Unterwegs mit Karl Schwingenschlögl

Kolbermoor: Blick hinter die Kulissen der Kraftwerke am Mangfallkanal

Fast mehr Pflege als die Turbinen selbst verlangt das ganze Drumherum, sagt Standortleiter Karl Schwingenschlögl. Hier der Rechen vor den Turbineneinlässen, bei dem immer überprüft werden muss, ob nicht größeres Treibgut angespült wurde. Wenn ja, muss es von Hand entfernt werden, weil die automatische Reinigung von größeren Ästen, Wurzelstöcken, manchmal sogar ganzen Bäumen überfordert ist. Thomae
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Fast mehr Pflege als die Turbinen selbst verlangt das ganze Drumherum, sagt Standortleiter Karl Schwingenschlögl. Hier der Rechen vor den Turbineneinlässen, bei dem immer überprüft werden muss, ob nicht größeres Treibgut angespült wurde. Wenn ja, muss es von Hand entfernt werden, weil die automatische Reinigung von größeren Ästen, Wurzelstöcken, manchmal sogar ganzen Bäumen überfordert ist. Thomae
  • vonJohannes Thomae
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Der Herr der Kraftwerke ist Karl Schwingenschlögl: Auch an Feiertagen brauchen die Anlagen eine 24-Stunden-Betreuung, weiß er aus Erfahrung. Was die Anlagen mit kleinen Kindern gemeinsam haben und wie alt sie sind, lesen Sie hier.

Kolbermoor – Nach 37 Jahren Erfahrung macht sich Karl Schwingenschlögl (61) keine Illusionen mehr: Er weiß, die Chance ist groß, dass er oder einer seiner drei Mitarbeiter an Feiertagen von einem automatischen Telefonanruf aufgeschreckt werden: Dann benötigt eines der beiden Kraftwerke am Mangfallkanal in Kolbermoor Hilfe. Das hat nichts mit Bösartigkeit zu tun, obwohl Karl Schwingenschlögl sagt, dass jede der fünf Turbinen, die dort laufen, eine eigene Persönlichkeit ist, sondern schlicht mit dem Wetter: „Um die Jahreswende ist die Wetterlage bei uns oft ziemlich warm, es taut und regnet.“

Großes Problem: Viel Wasser

Zwei Dinge aber mögen Kraftwerke gar nicht: zu wenig oder zu viel Wasser. Dabei ist zu viel Wasser das größere Problem, denn es kommt schnell und die Schwierigkeit dabei ist vor allem das Treibgut: Je nach Wetterlage werden am Rechen des Kraftwerkes, der die Turbineneinlässe schützt, Äste, Wurzelstöcke, wenn es schlimm kommt, sogar ganze Bäume angespült. Das schafft die automatische Reinigung nicht mehr allein und gibt deshalb Alarm.

Pflege der Dämme

Damit das so selten wie möglich passiert, gehört auch die Pflege der Dämme zu den Aufgaben von Karl Schwingenschlögl, der der Standortleiter für die insgesamt fünf Kraftwerke an der Mangfall ist: Der Dammbewuchs muss möglichst niedrig gehalten werden, damit nichts herausgespült werden, abbrechen und hineinfallen kann. Und auch damit man frühzeitig sieht, ob Bisamratten angefangen haben, denn Damm zu durchlöchern. Der Bewuchs im Kanalbett selbst muss ebenfalls regelmäßig beseitigt werden.

Karl Schwingenschlögl ist stolz auf seine Turbinen, die auch nach Jahrzehnten noch unermüdlich ihren Dienst tun: Diese hier ist die zweitälteste und stammt aus dem Jahr 1916.

Auch sonst gibt es jede Menge zu tun, denn Kraftwerke, so sagt Karl Schwingenschlögl, sind wie kleine Kinder, sie brauchen 365 Tage rund um die Uhr Betreuung. Und scheinen dabei, um in seinem Vergleich zu bleiben, momentan in einer Trotzphase zu sein, denn Störungsmeldungen sind heute häufiger als früher. Die Ursache vermutet der Standortleiter in der verstärkten Einspeisung von Wind- und vor allem privat erzeugtem Solarstrom in die großen Netze, die dadurch höhere Schwankungen im Stromangebot verzeichnen.

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Darauf muss reagiert werden und weil kleinere Kraftwerke am schnellsten heruntergefahren werden können, sind sie es, die bei Überangebot vorübergehend abgeschaltet werden. Das, so Schwingenschlögl, sind Anfangsschwierigkeiten, die mit der Veränderung der Stromlandschaft einhergehen und die sicher überwunden werden, aber momentan ist die Folge, dass die Turbinen öfter von Hand wieder hochfahren werden müssen, weil das die Automatik nach einer Abschaltung nicht immer von allein schafft.

Turbinen zwischen 44 und 112 Jahren alt

Dabei geht es im Grunde um eine Sicherheitsmaßnahme, weil die Automatik nur dreimal hintereinander versucht, die Turbine wieder mit dem Netz zu synchronisieren. Karl Schwingenschlögl und sein Team haben deshalb nur zu überprüfen, dass kein anderer Fehler vorliegt und dann den Vorgang von Hand so lang zu wiederholen, bis die Turbine wieder im Netz hängt.

Davon abgesehen laufen die Turbinen selbst wie die Uhrwerke und das seit Jahrzehnten, die jüngste ist von 1976, die älteste von 1908. Das war die Zeit, als ganz Kolbermoor seinen Strom von den Wasserkraftwerken bezog, später unterstützt durch drei mächtige Dampfturbinen im Kesselhaus. Natürlich bedürfen sie dabei regelmäßiger Wartung, die vom Team überwiegend selbst erledigt wird. Eine Generalwartung dauert dann gute drei Monate, ist aber auch nur alle zwei Jahrzehnte fällig.

Jeden Tag neue Herausforderungen

Viel kürzer sind dagegen die Abstände bei den Pflegearbeiten, was nicht zuletzt auch die Turbinenschaufeln betrifft. Vor allem im Herbst, wenn viel Laub anfällt, kleben Blattgerüste an den Schaufeln fest, was den Wirkungsgrad verschlechtert. Dann wird der Wasserzulauf der Turbine gesperrt, die sogenannte Turbinenkammer durch einen Bodenablauf entleert und dann zwängt sich Karl Schwingenschlögl oder einer seiner Mitarbeiter in die Kammer, um die Schaufeln zu säubern: Keine Angelegenheit für Leute mit Platzangst, meint er und lacht.

Insgesamt mache ihm sein Beruf nach wie vor einen Riesenspaß, weil er abwechslungsreich sei und ihn und sein Team im Grunde jeden Tag vor eine neue Herausforderung stelle. Wobei er nicht nur hier die Wichtigkeit seiner Mitarbeiter betont: Ohne die ginge gar nichts, die fünf Turbinen am Mangfallkanal stünden bald still und dem Netz des Bayernwerkes fehlten rund 2,5 Megawatt absolut „grün“ produzierten Stromes.

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