Kolbermoor: Bahnhof erhält sein Zeitmesser aus dem hohen Norden

Uhren einbauen heißt für Franz-Gerhard Hemmer auch: die Leitern immer wieder rauf und runter.

Von der Weser an die Mangfall – Der im September eröffnete Bahnhof hat jetzt sein Zeitmesser erhalten. Ein norddeutscher Uhrenmachermeister hat sie hergestellt und eingepasst.

von Johannes Thomae

Kolbermoor – Fragt man Franz-Gerhard Hemmer, was an seinem Beruf das Lästigste ist, kommt die Antwort schnell: Oben bei der Uhr zu stehen, um dann festzustellen, dass man ein Werkzeug vergessen hat. Denn das kann bedeuten: einige hundert Treppenstufen eines Kirchturms runter und wieder rauf. Hemmer aus Hoya bei Bremen ist einer der ganz wenigen Uhrmacher in Deutschland, die noch Uhren nach historischen Vorlagen bauen und auch wieder reparieren können. Dieses Können führt ihn durch ganz Europa und hat ihm auch den Auftrag für die Uhr des Bahnhofs in Kolbermoor eingebracht.

Uhr statt Bahnhof-Schriftzug

Der Bahnhof wiederum sollte nach den ersten Vorstellungen von Gotthard Fellgiebel, dem Architekten seiner Wiederherstellung, eigentlich gar keine Uhr bekommen, denn es ist unsicher, ob das ursprüngliche Gebäude überhaupt eine gehabt hat. Eine Uhr ist erst auf Fotos aus den 60er-Jahren eindeutig zu erkennen und dort ist sie sichtlich nachträglich, weil ziemlich deplatziert angebracht: außerhalb der Symmetrieachse über einem Fenster rechts vom Mittelbereich.

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In der Gebäudemitte war kein Platz für eine Uhr, denn hier stand der Schriftzug „Bahnhof“. Da das Bahnhofsgebäude bei seiner Wiederherstellung aber mit viel Liebe zum Detail wieder in einen möglichst originalen Zustand versetzt werden sollte, war ursprünglich vorgesehen: Keine Uhr.

Nach historischem Vorbild gefertigt

Damit aber konnten sich weder Bürgermeister Peter Kloo, noch der Stadtrat, noch die Bürger so recht anfreunden, so dass man sich in der Stadt – vor die Entscheidung: Uhr oder Schriftzug gestellt – schließlich für die Uhr entschied. Die Frage für Fellgiebel war nur: Woher nehmen?

Und genau das ist der Punkt, an dem Hemmer und der Bahnhof zusammenkommen. Nach langer Recherche stieß der Architekt auf den Bremer Uhrmachermeister, der in der Tat ein Uhrenmodell von 1890 hatte, das in den zur Verfügung stehenden Platz passte und der nach diesem Vorbild die Bahnhofsuhr fertigen konnte.

Das war allerdings keine Sache von jetzt auf gleich, denn Hemmer ist gefragt, hat entsprechend viele Aufträge und die Herstellung der war Uhr kompliziert und zeitaufwendig. Der Uhrenrand zum Beispiel musste im Sandgussverfahren hergestellt werden, was, wie Hemmer erzählt, wegen der geringen Dicke des Randes einige Versuche kostete, bis aus der Form ein intakter Ring herauszuholen war.

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Jetzt war es soweit: Genau beim 12-Uhr-Glockenschlag konnte Hemmer die Bahnhofsuhr zum ersten Mal in ihre Aussparung setzen. Trotz aller Erfahrung und wirklich minutiöser Werkzeugvorbereitung musste er seine Arbeitsplattform immer wieder verlassen. Und das geht ins Kreuz des 74-Jährigen: „Aber es lässt sich halt nicht vermeiden.“

Immerhin gibt es unten dann nichts, was er in seinem Fahrzeug nicht dabei hätte. Bei seiner Arbeit ist er meist weit von Zuhause entfernt, hier in Kolbermoor sind es knapp 800 Kilometer. „Ich kann bei einem Auftrag nicht schnell heimfahren und noch was holen.“

Genauso wenig, wie er die Woche drauf noch einmal vorbeischauen könnte, um irgendwo nachzubessern. „Wenn ich wegfahre, muss alles wirklich hundertprozentig passen“, erklärt er, und entsprechend penible Sorgfalt legt er an den Tag.

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Überhaupt spricht bei seinem Tun aus jedem Handgriff echte Passion zu seinem Beruf. „Das Schöne daran ist, dass er so vielfältig ist, ich bin ja quasi Uhrmacher, Schmied, Schlosser, Glasverarbeiter und Designer in einer Person.“ Wobei er den Musiker vergessen hat, denn auch Glockenspiele stellt Hemmer her. Und das mit seinem Beruf verbundene Unterwegssein ist für ihn das Salz in der Suppe: „Die letzten Wochen, wo ich wegen Corona nicht auf Tour gehen konnte, haben mich ganz kribbelig gemacht“, erzählt Hemmer, der auch deswegen ans Aufhören nicht denken mag. Das darf er auch nicht, denn es gibt bestimmt noch einige Orte in Deutschland und Europa, die sich, wie Kolbermoor, sehnlichst eine Uhr an einem entscheidenden Gebäude wünschen, ohne ihn aber darauf würden verzichten müssen.

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