„Am Anfang habe ich die Absagen noch mitgezählt“

Rosenheim – Der Jazzpianist und -komponist Leo Betzl, Förderpreisträger 2016, hat mittlerweile noch mehr Preise eingeheimst: 2015 bekam er von der Münchner Musikhochschule den Kurt Maas Jazz Award und den Bayerischen Kunstförderpreis, 2019 gewann er mit seinem LBT-Trio das Finale des BMW Welt Jazz Award und kurz darauf den Nachwuchs-Preis der Jazzwoche Burghausen.

Herr Betzl, wie geht es Ihnen?

Ich habe eigentlich Corona mehr als Phantom erlebt. Ich habe selber gar nichts gespürt und auch im engsten Umfeld war diesbezüglich gar nichts los. Am Anfang war ich etwas fatalistisch, dann haben wir, mein LBT-Trio, uns überlegt, dass wir die Zeit sinnvoll nutzen könnten. Diesen Herbst wollten wir ins Studio gehen für eine neue CD. Das haben wir jetzt vorgezogen und intensiv geprobt.

Hatten Sie finanzielle Einbußen?

Natürlich merkt man es am Kontostand. Ein paar Kollegen von mir hat es aber noch heftiger getroffen. Bei mir hat sich doch etwas Erspartes angehäuft.

Sie haben die Ersthilfe beantragt?

Ja, als diese für Soloselbstständige freigeschaltet wurde. Dann ist rausgekommen, dass es hauptsächlich für Betriebskosten gedacht war und nicht für Lebensunterhaltskosten. Ich habe keinen extra Probenraum und kein Büro, bei mir spielt sich alles in der Wohnung ab, wo ich komponiere und übe am E-Piano. Ich kann also all dies nicht geltend machen. Nach neun Wochen habe ich eine Antwort bekommen, nämlich die Absage. Das Problem war: In der Zwischenzeit hat es auch eine Künstlerhilfe gegeben, dreimal bis zu 1000 Euro pro Monat. Die konnte ich aber nicht beantragen, weil der andere Antrag noch offen war. Das kann ich wahrscheinlich noch mal probieren.

Waren es viele Auftritte, die abgesagt werden mussten?

Am Anfang hab ich mitgezählt, da war jede Absage sehr schmerzlich. Wir hätten beispielsweise im Schwarzwald-Musikfestival und am Tag vorher in Köln gespielt. Der nächste Auftritt ist Ende Juni, die anderen Termine beachte ich im Kalender nicht mehr. Zum Glück sind die meisten Engagements aufs nächste Jahr verschoben worden, aber natürlich kollidieren die Auftritte, die man nächstes Jahr bekommen hätte, mit den verschobenen.

Wie haben Sie die Zeit überbrückt?

Zum Glück durfte ich zwei Life-Streaming-Konzerte spielen, eine Stunde Solo-Jazzklavier, da musste ich mir ein Programm zurechtlegen und habe mir dafür eine Woche Zeit genommen. Denn in der letzten Zeit war ich doch eher mit Ensembles unterwegs. Und dann räumen wir gerade ein Haus aus, das umgebaut wird für mich und meine Freundin.

Was erwarten Sie für die Zukunft?

Mit meinem Trio spielen wir in kleineren Jazz-Clubs und auch in größeren Sälen. Es wird Auflagen geben, die Konzerte werden kürzer sein und ohne Pause. Das macht wahrscheinlich nicht so viel Spaß. Aber nach der Durststrecke von drei Monaten könnte ich mir vorstellen, dass die Clubs so voll werden, wie sie dürfen. Mein Eindruck ist, dass die Leute auch wieder Lust auf Musik haben.

Interview: Rainer W. Janka

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