Ein Besuch mit Hansjörg Schellenberger beim Staatlichen Sinfonieorchester in Izmir

Beethoven schneller, als in der Türkei gewohnt

Hansjörg Schellenberger bei den Probem mit dem Staatlichen Sinfonieorchester von Izmir.  Foto  Frei
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Hansjörg Schellenberger bei den Probem mit dem Staatlichen Sinfonieorchester von Izmir. Foto Frei

Für die Klassik-Metropole München ist es nicht besonders schmeichelhaft, dass mittlerweile selbst im türkischen Izmir ein Konzertsaal eröffnet wurde, der akustisch weitaus besser ist als die vermurkste Philharmonie im Gasteig. Vor zwei Jahren war das. Knapp 1200 Plätze zählt der Saal, für München wäre das zu klein. Dafür aber hat sich das "Ahmed Adnan Saygun Arts Centre" zu einer wahren Attraktion gemausert. Der Name geht auf einen hier geborenen Komponisten, Dirigenten und Musikforscher zurück.

Selbst Musiker aus dem Ausland schwärmen für den Saal, einer ist Hansjörg Schellenberger. Seit 2001 dirigiert der frühere Solooboist der Berliner Philharmoniker, der in München geboren wurde und in Sachrang lebt, immer wieder beim Staatlichen Sinfonieorchester von Izmir. Das 1975 gegründete Ensemble, das zu den besten in der Türkei zählt, ist der Hauptnutzer des neuen Saals. "Mit ihm und der großen Motivation der Musiker hat das Orchester sehr gute Voraussetzungen, um sich weiterzuentwickeln", meint Schellenberger.

Diesmal war der 63-Jährige im Mai mit Ludwig van Beethoven in die graue Stadt am Meer gereist. Gemeinsam mit Daniel Stabrawa, Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern, wurde das Violinkonzert aufgeführt. Zudem gab es die fünfte Sinfonie zu hören. Und weil man sich am besten weiterentwickelt, wenn man gefordert wird, dirigierte Schellenberger die Fünfte schneller, als man es in der Türkei gewohnt ist. "Bei Beethoven sind die von ihm nachträglich eingetragenen Metronomzahlen interessant", so Schellenberger.

"Gerade die langsamen Sätze behalten stets einen Drive. Natürlich kann man sagen: 'Okay, Beethoven war später in einem anderen seelischen Zustand.' Aber man sieht, dass er ein sehr aufgewühlter, schnell fühlender Mensch war." Allerdings ist das nicht nur für Musiker in Izmir zuweilen herausfordernd. Das Fugato etwa im dritten Satz, das die Celli und Kontrabässe einleiten, kann Schwerstarbeit werden: "Sie können es nicht so schnell", hieß es prompt auf einer Probe.

Schellenberger blieb gelassen: "Keine Sorge, das ist immer noch nicht so schnell, wie es Beethoven wollte." Trotzdem ist ein solcher "historisch informierter" Beethoven in der Türkei ziemlich gewagt. "Sie schätzen das und sind letztlich weniger vorgeprägt als wir", erwidert Schellenberger. "Bei uns gibt es eine lange Aufführungstradition, die gibt es in der Türkei nicht. Generell muss die Klassik noch weiter aufgebaut werden. Zwar bewundert man hier Herbert von Karajan, das heißt aber nicht, dass man Beethoven nicht auch anders machen kann."

Für seine Interpretation der Fünften in Izmir hat sich Schellenberger vor allem von Claudio Abbado inspirieren lassen. "Seine ausgewogene Aufnahme finde ich wesentlich überzeugender als die von Nikolaus Harnoncourt. Sie ist zwar kantiger und schärfer, dem Stück wird aber zu viel Härte abverlangt. Abbado macht das eleganter." Und spätestens beim großen Applaus nach dem Konzert war dann auch der letzte Zweifler im Orchester überzeugt.

Bevor der neue Saal in Izmir eingeweiht wurde, hatte das Orchester im "Kültürpark" der westägäischen Metropole konzertiert. "Der zählte nur 600 Plätze und hatte ein trockene Akustik", erinnert sich Schellenberger. Davon ist der runde, ausgewogene Klang im neuen Saal weit entfernt. Allerdings gibt es ein anderes Problem: Bei der Bespielung des Saals mangelt es offenbar an Konzepten und an Kompetenz. Gerne hätte man darüber mit der zuständigen Direktorin geredet, die wurde aber verhaftet - wegen Missmanagements und Veruntreuung.

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