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Martin Pfisterer las aus Goethes "Werther" bei Goethe-Gesellschaft

Mit außergewöhnlicher Sprechkunst

Napoleon soll ihn angeblich siebenmal gelesen haben. Zum Zeitpunkt seines Erscheinens machte er den jungen Autor mit einem Schlag international bekannt.

Die Rede ist von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", mit dessen verzweifelter Seelenlage sich später nicht immer zur ungetrübten Freude auch Generationen von Schülern beschäftigen mussten. Der Sprechtrainer und Rezitator Martin Pfisterer hat auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof am Ludwigsplatz einige Passagen aus dem 1774 erschienenen Briefroman vorgetragen.

Pfisterer, der zunächst kurz den Inhalt des Romans wiedergab, trug die einzelnen Texte mit einer außergewöhnlichen Sprechkunst vor. Werther liebt Lotte, die aber mit Albert verbunden ist. Am 30. Oktober schildert Werther in einem Brief an seinen Freund Wilhelm Lottes Liebenswürdigkeit und ist verzweifelt darüber, dass er sie nicht berühren darf. Zugreifen sei doch der natürlichste Trieb der Menschheit. Mit naiver Fassungslosigkeit, ohnmächtig und hilflos, aber zugleich drängend und leidenschaftlich, zitierte Pfisterer den unglücklichen Protagonisten: "Greifen die Kinder denn nicht nach allem was ihnen in den Sinn fällt?"

Immer gelang es Pfisterer, für die schwankenden Stimmungen Werthers zwischen Überschwang und müder Resignation den angemessenen Tonfall zu finden. Der Hörer erlebte diese Berg- und Talfahrt der Gefühle mit innerer Anteilnahme, auch wenn die emphatische Sprache Goethes bisweilen ein wenig antiquiert wirkte. Als Lotte Werther einmal die Hand reicht und sich von ihm verabschiedet, lud Pfisterer jedes einzelne Wort dieses "Adieu! Lieber Werther" mit Gefühl auf, seufzt ungläubig entzückt, ergriffen, dankbar.

Werthers Theatralik, sein gekränkter Narzissmus, seine Unfähigkeit, mit der Realität zurechtzukommen, gestaltete der Rezitator als einen beklemmenden, auf wühlenden Monolog. Oft besaß seine Diktion eine schneidende Schärfe und Unerbittlichkeit. Wunderbar innig und gefühlstrunken hingegen sprach Pfisterer Werthers Beschreibungen der Natur, an deren Schönheit der Liebende sich erfreut wie ein Kind, brachte mit seiner großen Stimmgewandtheit den Text gleichsam zum Leuchten.

Für die über einstündige schauspielerische Lesung erhielt Pfisterer, ohne am Ende etwa angestrengt oder ermüdet zu wirken, von den zahlreichen Hörern langen, begeisterten Applaus.

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