Antonia Wille aus Waldkraiburg hatte Angst wegen ihres Buches stigmatisiert zu werden

Ein starkes Vorbild:Antonia Wille arbeitet als Bloggerin und freie Journalistin. Jetzt hat sie ein Buch über ihre Angststörung geschrieben. Seit sie elf Jahre alt ist, leidet sie an dieser seelischen Erkrankung. Stefanie Müller
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Waldkraiburg - Jede sechste Frau in Deutschland leidet an einer Angststörung. Auch Antonia Wille (33). Jetzt hat die Bloggerin und Journalistin, die ihre Ausbildung bei den OVB-Heimatzeitungen absolvierte, das Buch „Angstphase“ geschrieben. Ein Interview mit der gebürtigen Waldkraiburgerin

Wie geht es Ihnen in Zeiten von Corona?

Antonia Wille: „Mir geht es gerade sehr gut. Aber natürlich hatte ich auch Momente, in denen ich kurz gehadert habe, wie ich diese Situation überstehen soll. Mir hat am Anfang vor allem die Ausgangsbeschränkung Sorge gemacht. Ich hatte Angst davor, eingesperrt zu sein und keine Kontrolle über die Situation zu haben.“

Seit Sie elf Jahre alt sind, leiden Sie an einer Angststörung. Wie haben Sie gelernt, damit umzugehen?

Wille: „Durch meinen Therapeuten habe ich gelernt, dass ich die Angst ernst nehmen muss. Ich muss ihr zuhören, und hinterfragen, was sie mir mitteilen will. Oft will sie mir nämlich gar nichts Böses, sondern sagt nur: „Pass auf dich auf“. Heute weiß ich, worauf ich in meinem Leben achten muss, damit sich die Angst erst gar nicht meldet.“

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Worauf achten Sie?

Wille: „Ich versuche, meinen beruflichen Stress besser zu managen. Ich achte darauf, dass es mir gut geht, dass ich genügend Entspannung habe und dass ich ganz bewusst lebe. Ich denke, meine Angststörung wird mich mein Leben lang begleiten. Das Ziel ist es trotzdem, so frei und unabhängig wie möglich zu leben – trotz Angst.“

Sie gehen mit ihrer Erkrankung sehr offen um, haben sogar ein Buch darüber geschrieben. War das schon immer so?

Wille: „Nein, das war natürlich ein Prozess. Als Teenager habe ich niemanden von meiner Angststörung erzählt oder davon, dass ich zur Therapie gehe. Seelische Erkrankungen waren vor 20 Jahren vor allem auf dem Land in Oberbayern kein Thema; darüber hat man nicht gesprochen. Weil mein Fehlen auf Klassenausflügen, Partys und auf der Abschlussfahrt Fragen aufgeworfen hat, musste ich es irgendwann meinen engsten Freundinnen sagen. Beruflich habe ich es lange für mich behalten, weil ich Angst hatte, dass es negative Auswirkungen auf meine Karriere haben könnte.“

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Was hat sich geändert?

Wille: „Ich wollte nicht mehr ständig Ausreden erfinden und dadurch mich selbst verleugnen. Also hab ich je nach Situation angefangen, auch meinen Auftraggebern von meiner seelischen Erkrankung zu erzählen. Die meisten Menschen haben sehr positiv reagiert und vor allem weiterhin Antonia, die Journalistin, gesehen.“

Wer bis jetzt noch nicht wusste, dass Sie an einer Angststörung leiden, weiß es spätestens seit dem Erscheinen Ihres Buches.

Wille: „Ja, das stimmt. Ich habe lange überlegt, ob der Schritt, ein Buch zu schreiben, der richtige ist. Ich hatte Sorge, dass ich dadurch eventuell meiner Karriere schade. Dass Leute, die wissen, dass ich eine Angststörung habe, mich von vornerein nicht mehr einplanen. Obwohl ich meine Angst gut im Griff habe und einen guten Job machen kann.“

Wieso haben Sie sich trotz dieser Vorgeschichte schließlich dafür entschieden, das Buch zu schreiben?

Wille: „Ich wünsche mir Veränderung, gerade im Umgang mit seelischen Erkrankungen. Nur: Wenn niemand darüber spricht, wird sich nichts verändern. Also braucht es Menschen, die vorangehen und zeigen: Ein erfülltes, erfolgreiches Leben ist möglich, trotz und vielleicht auch wegen der Angst. Das war Motivation genug für mich, um dieses Buch zu schreiben.“

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Wie ist die Resonanz bisher?

Wille: „Das Feedback ist durchweg gut. Die meisten sagen, das Buch sei sehr nah, authentisch und menschlich. Mir war es wichtig ein positives, Mut machendes Buch zu schreiben. Ein Buch, das zeigt, dass Ängste und Panikattacken zwar blöd und ätzend sind, aber dass sie eben nicht das ganze Leben ausmachen. Sie mindern nicht den Wert eines Menschen, sondern machen ihn im Gegenteil eher menschlicher. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen.“

Also wollen Sie mit ihrem Buch anderen Betroffenen helfen?

Wille: „Ich will zeigen, dass es okay ist, wenn man Ängste und andere seelische Erkrankungen hat. Dass es okay ist, offen darüber zu sprechen. Es ist okay, starke und schwache Momente zu haben. Wenn Leute wie ich nicht vorangehen, wie sollen dann Menschen, die keine Reichweite haben oder nicht in der Öffentlichkeit stehen, überhaupt jemals den Mut haben, sich anderen anzuvertrauen?“

Glauben Sie, das ist Ihnen gelungen?

Wille: Ja. Die Rückmeldungen sind toll. Und vor allem mit ganz viel Dankbarkeit versehen. Die Leser sind froh, dass jemand offen über das Thema Angststörung spricht.

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Wie geht die Gesellschaft generell mit Menschen um, die an seelischen Erkrankungen leiden?

Wille: „Ich glaube, die Gesellschaft ist offener geworden. Das Thema ist mehr in den Fokus gerückt. Trotzdem scheuen sich viele Menschen davor, über seelische Erkrankungen zu sprechen. Bis heute fürchten Menschen immer noch Stigmatisierung. Aber unsere mentale Gesundheit ist genauso wichtig wie die körperliche. Gerade jetzt, während der Corona-Zeit haben es Menschen mit seelischen Erkrankungen noch mal schwerer.“

Ihr Buch ist mitten in der Corona-Krise erschienen. Die Veröffentlichung Ihres ersten Buches hätten Sie sich sicherlich anders vorgestellt, oder?

Wille: „Ja, auf jeden Fall. Ich habe lange auf diesen Moment gewartet. Ich wollte am Erscheinungstag früh aufstehen und in den Buchladen radeln. Am Abend sollte mit Freunden gefeiert werden. Das fiel natürlich alles flach. Am Abend habe ich trotzdem mit meinen Freuden angestoßen, nur eben virtuell. Ich hole die Momente einfach nach, sobald sich die Situation etwas gelegt hat.“

Wie wird das Buch jetzt beworben?

Wille:„Wir haben die Bewerbung und das Marketing meines Buches ins Digitale verlagert. Das Gute ist, dass ich ja seit Jahren online als Journalistin und Bloggerin arbeite und das somit nichts Unbekanntes ist. Meine Lesungen halte ich halt online ab.“

Wie war die erste Online-Lesung?

Wille: „Es ist natürlich anders, als wenn ich direkt vor den Leuten sprechen würde. Auch, weil ich keine direkte Reaktion bekomme, dafür gibt es jetzt eben digitale Herzchen. Ich bin froh, dass es die Möglichkeit gibt, Leuten mein Buch auf diesem Weg nahezubringen und darüber zu reden. Das macht auch Spaß und die Resonanz ist toll.“

Waren Sie aufgeregt?

Wille: „Es war ein freudiges Aufgeregtsein. Seinen eigenen Text vorzulesen, ist etwas sehr Intimes. Natürlich weiß ich, dass Leute mein Buch lesen werden. Aber da bin ich nun leider nicht dabei.“

Wer sollte Ihr Buch lesen?

Wille: „Mir ist klar, dass nicht jeder Mensch an einer Angststörung leidet. Zum Glück. Aber jeder hat Momente, in denen er Angst hat, traurig ist oder Schwäche zeigt. Und ich glaube, auch diejenigen können sich mit meinem Buch identifizieren.“

Haben Sie Ratschläge für junge Frauen, die an einer Angststörung leiden?

Wille: „Es ist wichtig, sich der Angst zu stellen und offen darüber zu sprechen, dann merkt man schnell: Man ist nicht allein. Außerdem helfen mir Sport und ein entschleunigtes Leben, um die Angst in Zaum zu halten“.

Überlegen Sie, ein zweites Buch zu schreiben?

Wille: „Schreiben ist mein Beruf, deshalb lautet die Antwort klar: Ja! Als nächstes würde ich gerne einen Roman schreiben.“

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