Familienurlaub auf der Alm

Regina gefällt die Arbeit im „Kaibi-Stall“.

Kolbermoor/Schleching – Statt ans Meer oder an den Gardasee zu fahren, haben sich die Grubers aus Kolbermoor ein „exotischeres“ Ziel für den Urlaub ausgesucht: Für die vierköpfige Familie ging es in den Sommerferien auf die Wuhrsteinalm im Geigelstein-Gebiet.

Auf 1150 Höhenmetern versorgen die Eltern Regina und Franz als Senner im Huber-Kaser 26 Kalbinnen und acht Kälber, und die Kinder Marlene und Marinus haben Spaß in der Natur.

Den Sommer auf der Alm zu sein sei eine Familientradition, erzählt Mutter Regina. Die 38-Jährige war schon als Kind mit ihrer Uroma und dem Opa immer auf dem Schachen. Dass sie das als Erwachsene weitermachen will, war immer klar. Den Fokus legt sie in ihrer Zeit als Sennerin klar auf die Tiere. „Man muss eine gute Wahrnehmung haben und keinen wilden Aktionismus an den Tag legen“, weiß sie, „dann kommen die Tiere schon und teilen auf ihre Art mit, wenn es ihnen nicht gut geht“.

Morgens gegen 6 Uhr steht der Rundgang an, um abzuzählen, ob alle Tiere da sind und wo sie sind. Regina nimmt Kontakt mit ihnen auf und beobachtet, ob sich einzelne auffällig verhalten. Auf den 80 Hektar des Almgebietes sind die zwei Pinzgauer, ein Grauvieh und das Fleckvieh natürlich täglich woanders. Schon am Abend vorher beobachtet die Sennerin, welche Richtung die Tiere für die Nacht einschlagen, damit sie sie am Morgen schneller findet.

Am Vormittag kommen die acht Kälber in den Stall, um Heu und ein wenig Kraftfutter zu fressen. Je nach Witterung bleiben sie ein wenig und gehen am Nachmittag wieder auf die Almwiesen. Täglich müssen auch die Zäune kontrolliert und die Wasserstellen für die Tiere überprüft werden.

Während der Rundgänge lassen sich im Almgebiet Gämsen, Murmeltiere, Wildhasen, Ringelnattern, Eidechsen, Kreuzottern und manchmal sogar ein Adler beobachten. Auch die Flora bietet mit dem großen und kleinen Enzian, dem Eisenhut, Wacholder und Alpenrosen Besonderes.

Die Grubers, im Alltag gelernte Erzieherin und Bautechniker, wollen dazu beitragen, dass eine von Menschenhand über Jahrhunderte geschaffene Kulturlandschaft erhalten bleibt. Das einfache Leben auf der Alm, wo jeden Tag neue Herausforderungen warten, die ohne Technik gelöst werden müssen, mache kreativ und erfinderisch, erzählt Regina. Besonders für ihre Kinder sei es eine wichtige Erfahrung, mit wie wenig man auskommen kann und die schöne Flora und Fauna als Geschenk zu erleben. Die bodenständige Arbeit auf der Alm lässt die Sennerin auf Zeit das eigene Konsumverhalten überdenken – mit der Erkenntnis, wie wohltuend das Leben in und mit der Natur ist, wo es nicht viel braucht, um froh zu sein.

Der Kaser, auf dem die Grubers Urlaub machen, gehört der Familie Loferer, „beim Huber“. Schon über Jahrhunderte wird das Gebiet der Wuhrsteinalm bewirtschaftet. Bis in die 50er- Jahre war es üblich, dass die Tochter des Bauern als Sennerin auf die Alm ging und der älteste Sohn den Hof übernahm. In dieser Zeit wurde noch Milchwirtschaft auf der Alm betrieben, was dann in den 60ern langsam aufhörte. Doch immer noch werden die Tiere im Sommer auf die Almen getrieben, um in dieser Zeit das Futter auf den Wiesen im Tal zu sparen und daraus das Heu für den Wintervorrat zu schaffen.

Heimatpfleger Hartmut Rihl berichtet, dass vor dem 15. Jahrhundert die Bauern bei Nutzung der Almen nicht weiter reglementiert wurden. Doch am Sankt-Thomas-Tag 1444 war es mit der „Fürstenfreiheit“ zu Ende. Herzog Heinrich XVI. stellte an diesem Tag alle Almen, Möser und Auen zu Berg und zu Tal unter Erbrecht, das hieß, dass die Bauern nur noch ein Nutzungsrecht unter Auflagen hatten.

Nach einer wechselvollen Geschichte über das Recht des „Bluembesuch auf den Almen“ erstritten in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf gerichtlichem Weg die Ettenhausener Bauern, dass ihre Rechtalmen in genossenschaftliche Eigentumsalmen umgewandelt wurden. Wie der Wuhrsteinvertrag aus dem Jahre 1871 zeigt, haben dabei beide Seiten bezüglich der Forst- und Jagdrechte Kompromisse geschlossen, nachdem vorher jahrelang prozessiert worden war.

Heute stehen auf dem Wuhrsteinalmgebiet noch sieben Gebäude: Der Huber Kaser, der Rest des 1956 abgerissenen Huber Kasers, das Gasthaus Wuhrsteinalm sowie Kaser des Weitlechner Bauern, des Grafn Bauern, der Lensing Kaser (Graf Degenfeld Hütte) und der Rachl Kaser, der 2009 von einer Lawine zerstört und 2017 wieder neu aufgebaut wurde. Es sind die Eigentumsalmen aus dem Wuhrsteinvertrag von 1871.

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