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Ein Gulden für einen Verstorbenen über 13 Jahre

Spinnerei-Kenner berichtet von Totenfrau Cäcilie Bertl und ihrer Arbeit im Kolbermoorer Leichenhaus

Der Spinnereikenner Anton Hamberger hält einen ersten Entwurf des Kolbermoorer Leichenhauses. Cäcilie Bertl hat im rechten Teil des Gebäudes gewohnt und geschlafen.
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Der Spinnereikenner Anton Hamberger hält einen ersten Entwurf des Kolbermoorer Leichenhauses. Cäcilie Bertl hat im rechten Teil des Gebäudes gewohnt und geschlafen.
  • VonPaula Trautmann
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Kolbermoor – Heute kümmern sich Bestatter um Leichen. Im 19. Jahrhundert übernahmen Totenfrauen diese Aufgabe, auch in der ehemaligen Baumwollspinnerei. Eine Reise in die Vergangenheit mit Spinnerei-Kenner Anton Hamberger.

Er öffnet den Ordner vor sich und zieht ein dünnes Blatt Papier aus einer Folie. Es ist der Arbeitsvertrag von Cäcilie Bertl aus dem Jahr 1873. Er ist in Sütterlinschrift verfasst, eine alte Form der Schreibschrift. Weil diese kaum noch jemand lesen kann, hat Hamberger das Dokument in die heutige Schrift „übersetzt“. Im rechten oberen Eck hat er mit Bleistift in kleinen Lettern „Original“ geschrieben.

Einen Gulden für Tote über 13 Jahre

In dem Arbeitsvertrag steht, wie viel Bertl für ihre Leistung erhielt. Für Verstorbene über 13 Jahren bekam sie einen Gulden, für Personen unter 13 Jahren 30 Kreuzer und für tot geborene Kinder 18 Kreuzer. Ein Gulden wäre heute etwa zehn Euro wert.

Ob nun ein Kind oder Erwachsener verstarb, die Arbeit der Totenfrau war die gleiche. Sie bereitete die Leichen für Beerdigungen vor, wusch und bekleidete die Körper der Verstorbenen. Cäcilie Bertl kümmerte sich Hamberger zufolge nicht nur um die Spinnereiarbeiter und deren Familien. Sie sei für die Toten in ganz Kolbermoor zuständig gewesen.

Ihre Arbeit verrichtete Bertl im Leichenhaus auf dem Alten Friedhof. Dieser habe der Spinnerei gehört und sei erst später in den Besitz der Stadt übergegangen. Das heutige Leichenhaus – mit der ehemaligen Totengräber-Wohnung rechts und dem Leichenraum links – wurde erst 1928 gebaut. Einige von Cäcilie Bertls Nachfolgern haben tatsächlich im Leichenhaus gewohnt – manch anderer wäre wohl lieber davon gerannt, als sein Heim mit den Toten zu teilen.

Wer die Nachfolger der Totenfrau waren, weiß Hamberger genau. Bertl war bis 1887 tätig. Danach übernahm Benno Krieg ihre Tätigkeit, er bezeichnete sich als Totengräber und hat bis 1927 gearbeitet. Darauf folgte Toni Brunner, der bis 1962 für Kolbermoor zuständig war. Der letzte Totengräber war Siegfried Weber. Er quittierte den Dienst im Jahr 2002. Danach gab es weder einen Totengräber, noch eine Totenfrau. Seitdem übernehmen Bestatter ihre Aufgaben.

„Ich kenne die Spinnerei in und auswendig“

Sein Wissen hat Hamberger aus den vielen Büchern und Ordnern. Nur wenige davon liegen auf dem Wohnzimmertisch. Die anderen hat er in Regalen und Kommoden verstaut. In den Ordnern hat er Dokumente, Bilder und Zeitungsartikel gesammelt.

Der Kolbermoorer hat sein ganzes Leben in der Spinnerei gearbeitet. Erst war er Hilfsarbeiter, dann ist er aufgestiegen. Die letzten zehn Jahre vor der Schließung war er Assistent des Spinnereileiters „Ich kenne die Spinnerei in und auswendig“, sagt Hamberger.

„Die Papiere waren voller Dreck, Staub und Kot von Tieren“

Als die Spinnerei aufgelöst wurde, hat er einige Dokumente vom Speicher gerettet. Das sei nicht immer ein Spaß gewesen. „Die Papiere waren voller Dreck, Staub und Kot von Tieren“, sagt Hamberger. Viele der Unterlagen übergab er dem Heimatmuseum. Der Kolbermoorer habe im Museum mitgearbeitet und die Spinnerei-Abteilung mit dem damaligen Leiter aufgebaut. Er habe zudem viele Kopien aus dem Wirtschaftsarchiv angefordert.

Einen Gulden bekam Cäcilie Bertl für einen Verstorbenen über 13 Jahren. Das steht im Dienstvertrag in alter Schrift. Auf der rechten Seite ist Hambergers „Übersetzung“ in die heutige Schrift.

Dort befindet sich das zweite Exemplar des Arbeitsvertrags zwischen Cäcilie Bertl und der Spinnerei. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Harald Müller hat vor Kurzem einen Blogeintrag über die Totenfrau auf der Internetseite amuc.hypotheses.org veröffentlicht. Darin schreibt er, dass tot geborene Kinder als Entlohnungsrubrik in dem Vertrag erscheinen, ließe erahnen, dass dieses „traurige Ereignis“ zu dieser Zeit noch häufig eintrat.

Interessant am Vertrag ist Müller zufolge auch, dass Cäcilie Bertl ihn auf der zweiten Seite zweimal unterschrieben hat. Ihre Unterschrift sei zwar weniger grazil als die Handschrift des Kanzlisten, aber sie konnte lesen und schreiben. „Und das war zu dieser Zeit auf dem Land noch längst keine Selbstverständlichkeit“, weiß Müller.

Der Archivar zeigt sich in seinem Blogeintrag nicht überrascht, dass die Spinnerei eine eigene Totenfrau hatte. Denn neben der Arbeit hätten Unternehmen oft Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitaktivitäten angeboten. Sie hätten das Leben, nicht nur den Arbeitsplatz errichten müssen. „Und zum Leben gehört bekanntlich auch das Sterben, denn umsonst ist nur der Tod und der wiederum kostet das Leben“, schreibt Müller.

Anm. der Red.: In der ursprünglichen Version des Berichts hieß es, dass Anton Hamberger Assistent der Geschäftsleitung war. Allerdings war er Assistent des Spinnereileiters. Zudem hieß es in der ursprünglichen Version des Berichts, dass die Totenfrau Cäcilie Bertl im Leichenhaus gelebt hat. Tatsächlich ist ungeklärt, wo sie gewohnt hat. Denn das heutige Leichenhaus – mit der ehemaligen Totengräber-Wohnung rechts und dem Leichenraum links – wurde erst 1928 gebaut. Das damalige Leichenhaus um 1873 war wesentlich kleiner. Kolbermoorer Bürger, die weitergehende Informationen über die „Totenfrau“ haben, können sich gerne an die Redaktion des Mangfall-Boten wenden.

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