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Ein Totschlag fürs Geschichtsbuch

Vor 20 Jahren starb Carlos Fernando aus Mosambik in Kolbermoor

Die Schuhmannstraße in Kolbermoor. Dort wurde vor 20 Jahren ein Mann vor der Cubana-Bar erschlagen. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Das Lokal wurde längst abgerissen und machte für ein Wohnhaus Platz.
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Die Schuhmannstraße in Kolbermoor. Dort wurde vor 20 Jahren ein Mann vor der Cubana-Bar erschlagen. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Das Lokal wurde längst abgerissen und machte für ein Wohnhaus Platz.
  • Ludwig Simeth
    VonLudwig Simeth
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Nein, zum Rauchen geht Carlos Fernando (35) nicht hinaus. 1999 darf man in Kneipen noch rauchen. Auch in der Cubana-Bar in Kolbermoor. Es ist 23 Uhr. Vielleicht will der Afrikaner heimgehen. Oder sich nur die Beine vertreten, etwas frische Luft schnappen. Aber dazu kommt er nicht mehr.

Ansatzlos mit der Faust ins Gesicht

Weil draußen vor dem Lokal, in der Schuhmannstraße, der angetrunkene Robert M. (31, Name geändert) aus Kolbermoor, kein Freund von Ausländern, gerade kocht vor Wut. Da kommt ihm der Mosambikaner genau recht. Ansatzlos, aber mit gewaltiger Wucht schlägt er Carlos Fernando die Faust ins Gesicht.

Der 35-Jährige hat beide Hände noch in den Hosentaschen, als ermit dem Kopf auf den Beton knallt. Dann tritt Robert M. dem Opfer noch mit dem Fuß ins Gesicht, als es schon wehr- und bewusstlos am Boden liegt.

Der Tod kommt sechs Wochen nach der Attacke

Carlos Fernando erleidet schwerste Kopfverletzungen, fällt ins Koma, stirbt sechs Wochen später im Krankenhaus Vogtareuth. Totschläger Robert M. wird im Mai 2000 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Genau zwei Jahrzehnte ist es jetzt her, dass Carlos Fernando in den Tod geprügelt wurde. In Kolbermoor ist die Tragödie kaum noch ein Thema. Die Cubana-Bar – älteren Kolbermoorern eher noch als „Die Traube“ ein Begriff – gibt es nicht mehr. Sie wurde längst abgerissen.

Carlos Fernando bei der Hochzeit 1992.

Und der Täter? Robert M., heute 51, hat seine Strafe abgesessen – alle zehn Jahre, ihm wurde kein Monat geschenkt – und wieder Fuß gefasst im Leben und in Kolbermoor. Dennoch ist es die Geschichte wert, sie zum 20. Jahrestag neu aufzugreifen. Denn über ein tragisches Einzelschicksal hinaus hat der Fall von Carlos Fernando die Stadt Kolbermoor jahrelang beschäftigt, geprägt, ja verfolgt.

Neben den NSU-Morden der einzige rassistische Mord in Bayern seit Jahren

Sein Tod sorgte als „Rassistischer Mord von Kolbermoor“ bundesweit für Schlagzeilen und Diskussionsstoff – in linksorientieren wie in Boulevardmedien, in Fernseh-Dokumentationen und Sachbüchern.

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Noch 2014 hatte die offizielle Polizeistatistik für Bayern neben den fünf NSU-Morden in Nürnberg und München nur einen Toten durch extrem rechte Gewalt seit der Wiedervereinigung verzeichnet: Carlos Fernando aus Mosambik, der am 15. August 1999 in Kolbermoor erschlagen wurde. So hatte der tödliche Gewaltausbruch in der Schuhmannstraße eine politisch-zeitgeschichtliche Dimension. Dass Carlos Fernando von einem „Rassisten“, „Nazi“ oder „Rechtradikalen“ nicht nur erschlagen, sondern „ermordet“ wurde, und das „nur aufgrund seiner Hautfarbe“ – das stand für viele fest.

Herumstochern im „braunen Sumpf“

Robert M. habe zusammen mit einem Freund „Jagd auf Afrikaner“ gemacht aus „Fremdenhass und purer Lust an der Gewalt“, titelt die Bild-Zeitung. Auch der Tatort passte ins Bild. Schließlich hatte Kolbermoor schon mehrmals für Schlagzeilen gesorgt, einmal sogar bundesweit: bei der Europawahl 1989. Die rechtspopulistischen Republikaner erreichten in der Stadt 29,1 Prozent der Stimmen – das beste Ergebnis in der Geschichte der Partei.

Drei Jahre davor, als in ein leer stehendes Hotel Flüchtlinge kommen sollten, hatten einige Kolbermoorer eine Bürgerinitiative gegen „Asylantengroßheime in Kolbermoor“ gegründet. 1992 explodierte dort nach erfolglosem Protest eine Rohrbombe im Eingangsbereich des Heimes. Kein Wunder also, dass es Attacken von gewaltbereiten jungen Menschen auf Ausländer nicht nur im Osten gab, sondern auch im tiefen Süden, in Kolbermoor – so folgerte die Mehrzahl der Journalisten, die dutzendweise in den Süden kamen, um im vermeintlich „braunen Sumpf“ zu stochern.

Der Bürgermeister wehrt sich

Bis es Ludwig Reimeier, damals Bürgermeister, einmal zu bunt wurde. Er soll mit der Faust auf den Tisch geschlagen haben, „weil ihn schon wieder so ein Journalist danach fragte, was eigentlich los ist in Kolbermoor“. Die Stadt sei kein rechtsradikales Nest, beteuerte er immer wieder. Aber das wollten ihm die Journalisten aus Berlin, Bonn und Hamburg nicht glauben.

Stattdessen schrieben sie, dass die Fans schon mal mit der Reichskriegsflagge die Hauptstraße entlang laufen und „Sieg Heil!“ rufen, dass der SV Kolbermoor ein Spiel gewinnt; dass statistisch nicht erfasst werde, wie viele junge Straftäter aus Kolbermoor sind, die Polizei aber einen hohen Prozentsatz unterstelle; oder dass die Polizei Jahre zuvor das Kolbermoorer Volksfest wegen zu hoher Einsatzahlen verboten habe.

Landgericht sieht im Gewaltexzess keinen Mord

In Wirklichkeit führten Standort- und Lärmprobleme zum Volksfest-Aus. Kritisiert wurden auch das Urteil. Entgegen der Mord-Anklage stufte das Traunsteiner Landgericht den Gewaltexzess nur als Körperverletzung mit Todesfolge an.* Zudem schrieben die Richter Robert M. zwar rassistische Züge zu, werteten diese aber nicht als tatauslösend.

Dabei hatte der 31-Jährige, damals arbeitslos, kurz zuvor noch vier weitere Schwarzafrikaner attackiert, weil das Auto seiner Freundin kurzzeitig zugeparkt gewesen war. Einige Schneidezähne wurden ausgeschlagen. „Scheiß-Neger“ und „Schwarze gehören einfach erschlagen“ soll Robert M. dabei gerufen haben. Eine Hausfrau hatte im Prozess als Zeugin geschildert, ein Sanitäter habe dem Mann am Boden zu Hilfe eilen wollen, aber Robert M. habe ihn weggeschubst mit den Worten „Ausländer brauchen keinen Rettungsdienst“.

Tiefverwurzelter Ausländerhass

„Das Tatmotiv kann in einem tiefverwurzelten Ausländerhass gesehen werden“, hatte die Polizeidirektion Rosenheim kurz nach der Tat in einer Pressemitteilung vermutet. Dennoch war auch für Bekannte von Robert M. „Rassismus“ nicht das Tatmotiv. Er habe in jungen Jahren „eine kurze Zündschnur gehabt“, erzählen sie, „und schnell zugeschlagen“. Aber es habe Deutsche wie Ausländer getroffen. 30 Behandlungen bei Ärzten seien so zusammengekommen.

Heute lebt der 51-Jährige wieder in Kolbermoor. Es gebe keine Probleme, erklärt die Stadt auf Anfrage. Wenn Robert M. zuletzt aufgefallen sei, dann positiv. Zum Beispiel als engagierter Helfer bei der Flutkatastrophe von 2013. Im Rathaus erinnert man sich auch noch daran, dass er sich das Kolbermoorer Bürgerblattl sogar ins Gefängnis schicken ließ.

Opfer arbeitete in Kolbermoor als Schweißer

Carlos Fernando arbeitete seit 1987 als „Mossi“, als Mosambikaner in der DDR, in einem Reifenkombinat in Neubrandenburg. Die Wende machte den Vertragsarbeiter, der fließend deutsch und englisch sprach, arbeitslos. Die Behörden wollten ihn abschieben, Ramona, seine Freundin, versteckte ihn bis zur Hochzeit. 1992 wurde geheiratet, doch das Paar trennte sich.

Über Rüsselsheim kam Fernando mit seiner Tochter Tracy nach Kolbermoor. Dort fand er Arbeit als Schweißer in einem Elektrounternehmen. Tracy besuchte die Grundschule in Kolbermoor. Nach dem Tod ihres Vaters kam das Mädchen (9) wieder zur Mutter nach Neubrandenburg. Fernando wurde in Friedrichshafen beerdigt.

Rober M. äußert sich nicht

Womit Robert M. sein Geld verdient? Wie es ihm geht? Die OVB-Heimatzeitungen haben versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen – vergeblich. Aber er wird Arbeit gefunden haben. Denn davon gibt es reichlich in der Stadt, die sich zuletzt rasant entwickelt hat. Waren die schweren Zeiten nach dem Niedergang der Industrie damals noch spürbar, so würden die Geschichtenmacher von 1999 Kolbermoor heute nicht mehr wiedererkennen – und wohl vergeblich nach sozialen Brennpunkten suchen.

Für Aufschwung und Wandel steht auch die Schuhmannstraße. Dort ist das abgewrackte Lokal längst einem modernen Wohnhaus gewichen. Benannt ist die Straße übrigens seit 1961 nach Georg Schuhmann, Sozialist und Kolbermoorer Bürgermeister zur Rätezeit, der 1919 trotz der kampflosen Übergabe der Stadt von den Weißgardisten ermordert worden war.

Film zum 20. Todestag

Im Gedenken an seinen Tod vor 20 Jahren zeigt die Gruppe „Contre la tristesse“ am Sonntag, 1. September, 19 Uhr, den Film „Das Leben des Carlos Fernando“ im Z (Linkes Zentrum in Selbstverwaltung), in Rosenheim, Innstraße 45a. In der Dokumentation von Samuel Schirmbeck, entstanden 2001 in der Reihe „Tödliche Begegnungen“ des Hessischen Rundfunks, spielt der Täter nur eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt steht ein offenherziger Mann, dessen Leben durch einen Fausthieb ausgelöscht wurde. Der Eintritt ist frei. Die Schuhmannstraße in Kolbermoor. Dort wurde vor 20 Jahren ein Mann vor der Cubana-Bar erschlagen. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Das Lokal wurde längst abgerissen und machte für ein Wohnhaus Platz.

* in der ersten Version des Artikels war irrtümlicherweise von einem Urteil wegen Totschlags die Rede. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. 

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