Tagespflege vorerst ad acta gelegt

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Kolbermoor, inzwischen größte Stadt im Landkreis mit knapp 18000 Einwohnern - und kaum Bedarf für Tagespflege? Zu diesem Entschluss kam zumindest der Stadtrat, der in nicht öffentlicher Sitzung im vergangenen Herbst das Thema Tagespflege vorerst ad acta gelegt und das eigens dafür umgebaute Tagespflegehaus an der Friedrich-Ebert-Straße an eine Arztpraxis vermietet hatte. Enttäuscht darüber äußerte sich jetzt ein Bewerber, der die Einrichtung gerne übernommen hätte - aber eine Absage erhalten hatte.

Kolbermoor - Große Pläne hatte die Stadt Kolbermoor noch im Jahr 2011, sie wollte Vorreiter im Landkreis auf dem Sektor "Tagespflege" sein, pflegende Angehörige damit entlasten, ihnen Freiraum ermöglichen. Die Gelegenheit bot sich mit dem Dr.-Hans-Jakob-Haus an der Friedrich-Ebert-Straße 3, im Besitz der Stadt und wofür man eine Verwendung finden wollte.

Ein Betreiber-Team zeigte sich damals interessiert, das "Haus Mangfall" zusammen mit einem ambulanten Pflegedienst, das denn auch den Zuschlag erhielt. Zudem galt es, das Haus entsprechend umzubauen, Barrierefreiheit war gefragt - wozu der Stadtrat noch im Frühjahr 2011 Mittel in Höhe von 250000 Euro freigab. Neben einer grundlegenden Sanierung waren Brandschutz, Fluchtwege und ein Aufzug notwendig.

Gut ein Jahr später, im Frühjahr 2012, erfolgte dann der Startschuss für die Tagespflegeeinrichtung - Stadt wie auch Betreiber waren davon überzeugt: Der Bedarf ist da. Dann die bittere Entwicklung: zu wenig Interesse, eine zu geringe Auslastung - und die Insolvenz der Betreibergesellschaft. Zum 31. Januar 2013 schloss die Tagespflegeeinrichtung ihre Pforten. Die verbliebenen Patienten nahm spontan das Caritas-Altenheim auf, das seitdem, wie berichtet, den Bereich Tagespflege in ihrer Einrichtung ausgebaut hat.

Verschiedene Modelle geprüft

Bei den Stadträten war die Enttäuschung groß über das schnelle Ende des Projektes im Dr.-Hans-Jakob-Haus, lange wurde um eine Nachfolgelösung gerungen - man wollte an der Tagespflege festhalten, so der Grundtenor. Verschiedene Modelle wurden den Sommer über geprüft, andere Einrichtungen besucht - schlussendlich wagte das Gremium dann aber doch keinen erneuten Anlauf, entschied sich im Herbst in nicht öffentlicher Sitzung für eine Arztpraxis, nachdem das Objekt öffentlich ausgeschrieben worden war.

Enttäuscht von dieser Entwicklung ist wiederum Karsten Hoeft von der "Die mobile Krankenpflege" GmbH mit Sitz in Prutting. Er hatte sich um die Einrichtung in der Mangfallstadt beworben, hätte diese gerne weitergeführt, weil ein "zukunftsweisendes Thema", das in Stadt und Landkreis weiter vorangetrieben werden müsste. "Die demografischen Werte zeigen den zunehmenden Bedarf an einer professionellen Tagesbetreuung für zu Hause lebende pflegebedürftige Menschen auf", erklärte er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Seine Idee für Kolbermoor, die er zusammen mit seinem Berater Josef Kugler von den Aktiven Wirtschaftssenioren ausgearbeitet hatte: nicht personalintensive Tagespflege anzubieten, sondern für den Anfang Tagesbetreuung, für die ein weitaus geringerer Personalschlüssel notwendig wäre. Somit könnten schwach besuchte Tage in der Anfangszeit ausgeglichen werden. "Tagespflege ist ein kleines Pflänzchen, das Zeit zum Wachsen braucht", erklärt er.

Seinen Schwerpunkt hätte Hoeft dann nicht auf die reine Pflege, sondern auf die Unterhaltung der Senioren gesetzt: "Viele verkümmern daheim vor dem Fernseher, wir wollten sie raus aus der Isolation holen, ähnlich dem Prinzip einer Jugendgruppe."

Dass dieses Konzept aufgehen kann, beweist Hoeft zufolge das Mehrgenerationenhaus Flintsbach, das er als Paradebeispiel anführt: Tagesbetreuung statt Tagespflege, was wunderbar funktioniere.

Vorzeigeobjekt in Flintsbach

Bürgermeister Peter Kloo und Vertreter der Stadtverwaltung hatten sich denn auch vor Ort von dem Konzept überzeugt - was in der Tat funktioniert, wie der Rathaus-Chef bestätigt. Allerdings: Nur aufgrund eines beträchtlichen Zuschusses durch die Gemeinden Flintsbach und Brannenburg - "und durch viel ehrenamtliches Engagement", berichtet Kloo.

Auf den Zuschuss der Kommune hätte denn auch Hoeft in seinem Konzept gesetzt, zumindest für das erste Betriebsjahr. "Wir hatten im ersten Jahr mit einem Verlust gerechnet, im zweiten Jahr ausgeglichen und im dritten Jahr hätten wir angefangen, die Subvention der Stadt zurückzubezahlen", führte er aus. Unterstützung in Sachen Finanzberechnung hatte der Pflegedienstchef von Wirtschaftsberater Kugler aus Rosenheim erhalten, seit Jahren beim Verein Aktive Wirtschaftssenioren mit Büro in Großkarolinenfeld ehrenamtlich tätig. Kugler selbst kann auf jahrelange Erfahrung als Geschäftsführer zurückgreifen - und ist felsenfest überzeugt von dem Konzept. "Die Finanzierung würde stehen", unterstrich er.

Skepsis herrschte indes bei vielen Stadträten vor: Eine breite Mehrheit wollte sich nicht auf städtische Subventionen einlassen - es folgte die Absage.

Nach erfolgter öffentlicher Ausschreibung der Räumlichkeiten durch die Stadt starteten Hoeft und Kugler einen erneuten Versuch: Sie bewarben sich offiziell als Mieter für die Räume - und wollten in einem neuen Konzept nun auf Zuschüsse verzichten. Doch: Die Mehrheit der Stadträte entschied sich in nicht öffentlicher Sitzung erneut gegen den Betreiber, gab einer Arztpraxis den Vorzug.

"Es war nicht gerade vertrauensbildend, dass der Betreiber erst eine Beteiligung der Stadt wollte und es dann doch ohne gehen sollte", beschreibt Bürgermeister Kloo die Entscheidungsfindung. Und weiter: Es habe offenbar Angst davor bestanden, dass das Projekt wieder in den Sand gesetzt würde.

"Schade für Kolbermoor"

Das Bedauern bei Hoeft und Kugler ist groß: "Wirklich schade für Kolbermoor, das wäre eine Bereicherung für die Stadt gewesen", ist der ehrenamtliche Wirtschaftsberater überzeugt, der das Projekt auch weiter begleitet hätte. Beide hoffen nun, an anderer Stelle in der Mangfallstadt geeignete Räume zu finden - sie wollen das Thema Tagespflege nicht "sterben" lassen.

Ähnlich sieht es auch Bürgermeister Kloo: Der Rathaus-Chef zeigt sich nach wie vor vom Thema Tagespflege überzeugt - "eine tolle Geschichte, aber sie muss offenbar wachsen, das ist nicht erzwingbar", betonte er auf Anfrage unserer Zeitung. Er hofft nun, dass ein derartiges Projekt aus den bestehenden Strukturen entsteht, eine Mischung aus Ehrenamt und Professionalität wäre seiner Ansicht nach optimal - möglicherweise ja im Bürgerhaus "Mangfalltreff", wo er zumindest gute räumliche Voraussetzungen sieht.

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