Die Gassigeher von Kolbermoor: Nicht nur Hundeherzen schlagen höher

Gassigeher Kolbermoor
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In Kolbermoor gibt es besondere Gassigeher. Das freut nicht nur Hunde, sondern auch Menschen.
  • vonJohannes Thomae
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Jeder Hundebesitzer weiß es: Es gibt wohl kaum ein anderes Tier, das Freude so intensiv zeigen kann wie ein Hund. Und deshalb bekommt Gabi Gassmeyer aus Bad Aibling den „Lohn“ schon bei Arbeitsantritt. Beim Gassigehen mit Tierheimhunden tankt nicht nur sie selbst auf.

Kolbermoor – Gabi Gassmeyers Lohn: Wenn sie Maya vom Tierheim Rosenheim abholt und die Hündin nicht mehr aus noch ein weiß vor Freude. Gassmeyer ist seit fünf Jahren fürs Tierheim mit Hunden unterwegs und findet, dass das eine Win-Win Situation für alle ist. Sie selbst hatte nach einer Erkrankung vom Arzt den Rat bekommen, regelmäßig spazieren zu gehen. „Ohne äußeren Anlass, das war mir klar, würd ich das nicht lange machen“, erzählt die 55-Jährige. Glücklicherweise wusste sie, dass die Hunde im Tierheim von einem Stamm „Gassigeher“ ausgeführt werden „und da hab‘ ich nachgefragt“.

30 ehrenamtliche Helfer im Einsatz

Für das Tierheim wiederum sind die „Hundeausführer“ unverzichtbar. Dass die Tiere dort einen glücklichen Eindruck machen, liegt nicht nur am liebevollen Umgang ihrer Betreuer. Es liegt auch daran, dass die Hunde einen festen Tagesablauf haben, bei dem das Gassigehen der große Höhepunkt des Tages ist. „Das aber“, so sagt Andrea Thomas, Vorsitzende des Tierschutzvereines Rosenheim , „können wir nur dank unserer rund 30 ehrenamtlichen Gassigeher leisten.“

Die Voraussetzungen sind überschaubar

Die Voraussetzungen, die man für dieses Ehrenamt mitbringen muss, sind überschaubar. Dass jemand, der sich dafür interessiert, Hunde mag, davon darf man ausgehen, und dann, so Gassigeherin Gassmeyer, ist eine gewisse Beständigkeit wichtig. Wer regelmäßig kommt, kann öfter mit dem gleichen Hund gehen und da baut sich schnell eine Beziehung auf. Sie erzählt dabei von Rhodesian Ridgeback Snoopy, mit dem sie öfter unterwegs ist.

Gabi Gassmeyer zeigt Rhodesian Ridgeback Mayaan welchen Bäumen Leckereien wachsen.

Das Zusammenspiel hat sich verändert

Snoopy sei es die ersten Male egal gewesen, wer am anderen Ende der Leine war, Hauptsache er durfte raus. Mit der Zeit aber hat sich das verändert. „Ich hab’ ja versucht, mit ihm auch ein bisschen zu spielen, hab ihn für alles wie toll gelobt. Kurz: Ich hab versucht, ihm die zwei Stunden interessant zu machen.“

Wenn der Gassigeher weiß, wo Käse wächst

Langsam habe Snoopy angefangen an, sie nicht mehr als auswechselbares Leinenende zu sehen, sondern als jemand, mit dem man Spaß haben kann. „Vielleicht auch“, ergänzt Gassmeyer und lacht, „weil ihn beeindruckt hat, dass ich die Frau bin, die weiß, auf welchen Bäumen ab und an ein kleines Käsestückchen wächst.“

Insgesamt glaubt sie, dass das Spazierengehen eine geradezu ideale Aufgabe für Rentner sein könnte. „Ich selbst wäre gerne öfter mit einem Tierheimhund unterwegs, kann aber nicht, ich steh‘ ja noch im Beruf.“

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Wer mehr Zeit hat, der könnte mehrmals gehen. Etwas, was Wunder wirkt: Man muss dann raus, sagt Gassmeyer. Und das Spazierengehen tut einem körperlich und seelisch gut. „Man hat einen festen Tagesordnungspunkt, um den sich alles andere gliedert und man kommt, egal wie man vorher drauf war, besser gelaunt nach Hause. Nicht nur wegen des Umgangs mit dem Tier, das sich auf einen freut, sondern auch weil man schnell mit anderen Menschen in Kontakt ist.“ Kontakte, die in den vergangenen Wochen vielleicht etwas eingeschränkt waren, jetzt aber, bei sich allmählich lockernden Corona-Einschränkungen und entsprechendem Sicherheitsabstand wieder problemlos möglich sind.

Der Nachmittag gehört ganz alleine Gini

Das sieht auch der 72-jährige Hans Häusler aus Kolbermoor so, der zum ganz festen Stamm der Gassigeher gehört und jeden Tag unterwegs ist. Früher sogar vormittags und nachmittags, doch seit gut einem Jahr gehört der Nachmittag Gini. Gini ist eine elfjährige Hundedame, der man wegen einer Knochenkrebserkrankung den linken Vorderlauf abnehmen musste. Seither wohnt sie bei Häusler statt im Tierheim, das aber nach wie vor etwaige Tierarztkosten übernimmt.

Gini und Hans Häusler. Beide wissen: Auch mit elf Jahren und auf drei Beinen kann man ein glücklicher Hund sein.

Für Häusler ist es unverständlich, dass manche sich über den Aufwand wundern, der wegen eines „alten Hundes“ unternommen wird: „Gini ist doch kein Ding, das man wegwerfen kann, sie ist ein Lebewesen.“ Und wenn man Gini mit ihm erlebt, muss man sagen: ein Lebewesen, das das ihm geschenkte Weiterleben mit jeder Faser seines Hundeherzens genießt.

Die lebende Kreatur steht über allem

Auch Andreas Thomas kann in diesem Punkt eindeutig sein: Zwar habe das Tierheim vom Verwaltungs- und Finanzaufwand her längst die Größe eines mittleren Wirtschaftsunternehmens erreicht, „aber wir bleiben eine Tierschutzeinrichtung, die zuallererst der lebenden Kreatur gegenüber in der Verpflichtung steht und sich an deren Bedürfnissen ausrichtet“.

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