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Atelierkonzert in Hafendorf

Beethoven radikal beim Wort genommen

Der international arrivierte Solist und seine Gastgeberin.
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Der international arrivierte Solist und seine Gastgeberin.

Herbert Schuch geht es am Piano nie um Selbstdarstellung, sondern um den Geist der Musik. Sonaten von Beethoven erscheinen bei ihm in strahlender Frische. Und überraschend passend mischt er den Klassiker mit dem modernen György Ligeti.

von Walther Prokop

Immling – Vor Jahren trat der 17-jährige Gymnasiast Herbert Schuch zum ersten Mal in einem der Atelierkonzerte in Hafendorf auf. Die Gastgeberin, Antje Tesche-Mentzen prophezeite damals dem jungen Pianisten eine große Karriere. Ihre Freude, dass diese Voraussage in Erfüllung gegangen ist, wollte sie nicht verhehlen, als sie nun den längst international arrivierten Star wieder einmal als Solisten ihrer Matinee begrüßte. Ihr mit Bildern und Bronzeskulpturen reich bestücktes Atelier bot ein reizvolles Ambiente.

Kein Tastenlöwe

Herbert Schuch ist kein Tastenlöwe: Ihm Virtuosität und Brillanz zu bescheinigen, greift zu kurz, betrifft sozusagen nur die Fassade. Ihm geht es nie um Selbstdarstellung, sondern einzig um den Geist der Musik. Sein Ausspruch „Ich will die Musik nicht nur zum Klingen, sondern auch zum Sprechen bringen“ trifft den Nagel auf den Kopf!

Eine Handverletzung vor mehreren Wochen zwang den Pianisten zur Abstinenz am Klavier, und so bescherte uns das Programm statt dem Gebirge der „Hammerklaviersonate“ zwei beliebte und sozusagen überschaubare Werke aus Beethovens Oeuvre, die herrliche As-Dur-Sonate op. 26 mit dem Variationensatz und die „Mondscheinsonate“. Herbert Schuch, umrahmt von den Bildern und Plastiken der Gastgeberin, ließ vom ersten Takt an keinen Zweifel, dass er weder akademisch zu interpretieren gedenkt, noch auf äußere Effekte und blendende Originalität Wert legt.

Sonaten in strahlender Frische

Er nimmt Beethoven radikal beim Wort, und so wurden die Zuhörer mit einer Lesart beglückt, welche die oft gehörten Sonaten in strahlender Frische erscheinen ließen. Ein paar Spots nur, da wir leider dieses Spiel nicht eins zu eins schildern können: Die einzelnen Sätze gingen meist nahtlos ineinander über. Das geschah besonders eindrucksvoll nach dem „Trauermarsch“.

Der erste zarte Ton des Finales, der dann in perlender Bewegtheit die Benommenheit der Trauer wegfegte, deutete den letzten Satz nicht als „Rausschmeißer“, sondern als lösende Katharsis. Übrigens geriet der „Marcia Funebre sulla morte d’un Eroe“ nicht in die Nähe einer schwärmerischen Heldenverehrung: Fast zornig markierten die scharfen Akzente, die drohenden Trommelwirbel eine Distanz zudiesem „Heroen“. Schon Beethoven hatte ja erlebt, dass diese „charismatischen“ Volksverführer flugs zu Menschenschlächtern mutieren. Wir können das heute nur zu gut nachvollziehen...

Die „Mondscheinsonate“ bei hellem Sonnenschein: Herbert Schuch verscheuchte aus dieser Musik alle verträumte Sentimentalität, die Generationen von Klaviereleven hier abgelagert haben, und steigerte diesen Satz zu einem komprimierten, sehr ernsten Gedankenspiel, ohne auf Seele zu verzichten.

Klassik und Moderne

Der eigentliche Clou des Programms kam dennoch nach der Pause: Herbert Schuch, der die Avantgarde des 20. Jahrhunderts ebenso ernst nimmt wie die allseits goutierte Klassik, verzahnte die elf Bagatellen op. 119 von Beethoven mit den ebenfalls elf Klavierstücken der „Musica ricercata“ von György Ligeti, dem nach Bartok bedeutendsten ungarischen Komponisten und zudem einem der Leuchttürme der Moderne.

Das raffinierte Prinzip bei Ligeti: Das erste Stück verwendet nur einen Ton, das zweite zwei und so fort. Aus dieser bewussten Reduktion entfaltet der Komponist jedoch einen äußerst farbigen, rhythmisch wirbelnden und pianistisch mörderisch anspruchsvollen Kosmos.

Dabei gelangen Ligeti sogar sehr empfindsame und vergnüglich unterhaltsame Passagen, auch wenn eine grummelnde Stimme aus dem Publikum „Scheußlich!“ kommentierte. Dieser Einschätzung können wir allerdings nicht zustimmen; im Gegenteil: Nicht nur Ligeti ist genial (Beethoven ja sowieso!), sondern auch Herbert Schuchs Idee, diese beiden tatsächlichen Heroen sich so hautnah und auf Augenhöhe begegnen zu lassen.

Gegen Ende wusste man fast nicht mehr, Beethoven oder Ligeti - oder umgekehrt?

Das sehr zahlreich erschienene Publikum sparte nicht mit Ovationen.

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