Aufstiege und Abgründe

Hubbi Schlemer: „Bergschuah“, 252 Seiten, ISBN 978-3-00-060230-6, 17 Euro. Bestellbar am besten direkt beim Verfasser unter info@hubbi.net. re

Nach seinem Erstling „Gute Nacht Supermacht“, einem kuriosen Fantasy-Roman, hat der Kneipenwirt, Kulturveranstalter und Schauspieler Hubbi Schlemer einen neuen Roman nachgelegt.

Schon das Cover gibt dem Betrachter ein gewisses Rätsel auf, denn Motiv und Buchtitel wollen nicht so recht zusammenpassen: „Bergschuah“ heißt das Werk, abgebildet sind aber ein Paar Turnschuhe – dieser Widerspruch zieht sich als Leitmotiv durch die Handlung. Protagonist ist der zu Beginn 29-jährige Matthias Flinger, Senn auf der fiktiven Dreischichtalm, irgendwo in den Chiemgauer Bergen.

Er lebt ab vom Schuss auf seiner Alm und steigt nur selten ab, um dann dem „Gamsei“, dem Betreiber des „Höhenwirts“, seinen Käse zu liefern. Er ist ein einfacher Bergbauernbub, wortkarg und „unerfahren in der Wahrnehmung und Handhabung von Gefühlen“, so im Eingangskapitel des Romans. Doch ab und zu lässt er sich vom Alkohol hinreißen, dann gilt er bei seinen wenigen Spezln als guter Unterhalter. Hinreißen lässt er sich auch, obwohl in eine andere verliebt, bei einem Dorffest von Violetta, der „Dorfmatratze“, und ihrem verführerischen Dekolleté: Nach einer rauschhaften Liebesnacht auf dem Tennisplatz gesteht Violetta ihm ihre Schwangerschaft und tauft den Sohn passend zum Schauplatz, aber beleidigend für den traditionsbewussten Matthias auf den Namen „Dennis“.

Matthias igelt sich auf seiner Hütte ein, zahlt gehorsam Alimente und beäugt seinen Sohn nur von fern. Viele Jahre später besucht Dennis, inzwischen Bergführer, Matthias auf der Alm und freundet sich mit ihm an, nicht wissend, dass der sein Vater ist. Doch die Dinge nehmen ihren Lauf, als ein „Zugezogener“ mit Turnschuhen den nahen Gipfel erklimmen will und in Bergnot gerät. Der bisherige Heimatroman wird zum finsteren und teils grotesken Thriller, in den Aufstiegen in die Berge entdeckt Matthias immer mehr die eigenen Abgründe, was durchaus fesseln kann.

Hubbi Schlemer gelingt der Spagat zwischen vermeintlich harmloser Heimathandlung, Beziehungs-Techtelmechtel und Krimiplot ganz gut und dringt dabei in die Gedankenwelt eines Sonderlings ein, der sich von der Welt weitgehend abkapselt.

Alkohol und Wahnvorstellungen brachte Schlemer in seinem Stück „Der Herr der Räusche“ schon einmal auf die Bühne, jetzt spiegelt sich das Thema in seinem Roman wider, der die Dialoge in Mundart wiedergibt. Dies wirkt sperrig, aber auch authentisch. Ursprünglich sollte die Geschichte sowieso ein Drehbuch werden, dann kam die Idee für einen Roman. Hubbi Schlemer ist mit „Bergschuah“ ein ungewöhnlicher Heimatroman gelungen.

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