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Erinnerungen an seltene Ausbildung in Kolbermoor

Strumpfstrickeinrichter: Erich Wagner (76) hat‘s gelernt – und verrät, was dahinter steckt

Hat bei der Kolbermoorer Strumpffabrik seine Ausbildung gemacht: Erich Wagner, der vielen Bürgern der Stadt unter anderem als Künstler bekannt ist.
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Hat bei der Kolbermoorer Strumpffabrik seine Ausbildung gemacht: Erich Wagner, der vielen Bürgern der Stadt unter anderem als Künstler bekannt ist.
  • Mathias Weinzierl
    VonMathias Weinzierl
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Den Beruf des Strumpfstrickeinrichters – Erich Wagner aus Kolbermoor hat ihn gelernt. In den OVB-Heimatzeitungen verrät er, was dahinter steckt. Und wieso ihm die Olympischen Spiele 1972 eine berufliche Niederlage beigebracht haben.

Kolbermoor – Wenn sich Erich Wagner aus Kolbermoor im Kaufhaus neue Socken kaufen will, ist das für den 76-Jährigen eine Zeitreise in die Vergangenheit. Viele Jahre hat Wagner für die ehemalige Strumpffabrik in Kolbermoor gearbeitet. Eine Arbeit, die dem gelernten Strumpfstrickeinrichter „viel Spaß gemacht hat“. Und die sogar im Kolbermoorer Heimatmuseum zu bewundern ist, wo beispielsweise Socken ausgestellt sind, die das Unternehmen vor 50 Jahren anlässlich der Olympischen Spiele in München produziert hat.

Seltener Ausbildungsberuf

1960 hatte Wagners beruflicher Werdegang in der Strumpffabrik Kolbermoor (Struko), die mehrere Produktionsstätten im gesamten Stadtgebiet hatte, begonnen. Und zwar mit einer Ausbildung als Strumpfstrickeinrichter, einem Lehrberuf, der heute nur noch den wenigsten Menschen bekannt sein dürfte. Und auch damals zu den eher seltenen Ausbildungsberufen zählte. „In der Berufsschule gab‘s dafür keine eigene Klasse, weil wir einfach zu wenige waren“, erinnert sich Wagner. „Wir wurden mit den Metall-Berufen unterrichtet, da wir auch viel mit Metall zu tun hatten.“

200 Nadeln, über 120 Maschinen

Der Strumpfstrickeinrichter war dafür zuständig, dass die Strickmaschinen so eingestellt wurden, dass sie ein bestimmtes Strumpf- oder Sockenmodell produzieren konnten. Mehr als 120 Maschinen waren laut Winkler in der großen Produktionshalle untergebracht. Auf Vorrichtungen oberhalb der Maschinen wurde das Verbrauchsmaterial wie Wolle und Garn eingespannt, aus dem die Maschine dann mit bis zu 200 Stricknadeln – je nach Feinheitsgrad der Strickware – fast fertige Socken und Strümpfe in einem langen Schlauch produzierte. „Pro Strumpf hat das je nach Strickart und Muster zwischen drei und fünf Minuten gedauert.“

Museums-Leiter Stefan Reischl hat im Heimat- und Industriemuseum Kolbermoor zahlreiche Erinnerungsstücke an die Strumpffabrik gesammelt und ausgestellt.

Dann kamen die sogenannten Stricker zum Einsatz, bei denen es sich laut Wagner oftmals um Gastarbeiter aus Italien, Griechenland und dem früheren Jugoslawien gehandelt hatte. Diese trennten die einzelnen Socken vom Schlauch und nähten diese dann an der Fußspitze zusammen.

Die Integration der ausländischen Mitarbeiter habe damals „ohne Probleme“ geklappt. „Damals war noch gar keine Rede von Integration“, sagt der heute 76-Jährige, „wir haben das einfach gemacht und uns super untereinander verstanden. Das waren richtig fleißige Leute.“ Nur zwischen den Jugoslawen habe es immer wieder Konflikte gegeben: „Da hat man damals schon gemerkt, dass da innerhalb eines Staates verschiedene Kulturen aufeinandertreffen.“

Nach seiner Ausbildung hatte Wagner zunächst das Unternehmen verlassen, um eine Weiterbildung zum Textiltechniker zu machen. Nach dem erfolgreichen Abschluss heuerte er dann erneut bei der Struko an. Eine Entscheidung, die er nicht zuletzt aufgrund des dortigen Arbeitsklimas getroffen hatte. „Der Chef, Herbert Meier, hat mit allen Angestellten auf Augenhöhe geredet – auch mit den Lehrlingen“, sagt der gebürtige Kolbermoorer. „Hier hat man sich einfach gut aufgehoben und wertgeschätzt gefühlt.“

Reizvolle neue Aufgabe

Zudem habe ihn seine neue Aufgabe gereizt. Denn ab sofort war er für die Musterung der Produkte zuständig. „Mode hat mich schon immer interessiert“, erzählt Wagner, der unter anderem dafür verantwortlich zeichnete, welches Muster Strümpfe bekommen und welche Farbkombinationen dem Handel angeboten werden. „Da musste man spätestens ein halbes Jahr vorher wissen, was in Zukunft angesagt und in Mode ist.“ Eine Aufgabe, die in der Regel von Erfolg gekrönt war.

Mit den Olympia-Socken – vor 50 Jahren produziert und angeboten im Hinblick auf die Olympischen Spiele in München – hatte die Struko allerdings Ladenhüter produziert, wie Wagner eingesteht. „Wir waren damals mit der Idee und der Produktion einfach zu spät dran“, erinnert sich der gelernte Strumpfstrickeinrichter, „daher haben wir davon auch gar nicht so viele hergestellt.“ Und die fanden auch kaum Abnehmer. „Sie kamen zwar noch vor der Eröffnung auf dem Markt, doch da hatten die Verbraucher scheinbar schon kein Interesse mehr an derartigen Artikeln.“

Mit olympischen Ringen und Münchner Kindl: Neben anderen Produkten der ehemaligen Strumpffabrik Kolbermoor liegen auch die Olympia-Socken in einer Vitrine des Kolbermoorer Heimatmuseums.

An den Olympia-Socken hat es aber sicherlich dennoch nicht gelegen, dass das Unternehmen zunehmend unter Druck geriet. Sondern an den Einzelhändlern, die ihre Waren günstiger einkaufen wollten. „Bei einem Verkaufsgespräch in München hat uns der Chef eines Kaufhauses Strümpfe aus Rumänien präsentiert, die zum halben Einkaufspreis produziert worden sind“, erinnert sich Wagner. „Da konnten wir nicht mithalten.“

Und dennoch war das Ende der Firma, die einst zu den sechsgrößten Strumpfherstellern in Deutschland zählte, für alle Angestellten ein Schock. Ein Mitinhaber der Struko hatte nach Angaben von Wagner der Abendschicht am Tag vor Beginn der Betriebsferien noch zwei Kästen Bier spendiert und bereits über die Dienstplanung für den Start nach den Betriebsferien gesprochen. Dann verabschiedeten sich Inhaber und Kollegen in die Freizeit. Was die Belegschaft nicht wusste: Nur wenige Stunden später rückten mehrere Lastwagen an, um die Maschinen des Unternehmens abzutransportieren, die alle bereits ins Ausland verkauft worden waren.

Hiobsbotschaft per Einschreiben

Die Belegschaft wurde anschließend per Post über das Aus des Unternehmens informiert. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich das Einschreiben geöffnet habe und dort stand, dass ich nicht mehr zur arbeit kommen soll“, erinnert sich Wagner, der in Hinblick auf die Betriebsschließung von einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ spricht. „Ich hatte damals zwei kleine Kinder – und plötzlich war die Arbeit weg.“ Doch Wagner hatte Glück im Unglück – und kam nur drei Wochen später in einer Werkzeugfabrik unter, für die er dann über 20 Jahre arbeitete.

Kritik an der heutigen Qualität

Heute genießt der 76-Jährige sein Rentnerleben, das durch viele Hobbys geprägt ist. So hält sich der Kolbermoorer mit Fahrradfahren fit. Beim Malen oder als Musiker kann er dafür seiner kreativen Ader freien Lauf lassen. Der Gedanke an seine Zeit in der Strumpffabrik holt ihn in erster Linie wieder ein, wenn er sich neue Socken oder Strümpfe kaufen muss. Dann denkt er nicht nur mit Freude an den Beginn seiner beruflichen Laufbahn zurück, sondern ärgert sich auch über die Qualität der heutigen Strickwaren. „Wenn ich heute Socken kaufe und die ein paar Mal angezogen habe, sind bereits Löcher drin“, sagt Winkler. „So etwas hat es bei unseren Socken aus Kolbermoor nicht gegeben.“

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