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Tiroler Winter-Festspiele

Bachs Weihnachtsoratorium mit viel Dramatik und wenig Innerlichkeit

Die Solisten (von links) Marie-Sophie Pollak, Ilker Arcayürek, Corinna Scheurle und Frederic Jost stimmen das Schluss-Rezitativ an.
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Die Solisten (von links) Marie-Sophie Pollak, Ilker Arcayürek, Corinna Scheurle und Frederic Jost stimmen das Schluss-Rezitativ an.

Traditionsgemäß begannen auch heuer die Winter-Festspiele in Erl mit Bachs Weihnachtsoratorium. Dirigent Erik Nielsen, ein ausgewiesener Opern-Spezialist, bot mit Chor und Orchester der Festspiele sowie Gesangssolisten ein Oratorium von glanzvoller Dramatik, aber wenig Innehalten und Innerlichkeit.

Erl – In jedem Jahr beginnen die Winter-Festspiele mit Bachs Weihnachtsoratorium. Puristen mögen pikiert sein, weil es nicht in einer Kirche erklingt, Wirkung zeigt es aber doch. Der amerikanische Dirigent Erik Nielsen ist ein ausgewiesener Opern-Fachmann, er begreift das Weihnachtsoratorium als ein in Teilen opernhaftes Geschehen – womit er in Teilen Recht hat. Jedenfalls kennt er es bis in die kleinsten Orchesternuancen, was er, dirigiertechnisch perfekt, auch zeigt.

Orchester hervorragend besetzt

Dabei holt er viele Einzelheiten aus dem an allen Pulten hervorragend besetzten Orchester der Tiroler Festspiele heraus, dessen Trompeten nicht nur bravourös glänzen, sondern auch weich intonieren können, dessen Flöten so süß wie scharf spielen können und dessen Holzbläser einfach umwerfend gut sind. Mit diesen Pfunden wuchert Erik Nielsen kräftig und macht das Weihnachtsoratorium fast zu einem Orchesterkonzert.

Doch Bachs Weihnachtsoratorium ist vor allem ein Chor-Oratorium. Der gut einstudierte Festspielchor singt exakt, die Frauen klingen hochfrequenzig scharf, der Bass warm, aber nicht machtvoll, die Tenöre erstaunlich dünn. Nielsen wählt immer rasche, eilige, vorantreibende Tempi, als wolle er die Dramatik des weihnachtlichen Geschehens beschwören, gewährt aber selten Raum zur reflexiven Verinnerlichung, zu pietistischen Innerlichkeit. Kein majestätisches Paukengedonner beim Anfangs-Jauchzen, das „Jauchzet, frohlocket“ exakt mit keiner Betonung der rhythmusgebenden Eins des Dreiertaktes. Erst langsam, erst in Nr. 36 („Fallt mit Danken“) bricht die Tanzfreude dieses Taktes, die doch so viele Nummern dieses Oratoriums prägt, sich Bahn.

Rhetorische Kunstpausen

Bedeutung schafft Nielsen, indem er in den Chorälen deutliche rhetorische Kunstpausen macht. Aber „Ach mein herzliebes Jesulein“ erklingt in neutralem Mezzoforte, nicht in anbetendem oder staunendem Piano, auch das beschworene Morgenlicht bricht nicht machtvoll durch. Den Chor dirigiert Nielsen auch meist summarisch, lässt alles munter fließen, der Chor „Ehre sei Dir, Gott“ immerhin ist sportlich flott gesungen. Gottseidank erklang der Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“ endlich einigermaßen innig.

Ein verlogener Herodes

Die Arien eilen genauso in dramatischem Tempo dahin. Der in den Höhen etwas offene Bass von Frederic Jost ist herrscherlich und recht pathetisch, als Herodes richtig verlogen pathetisch. Corinna Scheurle singt ihre Alt-Arien mit opernhaft üppig-vollblütiger, bisweilen etwas flackernder Stimme ohne samtene Innigkeit: mehr Carmen als zärtliche Braut Christi oder Mutter. Ilker Arcayürek muss nicht nur den Evangelisten, sondern auch alle Arien singen und tut dies mit hellem, in den Höhen bisweilen gefährdetem Tenor, guter Legato-Kultur und viel Einfühlungsvermögen in den Text, von dem er am Schluss geradezu entflammt scheint.

Das Morgenlicht bricht an

Die schönsten Momente, die „Verweile-doch“-Stellen aber bietet der Sopran, dessen wenige Arien dadurch zum Zentrum werden: Wenn Marie-Sophie Pollak zu singen beginnt, bricht das schöne Morgenlicht an. Schon im Duett mit dem Bass („Herr, dein Mitleid“) ließ ihr natürlich klingender, mühelos intonierender und doch vollklingender Sopran aufhorchen.

Von überirdischerSchönheit

Doch ihre Echo-Arie war überirdisch schön: Die Gesangslinie im wiegenden, fast einlullenden Sechs-Achtel-Takt erfüllte sie mit bebendem Leben und gläubiger Anmut in natürlichem agogischen wie dynamischen Fluss, aufblühend und dann wieder zärtlich zurücksinkend. Sie machte deutlich, was Günter Jena, früherer Kirchenmusikdirektor der Hamburger Michaeliskirche, in seiner Monografie über dieses Weihnachtsoratorium schreibt: „Es gibt kaum eine Szene im ganzen Oratorium, die so in persönliche Seelentiefen hineinführt wie diese lichte Echo-Arie.“ Mit Marie-Sophie Pollak kam Weihnachten.

Mit der Sopranistin Marie-Sophie Pollak brach das schöne Morgenlicht an.

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