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SPINNEREI-BEBAUUNG UND BLUTBUCHE

Mehrheit für Bauprojekt, Blutbuche fällt

Auf der Grünfläche inmitten des Spinnerei-Parkplatzes steht bereits eine geschätzt 120 Jahre alte Blutbuche (Mitte). Dort sollen nun die Ersatzpflanzungen vorgenommen werden; drei Bäume auf der Grünfläche, der Japanische Schnurbaum auf der kleineren Fläche (unten) neben dem „Weihnachtsbaum“. Re
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Auf der Grünfläche inmitten des Spinnerei-Parkplatzes steht bereits eine geschätzt 120 Jahre alte Blutbuche (Mitte). Dort sollen nun die Ersatzpflanzungen vorgenommen werden; drei Bäume auf der Grünfläche, der Japanische Schnurbaum auf der kleineren Fläche (unten) neben dem „Weihnachtsbaum“. Re

Die Blutbuche fällt – das neue Wohn- und Geschäftshaus am Hassler-Kreisel kommt. Mit breiter Mehrheit setzte sich der Stadtrat in jüngster Sitzung über Einwände von Bürgern und vom Bund Naturschutz hinweg – die Stadtentwicklung hat Priorität. Ersatzpflanzungen und ein Ausgleich sind vorgesehen.

Kolbermoor – Unter die langen und teils hochemotionalen Diskussionen um die geplante Bebauung der noch freien Fläche am Hassler-Kreisel und die dortige Blutbuche ist ein Schlussstrich gezogen: Der Stadtrat gab mit großer Mehrheit (14:8 Stimmen) dem Städtebau den Vorrang – allerdings nicht, ohne sich ausführlich mit den im Rahmen des Bauleitplanverfahrens eingegangenen Einwänden zu befassen.

Insbesondere viele Bürger und der Bund Naturschutz Kolbermoor hatten sich in Briefen und als Unterzeichner einer Unterschriftenliste (1113 Unterschriften) gegen die geplante Bebauung und für den Erhalt der geschätzt zwischen 60 und 80 Jahre alten Blutbuche ausgesprochen. Die Investoren von Werndl & Partner planen an dieser Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus mit Läden im Erdgeschoss, auf den weiteren vier Ebenen Büroflächen, Wohnungen und Boardinghouse-Appartements (wir berichteten). Die gesamte Fläche soll mit einer Tiefgarage unterkellert werden (Aus- und Einfahrt über das Spinnereigelände). „Herz“ des Komplexes soll ein begrünter Innenhof werden.

Die Kritiker von Bund Naturschutz, den Grünen und von Seiten der Bürger bemängeln in ihren Einwänden gegen die Bebauungsplanänderung („Spinnerei Nord“) nicht nur den Wegfall der Blutbuche (Klimaschutz, Ortsbild), sondern großteils auch die Massivität der Bebauung (fünf Geschosse, Gesamthöhe 16 Meter) und mögliche Auswirkungen auf die Verkehrssituation in der Hasslerstraße sowie auf den Fußgänger- und Radlerverkehr. Forderung von Seiten der Kritiker: eine kleinere Bebauung und Erhalt der Blutbuche, was auch Grünen-Fraktionssprecher Georg Kustermann in der Sitzung noch einmal in aller Deutlichkeit unterstrich. „Es hätte durchaus Alternativen gegeben“, ist er überzeugt.

Stadtplanungvor Blutbuche

Die Stadt verweist indes auf die städtebaulichen Aspekte, es würde eine Baulücke geschlossen, Raumkanten würden geschaffen. Den Verkehr, auch Fußgänger und Radfahrer, sieht die Verwaltung nicht beeinträchtigt. Ganz im Gegenteil: Durch das zurückspringende Erdgeschoss würde der Gehweg gar deutlich verbreitert. Den Argumenten der Verwaltung, die Bürgermeister Peter Kloo erläuterte, schloss sich in den einzelnen Abwägungen und Abstimmungen jeweils eine breite Mehrheit des Stadtrates an.

Hinsichtlich der Blutbuche verweist die Verwaltung auf die Baumschutzverordnung der Stadt und die damit verbundene, verpflichtende Ersatzpflanzung. Und die wird laut Investoren sogar vervielfacht: Anstatt einem Baum werden vier gepflanzt, in unmittelbarer Nähe auf der Grünfläche im Parkplatzareal der Alten Spinnerei. Neben zwei Buchen sind eine Silber-Linde und ein Japanischer Schnurbaum vorgesehen, beides Sommerblütenbäume und „ein Paradies für Insekten und Bienen“, so Landschaftsarchitekt Peter Rubeck in seinen Ausführungen in der Sitzung. Zusätzlich wollen die Investoren Bänke aufstellen, um Aufenthaltsqualität zu schaffen. Und: Die Neupflanzungen sollen einen deutlich größeren Stammumfang haben als gefordert, nämlich die fünffache Qualität (4,5 bis 5 Meter hoch).

Doch haben dort noch so viele Bäume Platz? Diesbezüglich hakten die Grünen und auch CSU-Fraktionssprecher Sebastian Daxeder nach. Problemlos, erklärte der Fachplaner, schließlich würde mit den Neupflanzungen für die nächste Generation gesorgt – bis die einen „groß“ sind, haben die anderen möglicherweise schon ihren Lebensabend erreicht.

Als weiteren Ausgleich schlagen die Investoren um die beiden Geschäftsführer Maxi Werndl und Florian Eisner viel Grün am Bauprojekt vor: Säulenbäume, Kletterpflanzen, Dachbegrünung (mindestens 50 Prozent der Dachfläche) und Mooswände, die Feinstaub und CO2 filtern sollen und die ein Pilotprojekt für Kolbermoor wären. Mit all den Maßnahmen, ergänzte Fachplaner Rubeck, könne die Umweltwirkung der Blutbuche innerhalb von zehn Jahren kompensiert werden.

In die Planung mit aufgenommen wird die Anregung von Kreisbaumeister Thomas Spindler, das fünfte Obergeschoss um mindestens drei Meter zurückspringen zu lassen. Die Gebäudehöhe ist auf 16 Meter begrenzt – was der Dachoberkante der benachbarten Kunstakademie entspricht (15,70 Meter). Wenig glücklich zeigte sich indes Stadtrat Stefan Reischl (Parteifreie) mit der Architektur des Bauvorhabens – aufgelockert, transparent, mit viel Glas, Holz und Grün. „Sehr unpassend“, befand er angesichts der mächtigen Spinnereibauten.

Keinerlei Einwände gegen die Planung kamen von Seiten der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt, die zudem einen Bürgerantrag, die Blutbuche als Naturdenkmal festzusetzen, abgelehnt hatte – „andere Belange gegenüber denen des Naturschutzes überwiegen.“

Konträre Ansichten bei den Stadträten

Während sie die Planung grundsätzlich begrüßte und damit die Schaffung von seniorengerechtem Wohnraum, neuen Arbeitsplätzen, den Appartements, zeigte sich SPD-Fraktionssprecherin Dagmar Levin sehr erzürnt über Stil und Tonfall in der Diskussion und in den Schreiben der zurückliegenden Wochen. „Ein bisschen Achtung und Respekt vor unserer ehrenamtlichen Arbeit als Stadtrat kann man ja wohl erwarten, wir sind keine Verbrecher.“ Natürlich, so Levin weiter, bedauere auch sie den Wegfall der Blutbuche. Doch die Ersatzmaßnahmen sind „toll“.

„Sehr gut für Kolbermoor“ kann sich Dieter Kannengießer (Parteifreie) das Projekt vorstellen, gerade an dieser „Einfahrtsituation in die Stadt“. Wie bereits seine Vorrednerin, Dagmar Levin, empfand auch er die Architektur als sehr passend an dieser Stelle.

Keine einheitliche Meinung ließ sich nach den Worten von Fraktionssprecher Daxeder in der CSU-Fraktion finden – „was auch völlig in Ordnung ist.“ Daxeder hofft nun nach erfolgter Klärung von noch offenen Fragen wie Höhenentwicklung etc., dass den Investoren die positive Umsetzung gelingt. Die Abstimmung auf die historischen Bauten der Spinnerei empfindet er als „harmonisch“. Bedauerlich befand er, dass sich die Diskussion um das Projekt so sehr auf die Blutbuche reduziert habe. „Das Bauwerk selbst ist dadurch in den Hintergrund getreten.“

Als „zu massiv“ beurteilte indes Sabine Balletshofer (CSU) die Bebauung und begründete damit auch ihre ablehnende Haltung.

Aufgeschlossen steht indes Sonja Weczerek (REP) dem Projekt gegenüber, das sie ausdrücklich begrüßte.

Mit den Worten „guter Städtebau lebt von der Diskussion“ beschloss Bürgermeister Kloo die Debatte – und ließ über den Satzungsbeschluss zur Bebauungsplanänderung „Spinnerei Nord“ abstimmen. Dieser fand mit 14:8 Stimmen eine breite Mehrheit (Gegenstimmen: Grüne; Reischl/Partei freie), CSU: Balletshofer, Müller, Duschl).

Die Investoren zeigten sich gestern gegenüber unserer Zeitung erleichtert über die breite Zustimmung. Bereits im Frühjahr soll mit dem Bau begonnen werden, die Baueingabeplanung würde nun ausgearbeitet. Schon in Kürze steht die Fällung der Blutbuche auf dem Plan.

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