Vor dem Abriss beeindruckende Kunst in allen Etagen des Bad Aiblinger Rathauses

Das alte Rathaus als Gesamtkunstwerk

Gerlinde Becker und Silke Hoffmann: "FACIT"
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Gerlinde Becker und Silke Hoffmann: "FACIT"

Als Siebziger-Jahre-Bau ist das Bad Aiblinger Rathaus durch einen eher schmucklos-nüchternen Architekturstil gekennzeichnet. Auch bezüglich seiner Funktion war das Gebäude bisher im Zusammenhang mit Bürokratie und einzuhaltenden Regularien zu sehen. Doch es hat nach all der Zeit betonter Funktionalität eine Transformation erlebt. Die ist tiefgreifend und bereits äußerlich sichtbar. Graffitis finden sich an den Wänden, Schriftzüge auf den Fenstern, Skulpturen auf dem Vorplatz. Bilder und Buntheit herrschen dort. In das gesamte Gebäude ist ein völlig anderes Leben mit überschäumender, mannigfaltiger Kreativität eingekehrt.

Grund der erstaunlichen Transformation ist der im März anstehende Abriss des Rathauses. Vor dessen Neubau bekam der Kunstverein Bad Aibling seitens der Stadt die Möglichkeit, das Gebäude als riesige Ausstellungsfläche zu nutzen, als temporäres Aiblinger Haus der Kunst, beeindruckend bezüglich der Zahlen genauso wie der Kooperationen und natürlich der künstlerischen Vielfalt.

Geradewegs überrannt wurde der Kunstverein Bad Aibling, als klar war, dass das Kunst- und Kulturprojekt "Vorabriss Rathaus" stattfinden würde. Über 100 Künstler bewarben sich. Der Platz von rund 2.500 Quadratmetern auf fünf Ebenen mit 35 Zimmern reichte nur für 55 Ausstellende. Eine Auswahl musste getroffen werden. Zudem beteiligten sich alle Aiblinger Schulen, genauso wie das Gymnasium Bruckmühl. Auch die Volkshochschule und das Fokus Familiennetzwerk sind vertreten, in separaten Räumlichkeiten oder mit Werken, die einfach an die Wände gemalt oder gesprayt wurden. Das Rathaus hat sich in ein Gesamtkunstwerk verwandelt.

Gemälde, Installationen, Objekte, Skulpturen, Fotografien, auch einmal Textilkunst oder Schmuck finden sich. Wichtig war dem Kunstverein Bad Aibling ein Konzept, insbesondere im Bezug auf das Rathaus, dessen Bedeutung und Funktion im Allgemeinen oder seine einzelnen Räumlichkeiten. Eine Idee, die von einer ganzen Reihe der Künstler gerne aufgegriffen wurde, um individuelle Werke für den Anlass zu schaffen, die teils auch viel Arbeitszeit in den einzelnen Zimmern vor Ort bedeuteten.

Ein "FACIT" zogen Gerlinde Becker und Silke Hoffmann. Mit einer Masse an Zahlen, Schriftstücken, Gesetzestexten und Bildern, die in jedem Rathaus vorhanden sind, überfluteten sie einen ganzen Raum, mit gelenkten Papierbahnen, als Sinnbild der Datenflut. Ein- und Ausblicke, die Verbindung des Hauses mit den Bürgern, aber auch als Einheit in sich und aktuellem Ort der Kunst bot Wolfgang Marquart durch "Switch", mit Türdurchbruch, Gemälden und Wandmalereien, die durch das Gebäude führten. Die derzeitige Situation des Rathauses in Anspielung auf die Gesellschaft nimmt Dragan Jukic mit "Irgendwo dazwischen" auf. Mit Malerei, Fotografie, Druckgraphik und Gegenständen aus dem Atelier zeigt er das Unfertige zwischen Chaos und Ordnung, das Menschen und Gebäude gleichermaßen begleitet.

Das Sozialamt betrachteten Ruta Dressler und Maximiliane Baumgartner genauer, als Inszenierung im menschlichen Kontext, mit vielen Akteuren: der Intrigantin, der Antragstellerin, dem Anschaffenden, der Ausführerin, einer Darstellung von Macht, Hilfsbedürftigkeit oder gespielter Ohnmacht, Urteilen und Vorurteilen. Das Ordnungsamt inspirierte drei Künstler. Gerhard Leder präsentiert dort hervorragend realistische Bleistiftzeichnungen ländlicher Ansichten. Der Aufgeräumtheit, aber auch Schönheit, gesellt er eine "Kopfgesellschaft" als Objekt bei, brav geordnet, aber in jener Einordnung von Individuen auch fragwürdig. Rudl Endriß bietet eine Schrottinstallation, weiß getüncht, gesammelt, arrangiert, ein Akt zwischen Fortschritt, Balance und Wahnsinn. Ebenfalls ein Fall für das Ordnungsamt ist die Installation "Riot" von Hendrik-Peer Lass, die es allerdings naturgemäß nicht in die Räumlichkeiten geschafft haben konnte, sondern passend im Außenbereich installiert ist, vor dem Haus bereits, aber auch vor der Tür des Amtes. Ein zwiespältiges Bild zeichnet er mit seiner zwingenden Figurendarstellung, von Benachteiligung, Meinungsfreiheit mit radikalen Mitteln, die aber zum Protest als Selbstzweck verkommen kann.

Inspiriert wurden die Künstler zudem durch das Standesamt. Gabi Dräger und Isolde Egger stellen "Sex und Liebe" dem banalen Alltag mit Wurst, Ketchup und Mayo gegenüber. Im Trauamt zelebriert die Rauminstallation von Brigitte Kaars und Reinhold Pichler die "Vereinigung der Gegensätze", maskulin-feminin, ewige Treue und Trennung, ganz im Zeichen des Rathaus-Abrisses. "Schwarzarbeit", ein weiteres Thema vielerorts, präsentiert Jutta Reisser-Weiß in einem düsteren Raum, verhangen mit dunklem Plastikvorhang und passendem Schwarzlicht, in dem das Halbverborgene hell leuchtet.

Den ihr gegebenen Raum hat auch Sabine Koschier bestens genutzt. In ihrer VIP-Lounge zeigt sie bekannte Persönlichkeiten, verbunden mit den Rathauswänden: Bad Aibling und die Welt, wobei sich jeder Besucher durch einen Spiegel persönlich einreihen kann. Dass eine Nutzung des Gebäudes bis in das letzte Detail möglich ist, merkt man bei Manuel Kuthan, mit Skulpturen in den Feuerlöschernischen.

Zu den Konzeptwerken gesellen sich viele weitere Ausstellungsstücke: abstrakte Malereien von Marianne Igel, Monika Arndt oder Uta Beckert, beeindruckend-archaische Skulpturen von Hanno Größl oder Werner Pink, meditativ-ruhige Computergrafiken von Richard Lindl, ausdrucksstarke Portraitfotos von Rüdiger C. Bergmann, Körperabformungen mit tiefenpsychologischem Hintergrund von Adele C. Elliot oder fein gearbeitete Keramiken von Heidi Schiemann. Kritisch-düster ist die Betrachtung von Wilhelm Zimmers "Mantel des Schweigens", eine Thematisierung des kirchlichen Mißbrauchsskandals, die als Einzelobjekt in einem kaum beleuchteten Raum eine emotionale Finsternis heraufbeschwört. Leichter anzusehen sind dabei andere Werke, die aber auch nicht an tieferem Anspruch fehlen lassen, etwa das meisterlich realistisch dargestellte Werk "Gedankenspiele" von Nico Anschütz oder der Winterreise-Zyklus von Hans Sagmeister mit surrealistischen Elementen.

In kunstvereinseigener und durchaus berechtigter Sache kann man abschließend den von Hilde Manzke und Rudi Pflügl gestalteten Raum sehen, der über und über mit Kunstvereins-Einladungskarten der vergangenen zehn Jahre gestaltet ist. "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" heißt es da nach Karl Valentin. Diese Arbeit hat sich gelohnt, wie man an der beeindruckenden Megaausstellung in Bad Aibling sieht.

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