„Aber in diesem Augenblick sind wir die ganze Menschheit“

Zeitungspapier steht für die alltägliche Informationsflut: Estragon (Oliver Männer, links ) und Wladimir (Gerd Niedermayer) warten vergeblich auf Godot. Albert Aschl
+
Zeitungspapier steht für die alltägliche Informationsflut: Estragon (Oliver Männer, links ) und Wladimir (Gerd Niedermayer) warten vergeblich auf Godot. Albert Aschl

Unter der Regie von Jutta Schmidt zeigt das Ensemble des Tam-Ost in Rosenheim Samuel Becketts Klassiker „Warten auf Godot“ als zeitlos-aktuellen Kommentar zur Gegenwart – eine ebenso kluge wie sehenswerte Inszenierung.

Rosenheim – „Alles rinnt. Man tritt nicht zweimal in denselben Dreck“, sagt Estragon alias Gogo (Oliver Männer) in Anspielung auf Heraklits oftmals zitierte philosophische Aphorismen zu seinem Freund Wladimir alias Didi (Gerd Niedermayer) und meint damit nicht Heraklits These von der ständigen Veränderung in fließender Bewegung, sondern die sinnentleerte Wiederholung des Alltags, die nur durch das „Warten auf Godot“, so der Titel von Samuel Becketts weltberühmtem Schauspiel, ausgehalten werden kann. Unter der Regie von Jutta Schmidt hat das Rosenheimer Bühnenensemble Tam-Ost dieses Paradestück des absurden Theaters einfallsreich in Szene gesetzt.

Sinnentleertes Gerede

Schon das Bühnenbild (Elain Herrmann) und die Kostümierung deuten auf den immer noch aktuellen Gehalt des Stücks, das 1953 in Paris uraufgeführt worden war. Sowohl die schlichte Bank und der kahle Baum als auch sämtliche Kleidungen waren aus Zeitungspapier und zeugen von der Überflutung des Alltags mit Informationen. So hat das Stück auch keine Handlung im eigentlichen Sinne. Die beiden Vagabunden, der selbstgefällige Gogo und Didi, überbrücken ihre Zeit des Wartens durch sinnentleerte Wechselreden, beschimpfen, befragen und erinnern sich und wollen sich wiederholt aufhängen. Dabei müssen sie immer wieder feststellen, dass sie ja auf Godot warten müssten, dessen Identität ihnen aber verborgen bleibt. Lediglich ein junger Bote des Godot (Merlin Lochners Stimme aus dem Off) vertröstet sie auf den nächsten Tag.

Aktuelles aus dem Tam-Ost und die Aufführungstermine finden Sie hier.

Das ereignislose Nichtstun wird unterbrochen, als der herrische und von sich selbst überzeugte Pozzo (Hermann Neuner) mit seinem unterwürfigen Diener Lucky (Heinz Friebel) auftaucht, den er ununterbrochen auf das Übelste demütigt. Nach langem Schweigen lässt sich Lucky wie ein dressierter Affe zum Vortanzen und schließlich zu einer monotonen Ansprache überreden, die aus völlig unstrukturierten, scheinbar assoziativ aneinandergereihten „Gedanken“ besteht.

Das fehlende Mitgefühl und die Gewaltbereitschaft der drei Männer gegenüber dem geschundenen Lucky – lediglich Didi zeigt Ansätze von Empathie – sind zeitlos und aktuell, was die ans Publikum gerichtete Feststellung belegt: „Aber in diesem Augenblick (…) sind wir die ganze Menschheit.“ Bei all dem Witz und den slapstickhaften kurzweiligen Passagen bleibt einem angesichts vieler Parallelen zur Gegenwart das Lachen im Halse stecken. So ist aus einem absurden Theater durch die kluge Inszenierung ein Zeitstück geworden, das man sich anschauen sollte.

Kommentare