Schule und Corona

Wie Jugendsozialarbeit an der Adolf-Rasp-Schule Kolbermoor Familien im Lockdown hilft

Sie stehen für die Jugendsozialarbeit an der Adolf-Rasp-Schule in Kolbermoor Schülern, Lehrern und Eltern zur Verfügung: die Diplom-Sozialpädagoginnen Judith Klinger (rechts) und Miriam Ehrmaier.
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Sie stehen für die Jugendsozialarbeit an der Adolf-Rasp-Schule in Kolbermoor Schülern, Lehrern und Eltern zur Verfügung: die Diplom-Sozialpädagoginnen Judith Klinger (rechts) und Miriam Ehrmaier.

Diplom-Sozialpädagogin Judith Klinger berichtet im Interview über die Jugendsozialarbeit an der Kolbermoorer Adolf-Rasp-Schule. Während des Corona-Lockdowns hat sich die Arbeit verändert, aber sie ist nach wie vor sehr wichtig.

Kolbermoor– Von der Corona-Krise sind Kinder und Jugendliche besonders betroffen: Ihre sozialen Kontakte zu Mitschülern, Freunden und auch Lehrern sind durch den Distanzunterricht abgerissen, oftmals verändern sich Stimmungen in Familien. „Die Einschränkungen im Alltag während der Corona-Pandemie könnten Familien in psychische Belastungssituationen bringen“, warnt das Bundesfamilienministerium. Abhilfe schaffen können gerade jetzt Mitarbeiter der Jugendsozialarbeit (JaS) – wie an der Adolf-Rasp-Schule in Kolbermoor. Über die Jugendsozialarbeit in der Schule, eigene Erfahrungen, Erfolge und Probleme hat der Mangfall-Bote mit der Diplom-Sozialpädagogin Judith Klinger (35) gesprochen.

Carola Vodermaier Rektorin Adolf-Rasp-Schule Kolbermoor Wir sind froh, dass wir die Jugendsozialarbeit an unserer Schule haben. Kinder, die aus den unterschiedlichsten familiären Verhältnissen kommen, bringen von außen Probleme mit in die Schule. Die brauchen Hilfe, was ein Lehrer aber nicht alleine stemmen kann. Die Sozialpädagoginnen nehmen den Lehrern sehr viel ab in Problembereichen des Psychologischen oder Sozialen.

Für wen sind Sie in der Schule Ansprechpartner?

Judith Klinger: Sowohl für Lehrkräfte, Schulleitung, für alle weiteren Hilfsdienste, die es an der Schule gibt, wie den mobilen sozialen Dienst, für den Schulpsychologen theoretisch auch, für Eltern und Erziehungsberechtigte und natürlich auch für die Schüler.

Was sind die wesentlichen Fragestellungen an Sie aus diesem Klientel?

Klinger: Schulproblematiken wie Lernschwierigkeiten bei Kindern werden an uns oft herangetragen. Da sind wir aber nicht die ersten Ansprechpartner. Unsere Hauptthemen sind eher familiäre Probleme, häufig auch Probleme zwischen der Lehrkraft und der Familie des Schülers. Dabei geht’s auch um Kommunikationsschwierigkeiten, Verärgerungen oder Streitereien unter den Kindern. Was schon in der Grundschule beginnt, sind bei den Schülern Freundschaftsthemen wie „ich bin verliebt in den, der ist aber in eine andere verliebt“. Oft haben wir uns zu beschäftigen mit psychischen Auffälligkeiten bei Kindern, Gewalt unter den Kindern oder manchmal auch gegenüber den Lehrkräften – auch das gibt’s bereits in der Grundschule.

Edgar Müller Schulamtsdirektor Rosenheim Die Jugendsozialarbeit ist heutzutage an unseren Grund- und Mittelschulen nicht mehr wegzudenken. Je komplexer unserer Gesellschaft wird, umso notwendiger sind die Hilfestellungen durch die Pädagogen der JaS. Es ist sinnvoll, dass die Kinder einen zusätzlichen Ansprechpartner haben, der abgekoppelt von Unterricht und Notendruck ihre Probleme auffangen kann und Lösungen anbietet.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit an der Schule ausgewirkt? Wie auf die Schüler?

Klinger: Wir haben bei den Kindern deutliche Veränderungen beobachtet. Die Klassen sind nicht mehr so gemischt und auch kleiner, da gibt’s definitiv weniger Streitereien. Andererseits: Kinder in den ersten Klassen, die in dieser Corona-Krisenzeit eingeschult wurden, tun sich aufgrund der Masken unglaublich schwer damit, ihr Gegenüber einzuschätzen, weil dessen Mimik nicht zu beobachten ist. Das können sie oftmals nicht so recht verarbeiten und es provoziert dann mehr Streitigkeiten.

Wie setzt da Ihre Arbeit an?

Klinger: Wir versuchen, dem gegenzusteuern, zum Beispiel in Klassenprojekten zum Thema Gefühle.

Inwieweit spielt das Elternhaus eine Rolle?

Klinger: Eine große Rolle. Die Schere wird immer weiter auseinanderklaffen zwischen Kindern, die im Unterricht mitkommen, weil sie zuhause von den Eltern unterstützt werden, zu denen, die das nicht haben. Oder die vielleicht noch mit Migrationshintergrund hier leben und die Eltern vielleicht selbst kaum Schulbildung gehabt haben.

Wie intensiv werden Ihre Beratungsangebote genutzt?

Klinger: Grundsätzlich hängt das sehr stark davon ab, wie bekannt die Jugendsozialarbeit an einer Schule ist. Ich bin jetzt seit einem Jahr hier, meine Kollegin Miriam Ehrmeier seit Beginn des Schuljahrs. Aber in Zusammenarbeit mit der Schulleitung haben wir es geschafft, gut präsent zu sein. Wir beraten relativ regelmäßig Lehrkräfte, auch in Hinsicht auf Kindswohlgefährdung; es kommen auch Kinder zu uns, um Probleme zu lösen. Etwas zäher läuft’s mit dem Kontakt zu den Eltern, schon allein aus Datenschutz-Gründen.

Erstaunlich ist, dass Lehrer Ihre Hilfe benötigen – ist das dem Zeitgeist geschuldet?

Klinger: Zum einen liegt das an den Klassengrößen. Die zitierten Schwierigkeiten in den Grundschulen haben dadurch zugenommen. Zudem zeigen auch bereits in den ersten Klassen Kinder vom ersten Tag an Auffälligkeiten. In den großen Klassenverbänden ist es dann für den Lehrer schwierig, sie zu steuern oder zu integrieren.

Was können Sie dann tun? Sind die Lehrer überfordert?

Klinger: Unterschiedliches. Gerade bei den Kleinen ist es wichtig, die Eltern mit ins Boot zu holen. Oftmals waren die Probleme schon im Kindergarten auffällig. Wir können mit der Klasse arbeiten, um Verständnis herzustellen und ein besseres Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Wir beraten die Lehrer, wie sie mit der Situation und dem Kind umgehen können. Nach meiner Erfahrung werden angehende Lehrer auf solche Probleme und entsprechende Lösungen hin nicht ausgebildet.

Kommen Sie in solchen Fällen auch an die Eltern ran?

Klinger: Das ist eigentlich die Crux: Wir dürfen die Daten der Eltern nicht haben, weil wir nicht Angestellte der Schule sind. Wir sind sogenannte Externe, aber wenn die Lehrer mit den Eltern sprechen, gibt’s dann meistens Kontakte und wir können helfen.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Schülern, Lehrern und Eltern?

Klinger: Das Feedback von den Schülern kommt ohne große Worte – sie kommen zum Beispiel an unseren Räumen vorbei und sagen Hallo, eigentlich täglich, was zeigt, dass es eine Beziehung mit ihnen gibt. Von den Eltern kommt in der Regel auch ein Dank, wie auch vom Lehrerkollegium und der Leitung.

Bei all den Problemen, die auf Ihre Schultern geladen werden – wer hilft Ihnen weiter, wenn’s zu viel wird?

Klinger: Wir haben bei unserem Arbeitgeber die Möglichkeit zu Supervisionen, um andere Sichtweisen zu bekommen und uns in der Verarbeitung des Erlebten unterstützen zu lassen. Kollegialität ist zudem unglaublich wichtig sowie Familie und Freunde. Und wir sind in der Jugendsozialarbeit hier an der Schule zu zweit, das ist von großem Vorteil…

…das heißt, Sie können die Schultür schließen und dann ist Ruhe im Kopf?

Klinger: Ja, das funktioniert.

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