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„Will kein Berufsjugendlicher sein“

Jugendreferent Martin Neuholds aus Kolbermoor gibt Amt ab und sucht neue Wege

„Berufsjugendlicher“ zu sein – das wäre eine schreckliche Vorstellung für mich, sagt Martin Neuhold (49). Er wird deshalb zum Herbst sein Amt als Jugendreferent der evangelischen Kirche in Kolbermoor aufgeben.
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„Berufsjugendlicher“ zu sein – das wäre eine schreckliche Vorstellung für mich, sagt Martin Neuhold (49). Er wird deshalb zum Herbst sein Amt als Jugendreferent der evangelischen Kirche in Kolbermoor aufgeben.
  • VonJohannes Thomae
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„Einen Jugendreferenten mit grauen Haaren finde ich reichlich peinlich“, sagt Martin Neuhold (49). Und gibt zum September sein Amt als Jugendreferent der evangelischen Kirche in Kolbermoor nach nun acht Jahren auf. Wie es dann weitergeht, steht noch nicht fest.

Kolbermoor – Hinter dem Schritt steht seine feste Überzeugung, dass man den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen können muss. „Und dazu, so sagt er, muss man näher an der Lebenswelt der jungen Menschen dran sein, als ich es mit meinen 49 Jahren sein kann“.

Außerdem: „Auf Konfirmandenfreizeiten macht man auch mal eine Nacht durch. Das hab ich früher leicht weggesteckt. Jetzt bin ich danach zwei Tage tot. Vor allem aber: Solche Feiern machen mir nicht mehr so viel Spaß wie früher. Und das ist für mich das klare Zeichen: Du bist zu alt.“

Ein Ort, wo die Jugend akzeptiert wird

Nun geht es als Jugendreferent natürlich nicht nur ums Feiern, sondern es geht nach Martin Neuholds Selbstverständnis vor allem darum, den Jugendlichen einen Ort zu bieten, an dem sie sich ohne Wenn und Aber akzeptiert, aufgehoben und damit wohl fühlen.

„Die ureigenste Aufgabe der Kirche ist es, auf die Menschen mit ausgebreiteten Armen zuzugehen“, meint Martin Neuhold. „Bei den Jugendlichen heißt das, ihnen eine Gemeinschaft zu bieten, in der sie spirituelle Angebote bekommen, in der es aber völlig freisteht, diese anzunehmen oder auch nicht“.

Jugendliche stehen unter Druck

Jugendliche, so sagt er, stehen von allen Seiten unter Druck: Von den Eltern, der Schule, der Lehrstelle. Die Kirche, so seine Überzeugung, muss den Jugendlichen einen Raum bieten, in dem zwar Führung, aber kein Druck da ist: „Hier bin ich frei, hier darf ich‘s sein“ das soll das vorherrschende Erlebnis sein.

Martin Neuhold ist überzeugt: Nur wer in seiner Jugend mit der Kirche solch positive Erfahrungen gemacht hat, kommt in Krisensituationen seines späteren Lebens darauf, vielleicht auch dort Hilfe und Unterstützung zu suchen.

Sozialpädagoge mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung

Diese Überzeugungen sind nicht nur das reine Bauchgefühl von Martin Neuhold, er ist Sozialpädagoge, hat dazu eine psychotherapeutische Zusatzausbildung und jahrelange Berufserfahrung in der Schulsozialarbeit.

Derzeit arbeitet er im Kindergarten der evangelischen Gemeinde, betreut dort all die Kinder, die besonderen Integrationsbedarf haben. Diese Stelle wird er auch behalten: „Zwar muss man auch den Kleinen auf Augenhöhe begegnen, sprich man muss sie als individuelle Persönlichkeiten ernstnehmen, aber es gibt doch einen entscheidenden Unterschied zu den Jugendlichen: Um mit diesen in einer gemeinsamen Sprache reden zu können, muss man noch wirklich dran sein an der Art und Weise wie sie die Welt erleben.“

Spiegel der Gesellschaft

Nun gibt es den Satz, dass sich die Jugendlichen eigentlich nie geändert hätten, übrigens auch das Verhältnis der Älteren zu den Jüngeren nicht. Schon die alten Griechen jammerten über ihre vermeintlich verlotterte Jugend. In diesem „Nichtändern“ stecke durchaus Wahrheit, meint Martin Neuhold.

Und der wichtigste Punkt dabei: „Die Jugendlichen sind, waren schon immer, nur ein Spiegel der Gesellschaft, in der sie aufwachsen, denn sie orientieren sich ja an dem, was sie umgibt. Das, was uns an ihnen stört, weist deshalb im Grunde nur auf das hin, was in unserem Zusammenleben falsch läuft. Wenn wir ihnen Rückichtslosigkeit, Egoismus, Härte, fehlenden Respekt vorwerfen, kritisieren wir damit in erster Linie nur uns selbst.

Trotzdem: Wenn der Mechanismus, der hier vorliegt, auch klar ist - um wirklich zu erfassen, wie das Jetzt von den jungen Menschen erlebt wird, darf man selbst nicht zu alt sein“.

Musik verbindet

Ganz trennen wird sich Martin Neuhold von den Jugendlichen in der Gemeinde dennoch nicht, dazu macht er viel zu gerne Musik: „Ich bin völlig fasziniert von Klängen und davon, aus welch vielfältigen Instrumenten und Dingen sie hervorzubringen sind“. Und Musik war schon immer ein Mittel, das Grenzen, auch Altersschranken überwinden konnte.

Dass Martin Neuhold sich darüber hinaus auch weiterhin als Ansprechpartner sicher nicht verweigern wird, wird von den Jugendlichen fraglos positiv aufgenommen werden: Trotz seiner grauen Haare, seiner 49 Jahre und vielleicht gerade wegen seiner selbstkritischen Haltung scheint er eines: Immer noch verdammt nah dran an dem, was Jugendliche umtreibt.

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