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Das Wirtshausleben von anno dazumal

Wer weiß denn sowas noch? Das waren die zwei großen Kennenlernbörsen von Kolbermoor

Selbstgemachte Musik gehörte einst zu fast jedem Wirtshaus. Zither-Virtuose Wiggerl Englmeier aus Bad Aibling brachte mit seinem Instrument von diesem Flair auch etwas ins Kolbermoorer Erzählcafé mit.
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Selbstgemachte Musik gehörte einst zu fast jedem Wirtshaus. Zither-Virtuose Wiggerl Englmeier aus Bad Aibling brachte mit seinem Instrument von diesem Flair auch etwas ins Kolbermoorer Erzählcafé mit.
  • VonJohannes Thomae
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Was so alles auftaucht, wenn sich Bürger einer Stadt gemeinsam an die Vergangenheit erinnern. So sahen viele Besucher beim ersten Kolbermoorer Erzählcafé unter anderem die zwei „Kennenlernbörsen“ der Stadt von anno dazumal noch einmal aufleben. Welche das waren, lesen Sie hier.

Kolbermoor – „Hund beißt Mann“ ist keine Nachricht, das lernt jeder Journalistenschüler. „Mann beißt Hund“ dagegen schon. Von daher hatte das erste Kolbermoorer „Erzählcafé“, das im Rathaus auf der Galerie vor dem Sitzungssaal stattfand, nicht nur Unterhaltungs- sondern auch durchaus Nachrichtenwert: Josef Eder, ehemaliger Kolbermoorer Polizist, erzählte von einem einstigen Volksfest. Da hatte der von der Situation offenbar völlig überforderte Polizeihund kurzerhand seinen eigenen Hundeführer gebissen – da weiß man wenigstens, wen man beißt – anstatt sich zweier schlägernder Besucher anzunehmen.

Beim Erzählcafé ging es thematisch aber nicht in erster Linie um Polizeigeschichten, sondern um die ehemals zahlreichen Wirtshäuser der Stadt. Dass man von da aus aber auf vieles – eben auch auf Volksfeste und Polizeihunde – kommen würde, das hatten die drei Organisatoren ihren Besuchern vorhergesagt: „Sie glauben jetzt vielleicht, ihnen fällt nichts Erzählenswertes ein, aber Sie werden sehen, die Geschichten kommen ganz von selbst.“

Experiment wird zum vollen Erfolg

Dabei war auch für Ulrike Sinzinger von der Volkshochschule, Andrea Sondhauß von der Stadtbücherei und Christian Poitsch vom Stadtmarketing der Abend in gewissem Sinn ein Experiment gewesen – er war so noch nicht durchgeführt worden. Doch schon am Beginn zeichnete sich ab, dieses Experiment würde ein voller Erfolg werden. Statt der erwarteten rund zwanzig waren knapp 60 Besucher gekommen. Und die waren auch sofort mitten im Thema.

Ort von Geselligkeit und auch Tragik

Schon beim ersten genannten ehemaligem Wirtshaus, dem der Familie Holzmayr an der Rainerstraße, meldete sich Margit Bauer zu Wort, die Enkelin des ersten Wirtes, die in diesem Lokal sozusagen groß geworden war. Sie schilderte die Wirtschaft als einen Ort von Geselligkeit, Tanz, Gesang und selbstgemachter Musik und machte damit eine Wirtshauskultur lebendig, die es in dieser Form nicht mehr gibt.

Das Wirtshaus, so etwas wie ein zweites Wohnzimmer, war seinerzeit durchaus ein Lebensmittelpunkt, wie Bürgermeister Peter Kloo dazu meinte. Daraus erklärt sich auch, warum es – nur leicht übertrieben – fast in jeder Kolbermoorer Straße eines gab, oft sogar mehrere.

Margit Bauer verschwieg aber auch die Schattenseiten nicht. Die Sorgen, die ihre Eltern hatten, wenn wieder einmal Hausbesitzer- und Mieterverein am gleichen Abend bei ihnen zu Gast waren, gehört da eher zu den Anekdoten. Fast tragisch aber ihre Erzählung von der Arbeiterin aus der Spinnerei, die sich erst nach drei, vier Weißbieren heim zu ihrem Mann traute. „Die ,guade oide Zeit‘“, meinte Peter Kloo „war eben beileibe nicht nur gut. Wirtshäuser waren auch ein Ort, der Familien ins Unglück brachte, etwa wenn die Männer am Zahltag an einem Abend ihre gesamte Lohntüte versoffen.“

Großen Zuspruch fanden auch die Bilder der einstigen Wirtshäuser. Nur ein kleiner Teil davon konnte an dem Abend behandelt werden.

Wie wenig übrigens in früheren Zeiten verdient wurde, gerade auch vom Personal der Wirtschaften selbst, machte Kathi Kristen deutlich. Sie brachte den Gehaltszettel ihrer Mutter mit, die beim Brückenwirt als Köchin gearbeitet hatte. Im Jahr 1967 betrug ihr Jahresgehalt gerade mal 11.000 Mark – für eine Sieben-Tage-Woche wohlgemerkt. Zum Vergleich: Für einen VW 1200, den „Käfer“, waren damals knapp 5.000 Mark auf den Tisch zu legen.

Eine Geschichte führt zur nächsten

Auch beim Thema Brückenwirt zeigte sich, was für den ganzen Abend im Erzählcafé kennzeichnend war, dass nämlich eine Geschichte zur nächsten führte. Vom Gehaltszettel beim Brückenwirt kam man zum Hufeisenclub, der dort sein Stammlokal hatte und damit zum Hufeisenwerfen, einst eine in Südbayern weitverbreitete Sportart, mit richtigen und durchaus großen Turnieren.

Keinesfalls vergessen werden durften natürlich auch zwei große „Kennenlernbörsen“ der Stadt Kolbermoor: die Jettenbacher Hüttn, eine Disco an der Ecke Rosenheimer-/ Ludwigstraße sowie das Bergcafé Weiß an der Bergstraße.

Anekdoten sprudelten geradezu

Die Geschichten und Anekdoten zu jeder Wirtschaft sprudelten so reichlich, dass an dem gut zweistündigen Abend nur ein kleiner Teil der Kolbermoorer Lokale behandelt werden konnte. Ein Fortsetzung des Abends ist deshalb auf jeden Fall geplant, eventuell schon für den Januar.

„Sie werden sehen, die Geschichten kommen ganz von selbst.“ Das war den Besuchern des Erzählcafes von den Organisatoren prophezeit worden. Und Christian Poitsch vom Stadtmarketing (linker Bildrand, stehend) sowie Ulrike Sinzinger von der Volkshochschule als auch Andrea Sondhauß von der Stadtbücherei (links neben ihm) hatten recht: Die Anekdoten und Erzählungen über die ehemaligen Kolbermoorer Wirtschaften sprudelten nur so.

„Wirtshäuser“, so meint Peter Kloo, „sind immer ein Spiegel ihrer Zeit. An den Geschichten, die sich um sie ranken, wird deutlicher als bei jedem Geschichtsbuch, wie das Alltagsleben der Menschen einst aussah.“ Umso wichtiger hält es Stadtmarketingchef Christian Poitsch, dass diese Geschichten jetzt weitererzählt werden, da es die Menschen, die sie erzählen können, noch gibt. „Was jetzt nicht erzählt wird, ist irgendwann verloren – damit aber fehlt auch ein Stück der gemeinsamen Erinnerung.“

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