Der Kolbermoorer Anton Hamberger (84) erinnert sich an seine Schulzeit am Ende des Krieges

Dieses Foto, das zwischen 1945 und 1950 entstand, ist das einzige, das die Kolbermoorer Knabenschule mit Schülern zeigt, das Anton Hamberger hat. Abgebildet ist der Schulhausmeister der Knabenschule Herr Perseitz – „er war bei allen Schulbuben sehr beliebt“. Ein Foto aus Schulzeiten von sich selbst hat Hamberger nicht: „Daran war in den 40er-Jahren nicht zu denken.“ re
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Dieses Foto, das zwischen 1945 und 1950 entstand, ist das einzige, das die Kolbermoorer Knabenschule mit Schülern zeigt, das Anton Hamberger hat. Abgebildet ist der Schulhausmeister der Knabenschule Herr Perseitz – „er war bei allen Schulbuben sehr beliebt“. Ein Foto aus Schulzeiten von sich selbst hat Hamberger nicht: „Daran war in den 40er-Jahren nicht zu denken.“ re
  • Ines Weinzierl
    vonInes Weinzierl
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Hart waren die Jahre 1944 bis 1948 auch für Lehrer und Schüler in Kolbermoor. Einblicke gewähren Aufzeichnungen der Rektoren aus dieser Zeit, in die wir gemeinsam mit Anton Hamberger, in dessen Besitz sie sich jetzt befinden, einen Blick werfen.

Kolbermoor – Rund 70 Jahre ist es her, dass Anton Hamberger (84) die Schulbank drückte – dennoch sieht der Kolbermoorer Parallelen zwischen seiner Schulzeit in den 40er-Jahren und heute. Denn auch heute in Zeiten von Corona ist der Schulbetrieb anders als sonst: Seit Kurzem sind die Abschlussklassen wieder im Klassenzimmer – die übrigen Schüler lernen von zu Hause aus. Das hat Anton Hamberger zwar nicht gemacht, aber dafür hatte er in den 40er-Jahren teilweise nur bis zu zwei Stunden Unterricht an der Knabenschule, der heutigen Mangfallschule.

Eisiges Gebäude: Brennmaterial knapp

Das war beispielsweise im Januar 1947 der Fall: Von 8 bis 17 Uhr war der Unterricht – alle eineinhalb Stunden wechselten die Schüler. Die einen kamen, die anderen gingen nach Hause. Insgesamt wurden bis zu vier Räume beheizt – mehr war nicht drin, denn Brennmaterial war knapp. Und so bestand eben nur die Möglichkeit, die Kinder nacheinander unterrichten. Die vier Klassenzimmer fassten insgesamt bis zu 280 Schüler.

An die Eiseskälte kann Hamberger sich noch erinnern: „Die Lehrer haben gefragt, ob nicht jeder mal einen Scheit Holz oder ein Stück Torf mitbringen könnte, dann hätten es alle im Klassenzimmer warm.“

Schüler brachten selbst Brennmaterial mit

So brachten die Schüler hin und wieder Brennmaterial mit. Doch „oft war das nicht möglich, wir hatten ja auch nichts“. Die Kinder mussten mehrmals die Plätze tauschen: Denn nur ein Teil der Schüler kam in den Genuss des Ofens, der andere Teil saß nahe der Fenster im Klassenzimmer. Erst im März 1947 ging es mit dem „Vollunterricht“ weiter.

Einträge der früheren Rektoren

Wie es damals zwischen 1944 und 1948 an der Mädchen- und Knabenschule in Kolbermoor, der heutigen Mangfallschule, war, lässt ein Konvolut aus vielen Einträgen der damaligen Rektoren erahnen. Diesen Schatz der Stadtgeschichte hat Anton Hamberger von Rektor Georg Dobler (1922-2016) erhalten. „Er wusste, dass ich mich dafür interessiere und hat es mir übergeben“, sagt Hamberger auf Anfrage unserer Zeitung. Diese Schriften sollen in loser Reihenfolge als Serie „Aufzeichnungen eines Schulrektors 1944 bis 1948“ im Mangfall-Boten erscheinen.

Erste Aufzeichnungen stammen von 1944

Themen wie Schulspeisung sind beispielsweise Inhalt der Aufzeichnungen. Die ersten von 1944 stammen vom Rektor Fritz Schramm. Bei ihm hatte auch Hamberger Unterricht.

„Er war ein 150 prozentiger Nazi“, erinnert er sich. Der Rektor sei sehr streng gewesen und habe immer Reitstiefel getragen. Mit den schweren Stiefeln sei er durch die Reihen der Schüler marschiert und habe immer mit einem Stecken gegen die Stiefel geschlagen. „Wir hatten alle große Angst vor ihm.“ Er weiß noch mehr zu berichten: Wollte Rektor Schramm einen Raum betreten, habe er nicht angeklopft, sondern mit seinem Reitstiefel gegen die Tür gedonnert.

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Und trotz der Furcht, die Rektor Schramm unter den Schülern verbreitete, haben sie ihn auch bewundert: „Als wir im Rechnen Gewichte lernen sollten, hat er gezaubert.“

Dann hat Rektor Schramm aus einem Ärmel 50 Gramm zum Vorschein kommen lassen, oder aus einer Tasche 100 Gramm oder er hat einen Meterstab aus dem Ärmel gezaubert. „Das hat uns fasziniert.“ Aber die Bewunderung schwand, wenn Schramm sich in Bewegung setzte, dann knallten die Stiefel wieder über den Boden. „Und die Angst war wieder da.“

Damals, als die Amerikaner kamen

Etwas schadenfroh waren die Buben 1945, als die Amerikaner kamen: Damals war am heutigen Parkhaus der Stadt eine Panzersperre aufgebaut. „So sollten die Amerikaner daran gehindert werden, über die Mangfall zu gelangen. Als die Amerikaner dann aber da waren, mussten einige Bürger – darunter auch Rektor Schramm – die Panzersperre abbauen. „Da haben wir alle zugeschaut und gegrinst.“

Schulspeisung: Semmeln das Größte

Und mit dem Einzug der Amerikaner wurde Rektor Schramm durch Rektor Hanns Weigl ersetzt. Damals setzte auch die Schulspeisung ein: „Im Gänsemarsch gingen die Mädchen in die Bahnhofswirtschaft, die Buben zum Stadlerbräu“, erinnert sich Hamberger. Und wie war’s? „Wenn es Brei gab, war es grausig, Kakao und Semmeln waren das Größte.“ Organisiert wurde die Schulspeisung von Hambergers Vater, beaufsichtigt wurde die Verteilung von den ortsansässigen Pfarrern.

Viele hatten keine Schuhe

Darüber hinaus fiel auch des Öfteren die Schule aus: Bei Hochwasser sollten die Kinder zuhause bleiben, denn viele hatten keine Schuhe.

Auch bei Bombenangriffen fiel die Schule aus – „wir haben uns dann gefreut“, erinnert sich Hamberger, „Wir haben das ja gar nicht richtig verstanden“, begründet er die Freude über den Schulausfall.

Und rückblickend? Wie war seine Schulzeit? „Wir haben sehr wenig gelernt“, erinnert er sich. Dennoch: „Wer danach fleißig war, konnte es zu etwas bringen.“ Ein Klassenkamerad wurde beispielsweise Bankdirektor, einer Spinnerei-Meister.

Letzteres wurde Hamberger – „mit viel Fleiß habe ich das geschafft“. Zwischen seinem 14. und 17. Lebensjahr besuchte er die Berufsschule der Kolbermoorer Spinnerei. Und in diesem Alter „nahmen wir in der Berufsschule den Stoff der fünften Klasse durch“, sagt Hamberger.

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Historie der Mangfallschule

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