Chor, Solisten und opulenter instrumentaler Besetzung vorzubereiten aber ist waghalsig und grenzt schier an Übermut. Peter Adler, der nimmermüde Leiter von Concenti musicali, sprach im Vorfeld vorsichtig von einem Experiment: Die Musiker und Chorsänger mussten weiträumig im Chorraum der Atteler Kirche verteilt werden, einige hatten sich sogar abseits in den beiden ersten Seitenkapellen postiert. Wie würde sich dies auf die Verständigung und Präzision der Einsätze auswirken?

Taktschlagals Bezugspunkt

Bezugspunkt für diese „Außenposten“ war nur der exakte Schlag des Dirigenten. Peter Adlers Mut hat sich gelohnt: Das Konzert erwies sich nicht nur als gelungenes Experiment, sondern als überwältigendes Ereignis, das zum Beschluss nicht nur lang anhaltenden Beifall hervorrief, sondern auch begeisterte Bravo-Rufe.

Peter Adlers Domäne ist die hochbarocke Musik und in diesem Umfeld figuriert für ihn als große Lichtgestalt eindeutig der aus Wasserburg gebürtige Abraham Megerle. Dessen Name steht jedoch im Programm jeweils in eckigen Klammern, denn die Zuschreibung der Werke auf den regionalen Lokalmatador stammt von Peter Adler. Als penibler Musikwissenschaftler hat er die verschiedenen Archive durchforstet und schlüssige Beweise für seine Thesen zutage gefördert. Die manchmal bemängelte Einförmigkeit hochbarocker Musik war im aktuellen Konzert weniger denn je zu spüren. Es lag wohl auch an den unterschiedlichen Genres, die zum Teil kontrastierende Emotionen zum Ausdruck brachten: Eine Totenmesse, ein zartes Marienlob, eine herzhafte Hymne auf den heiligen Bernhard und schließlich als Hauptwerk des Abends die „Missa sopra la Bergamasca“. Der Titel bezieht sich auf die „bergamaskischen“ Tänze der damaligen Zeit, deren Schwung, Eleganz und irdisch-deftige Lebensfreude kräftig auf die Megerle-Messe abfärbten. Zur Realisierung seiner Visionen stand Peter Adler eine exzellente Truppe zur Verfügung: die Grassauer Bläser, die auf ihren historischen Instrumenten silbrig filigran agierenden Streicher, allen voran Johannes Frisch mit seinem virtuos federnden Solo im „Salve Regina“, und unentwegt im Einsatz Organistin Bernadett Mészáros. Der Edlinger Madrigalchor „Concenti musicali“ meisterte nicht nur die Tücken des großen Sicherheitsabstands; Genauigkeit der Einsätze, Reinheit auch der hohen Töne und Schlagkraft in den klangsatten Tuttistellen bereiteten keine Probleme.

SphärischesSanctus

Fünf Gesangssolisten gaben dem Klangbild den letzten Schliff: schmiegsam, schwerelos und leicht die beiden Sopranistinnen Mirjam Striegel und Hedwig Wiest. Wendig und klar der Countertenor Johannes Euler, souverän und mit sonorer Diktion der Tenor Manuel Warwitz und Michael Mantaj, Bass. In Erinnerung bleiben vor allem das sphärisch-entrückte Sanctus, der überschäumende Schluss des Gloria und die vorwärtstreibende, fugierte Hymne „Beatus iste Sanctus Bernardus“. Ein frühbarocker Ohrwurm! Walter Prokop

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