Auftakt der Musikfilmtage Oberaudorf: Vom Walchensee in die Welt

Diese drei Frauen stehen im Zentrum von „Walchensee“: Anna, Nora und die Regisseurin Janna Ji Wonders (von links).
+
Diese drei Frauen stehen im Zentrum von „Walchensee“: Anna, Nora und die Regisseurin Janna Ji Wonders (von links).

„Walchensee forever“, so lautet der Titel des Dokumentarfilms der Regisseurin Janna Ji Wonders, mit dem am heutigen Mittwoch um 19 Uhr im Kursaal die Musikfilmtage Oberaudorf ihr Programm eröffnen.

von Andreas Friedrich

Oberaudorf – Allerdings stehen weder die Landschaft rund um den See noch Musik im Zentrum des fast zweistündigen Films, sondern die Frauen ihrer Familie. Alle haben ihre eigene, besondere Geschichte, die in Rückblenden und Gesprächspassagen geschildert wird.

Behutsam und eindringlich widmet sich der Film der Herkunft der ein Café betreibenden Familie, die ursprünglich nicht vom Walchensee, sondern vom Schliersee stammt – dort zog man vor über 100 Jahren wegen einer Epidemie weg und siedelte sich neu an. Schon früh gestaltete sich das Familienleben nicht typisch bayerisch, denn ein junger Friese verliebte sich in Nora, die im hohen Alter immer noch die Gastronomie weiterbetrieb. Die Erziehung der Töchter Anna und Frauke war streng, denn der eigentlich künstlerisch ambitionierte Vater litt unter Kriegstraumata. Beide Schwestern gingen in beruflich in kreative und pädagogische Bereiche, Anna studierte Fotografie und Frauke wurde Lehrerin.

Die wilde, experimentierfreudige Zeit und das Milieu der „Achtundsechziger“ zog die Frauen an, sie reisten als Musikerinnen nach Mexiko, verehrten einen indischen Meister beziehungsweise Guru und lernten den Kommunarden Rainer Langhans kennen, der im Film ebenfalls interviewt wird. Immer tragischer entwickelt sich Frauke, sie wird zur psychiatrische Behandlung eingewiesen und begeht später Suizid – eine tiefe Zeit der Trauer am Walchensee.

Anna lebt mit drei anderen Frauen zeitweise im „Harem“ von Langhans, zieht später in die Nähe von San Francisco, bekommt aber Heimweh und kehrt zurück.

Im Film von Janna Ji Wonders entsteht für die Zuschauer ein Porträt mehrerer engagierter und besonderer Frauen auf der Suche – voller Lebensfreude und Tatendrang, aber auch voller Wehmut und Verletztheit. In den letzten Sequenzen wechseln die Regisseurin und Anna noch die Rollen, die Autorin wird nach ihren eigenen Kindheitserinnerungen gefragt, und mit neuem Leben setzt sich die Familiengeschichte fort.

„Walchensee“ ist ein eindringlicher und sehr intimer Film mit einer interessanten Familiengeschichte geworden, der aber über ein reines Familienporträt hinausgeht. In den Biografien der Frauen spiegeln sich ein Stück Zeitgeschichte und typische Konflikte zwischen Tradition und Experiment, Bodenständigkeit und Abenteuerlust. Eine Dokumentation, die nachdenklich macht und berührt.

Kommentare