Eröffnung der Wasserburger Theatertage mit einer Lesung des Burgschauspielers Udo Samel

Anspruchsvoller Kleist zum Auftakt

Burgschauspieler Udo Samel eröffnete die Wasserburger Theatertage mit einer Kleist-Lesung.  Foto  Flamm
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Burgschauspieler Udo Samel eröffnete die Wasserburger Theatertage mit einer Kleist-Lesung. Foto Flamm

Hochbetrieb herrscht derzeit im Theater Belacqua. Die bayerischen Privattheater treffen sich zu den siebten Wasserburger Theatertagen. Neben dem Fachdiskurs steht eine Reihe von Gastspielen auf dem Programm. Fixpunkt ist wie jedes Jahr der Eröffnungsbeitrag von Udo Samel vom Wiener Burgtheater. Dazu hatte der Grimme-Preisträger eine Lesung aus dem Werk "Aufsätze und Anekdoten" von Heinrich von Kleist gewählt.

In Mittelpunkt des Abends stand Kleists Essay "Über das Marionettentheater". Darin versucht der Dichter, die komplexen Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und Verhalten aus philosophischer Sichtweise zu ergründen. Der um 1810 in den "Berliner Abendblättern" erschienene Aufsatz gewährt detaillierte Einblicke in Kleists Lebensphilosophie und Kunstverständnis.

Ein Erzähler berichtet von einem Zwiegespräch mit einem Tänzer, den er wegen seiner Grazie bewundert. Er hat ihn mehrere Male beim Besuch eines Marionettentheaters gesehen. Der Angesprochene entgegnet, wie sehr ihn wiederum die "natürliche Grazie" der Bewegungen der Puppen fasziniere und welche Lehre er daraus zieht: Es gebe eine natürliche Anmut, die sich nur in völliger Abwesenheit von Bewusstsein manifestiere. Im weiteren Gespräch wird folgende These aufgestellt: Nur das absolute Fehlen von Bewusstsein wie beim "Gliedermann" im Marionettentheater oder aber das genaue Gegenteil, ein vollständiges und gottgleiches Bewusstsein, ist in der Lage, natürliches Verhalten zu erzeugen. Vollendete Anmut und Natürlichkeit besitzt demnach nur jemand, der sich völlig unbefangen wie ein Kind verhält oder aber sein Verhalten durch totale rationale Kontrolle steuert.

Brillant in Sprache und Ausdruck verstand es Udo Samel, Kleists anspruchsvolle Texte greifbar und amüsant zu vermitteln. Welch tiefgründige Weisheit sich in den Anekdoten verbirgt, zeigte auch die Betrachtung zum "allerneuesten Erziehungsplan". Kleist nahm darin die gerade entdeckten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Elektrizität zum Anlass, um zu zeigen, wie schnell sich menschliche Verhaltensweisen ins absolute Gegenteil verkehren können. Zudem stellte er satirisch der Schule der allgemeinen Tugenden jene der persönlichen Laster gegenüber: "In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und Verleumdung wird meine Frau Unterricht erteilen. Liederlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei behalte ich mir bevor."

Was Burgschauspieler Udo Samel an künstlerischem Renommee erreicht hat, blieb dem Dichter Heinrich von Kleist zeitlebens verwehrt. Kleist galt als großer Patriot; bei der intellektuellen Elite seiner Zeit hingegen, allen voran Goethe, stieß er nur auf Ablehnung. Zudem hatte er sich mit August Wilhelm Iffland, dem übermächtigen Generaldirektor der Königlichen Schauspiele in Berlin, überworfen. Seine Stücke wurden einfach ignoriert. Erst im frühen 20. Jahrhundert sollte Kleist als Vorkämpfer für die Moderne wieder entdeckt werden. Sein Leben war geprägt von der ruhelosen Suche nach einem Glück, das er niemals finden sollte. Gemeinsam mit seiner todkranken Freundin Henriette Vogel suchte er im November 1811 am kleinen Wannsee bei Potsdam den Freitod. Er erschoss zuerst Henriette und dann sich selbst. Beide wurden an Ort und Stelle auch begraben. Selbstmördern war die Bestattung auf einem kirchlichen Friedhof zur damaligen Zeit verboten.

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