BEEINDRUCKENDE DEMONSTRATION VON DESIGN UND HANDWERK: ZWÖLFTE SCHMIEDEBIENNALE WIRD DIESE WOCHE ERÖFFNET

„Brüder in Eisen“ als Friedensbotschafter

Christian Poitsch freut sich auf das Treffen mit Schmieden aus aller Welt.

Emotion gepaart mit , Handwerkskunst und Fachwissen – so lässt sich die zwölfte Biennale in Kolbermoor vom 1. bis 5. August umschreiben. Im Gespräch mit unserer Zeitung zeigt Christian Poitsch vom Kultur- und Stadtmarketing Kolbermoor, wie sehr die „Brüder in Eisen“ inzwischen mit Kolbermoor verbunden sind.

Biennale der Schmiede – was lösen diese Worte in Ihnen aus?

Natürlich große Freude auf das Wiedersehen mit vielen guten Freunden aus der ganzen Welt, die Hoffnung, dass das Wetter passt und Schweißperlen auf der Stirn, ob wir wirklich alles rechtzeitig schaffen.

Was steckt hinter dem Begriff europäisches Zentrum für zeitgemäße Metallgestaltung?

Dieser sperrige Name bringt seit gut 20 Jahren die verschiedenen Ziele und Inhalte der Biennale zusammen. Zum einen geht es natürlich um Metallgestaltung, ganz besonders die zeitgemäße. Es soll damit zum Ausdruck kommen, dass auch die Schmiede und das Schmiedehandwerk sich immer weiterentwickeln. Europäisch weil Kolbermoor von Anfang an mit Kollegen, Institutionen, Kommunen in ganz Europa Kontakt gesucht und zusammengearbeitet hat. Bestes Beispiel die Idee der Partnerregionen bei der Biennale, heuer eben Skandinavien.

Wie erfolgt die Auswahl der Gastländer?

Die Auswahl erfolgt im Normalfall etwa drei Jahre vorher. Im Förderverein wird diskutiert und beschlossen, wer eingeladen wird. Persönliche Kontakte spielen eine Rolle, Beziehungen zu einzelnen Schmiedeorten und spannende handwerkliche Entwicklungen. Es gilt aber auch administrative Herausforderungen zu bedenken, wie etwa Zoll oder die Entwicklung in Großbritannien (Brexit). Denken Sie nur an Irland mit den vielen historischen Einflüssen, die auch in die Schmiedearbeiten einfließen.

Heuer stehen die skandinavischen Länder Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark im Fokus. Ihr Einfluss auf die Biennale?

Ein ganz wichtiger Punkt ist die Bedeutung Skandinaviens grundsätzlich im Bereich Design und speziell auch im Bereich Metallgestaltung. Die Ausstellung im Rathaus zeigt deshalb zwei Dutzend Arbeiten von Dozenten und Studenten der Uni Göteburg, die Professor Heiner Zimmermann betreut. Er wird auch bei der Biennale vor Ort sein, Führungen durch die Ausstellung anbieten und am Samstag, 4. August, einen Vortrag halten.

Skandinavier sind seit Jahrzehnten weltweit führend im Bereich Design in allen Sparten, etwa Möbel, Geschirr, Lampen – und eben auch Metall- und Schmiedearbeiten. Die Formensprache zeichnet sich aus durch Mut zur Moderne und klaren Linien.

Mehr und mehr engagieren sich die „Brüder in Eisen“ politisch. Welche Zeichen wurden bei den vergangenen Biennalen und werden in diesem Jahr gesetzt?

Ein großer Schock für uns war auf alle Fälle der Krieg in der Ukraine, wo befreundete Schmiede zum Teil Hab und Gut und Werkstatt verloren und plötzlich Krieg wieder ganz nahe an uns herangerückt ist. Dem Aufruf unseres ukrainischen Schmiedefreundes Viktor Burduk, Friedenstauben zu schmieden und ihm zu schicken, sind viele Schmiede in Deutschland und Europa gerne nachgekommen. Es folgte das Projekt „Roses for Norway“ von Tobbe Malm, den der Amoklauf Anders Breivik nicht mehr losließ und er weltweit geschmiedete Rosen sammelt, um mit einer Erinnerungsstätte dieser grausamen Tat zu gedenken, letzter Stand waren 1300 Rosen (Vortrag am Freitag, 3. August, 17 Uhr). Grundsätzlich möchten die Schmiede von heute Botschafter des Friedens sein, genauso wie sie tausende Jahre hauptsächlich mit Waffen und Schwertern in Verbindung gebracht wurden.

Ein Schwerpunkt ist auch der Abschluss der Arbeit in Ypern/Belgien „100 Jahre nach den Schlachten im Ersten Weltkrieg“ – geschmiedete Mohnblumen, die vor zwei Jahren auch in Kolbermoor erarbeitet wurden, fügen sich zu einem monumentalen Denkmal.

Ein ganz aktuelles Beispiel ist das große Mahnmal in Ypern, das von Luc Vandecastele und Terry Clark gestaltet wurde und an eine der grausamsten Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnert. Vielleicht erinnern sich noch manche Besucher der Biennale 2016 an die beiden, die auch in Kolbermoor Mohnblumen für dieses Denkmal schmieden ließen. Alle, die bisher diese Erinnerungsstätte in Ypern besucht haben, waren tief ergriffen und beeindruckt.

Den Schmiedeberuf nachhaltig stärken – auch das ist Thema der zwölften Biennale.

Natürlich ist auch dies ein ganz wichtiges Thema für die Macher der Kolbermoorer Biennale. Junge Menschen an das Handwerk, speziell das Schmiedehandwerk, heranführen, gelingt am besten durch praktische Beispiele. So werden in verschiedenen Workshops die vielfältigen Bereiche der Metallgestaltung vor Ort am Schmiedeplatz zu sehen sein – vom traditionellen Zangenschmieden bis zur Gestaltung der bekannten Kolbermoorer Abfalleimer reicht hier die Palette. Erfahrene Schmiedemeister nehmen sich viel Zeit, um ihre Arbeit zu erklären. So betrachtet etwa Professor Heiner Zimmermann am Freitag, 3. August, in seinem Vortrag die Situation der Jungschmiede und Start-Ups. Moderne Metallgestaltung ist vielseitig und erobert immer mehr auch die Bereiche Möbelbau, Architektur, Innenausbau und natürlich künstlerische Themen.

In mehreren Vorträgen wird das Spannungsfeld „Freie Kunst versus Schmiedearbeiten“ beleuchtet. Warum gibt es hier überhaupt Reibungspunkte?

Das Spannende am Schmiedehandwerk ist natürlich, dass es auf der einen Seite ganz neue Entwicklungen, Techniken und Anwendungsmöglichkeiten gibt und auf der anderen Seite auch das „alte Handwerk“ weiterhin Bestand hat. Nicht zuletzt im großen Arbeitsbereich Restaurierung. Dies ist ein Spannungsfeld, in dem sich sehr viele Möglichkeiten und Nischen auftun für die unterschiedlichen Interessen und Neigungen der einzelnen Schmiede. Natürlich bleibt dabei auch die eine oder andere Diskussion für Alt und Jung nicht aus. Die Biennale der Schmiede ist dafür auch der ideale Ort, sich bei einem Glas Bier auszutauschen. Die Besucher können dieses Spannungsfeld selbst erleben, wenn sie sich die Ausstellungen im Rathaus und Mareissaal anschauen und sich auf die einzelnen Vorträge einlassen. Lebhaft diskutieren ist ausdrücklich erlaubt.

Ein Ausblick auf die 13. Biennale im Jahr 2020.

Auch 2020 wird es eine Partnerregion geben: Es werden die drei Beneluxländer Belgien, Niederlande, Luxemburg sein. Mit den Niederlanden verbindet uns über den Ring der europäischen Schmiedestädte eine lange Freundschaft und die Schmiedeaktivitäten aus Luxemburg und Belgien gehören ebenfalls in Kolbermoor präsentiert. Generell zeigt sich, dass ein Austausch innerhalb der EU deutlich einfacher zu organisieren ist als mit anderen Ländern. Zum Beispiel hat die Schmiedeskulptur aus Norwegen „Ashes und Ashes – Iron to Rust“ eine achtwöchige Odyssee über Spedition, Zoll und Auslieferung hinter sich bringen müssen. Sie ist Gott sei Dank noch angekommen.

Interview: Eva-Maria Gruber

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