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In 30 Jahren zum Kleinod gewachsen

32 Millionen investiert: Wie die Kolbermoorer Werkssiedlung zum Vorzeigeprojekt wurde

Die Werkssiedlung heute: Bei Führungen durch die Historie der Stadt Kolbermoor ist das Interesse an diesem Quartier groß.
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Die Werkssiedlung heute: Bei Führungen durch die Historie der Stadt Kolbermoor ist das Interesse an diesem Quartier groß.
  • VonJohannes Thomae
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Haben New York und Kolbermoor Gemeinsamkeiten? Auf einer Tour durch eines der lebendigsten Viertel der Stadt gibt es darauf Antworten. Und eines sei verraten: Dass Kolbermoor auf dem Reißbrett entstand, ist nicht die einzige Parallele.

Kolbermoor – Auch wenn es zunächst abwegig erscheinen mag: Doch Kolbermoor und New York haben etwas gemeinsam. Zumindest im Straßennetz. Das ist nämlich im Stadtkern hier wie dort rechtwinklig, denn Kolbermoor ist zumindest in Teilen eine Stadt, die auf dem Reißbrett entstand. Als die Spinnerei in den 1860er-Jahren aufgebaut wurde, gab es drumherum noch nichts. Nur die Mangfall als damals völlig ungezähmten Gebirgsfluss. Eine Fabrik aber braucht Arbeiter, und die brauchen Wohnungen. Und so entstand die Werkssiedlung, deren Planung genauso wichtig war wie der Bau der Fabrik selbst.

Baustile verschiedener Epochen vereint

Wer heute durch die Werkssiedlung geht, zum Beispiel bei einer Führung mit Stadtmarketingchef Christian Poitsch, merkt an jedem Eck, dass es sich um ein liebevoll hergerichtetes und sehr lebendiges Quartier handelt. Sie ist ein Beispiel für eine gelungene Stadtteilsanierung.

Beispielhaft war die Siedlung schon von Anfang an, denn die Spinnereileitung baute die Häuser auf dem damals neuesten Stand. Ein Anspruch, der sich in allen Jahrzehnten erhielt, in denen die Siedlung erweitert wurde, also bis in die Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Deshalb kann man heute in der Werkssiedlung auch unterschiedliche Baustile ausmachen: Nach den ersten sechs Häusern, die noch aus der Gründerzeit der Spinnerei stammen, kommt entlang der von-Bippen-Straße die sogenannte Gartenstadt – errichtet in den Jahren 1908 bis 1912.

Dem Zeitgeist entsprechend war es das Ziel, mehr Individualität und damit mehr Dorfcharakter in die Siedlung zu bringen. Die Häuser sind insgesamt gesehen ein geschlossenes Ensemble und doch ist jedes einzelne unterschiedlich. Der nächste Erweiterungsschritt waren dann die Häuser entlang der Carl-Jordan-Straße. In jenen Jahren war der sogenannte Heimatstil hochmodern, weshalb die Häuser Fassadenelemente aufweisen, die leicht barocke Anklänge haben.

Dass das ganze Viertel so erhalten werden konnte, wie es heute zu sehen ist, verdanken die Kolbermoorer im Grunde dem Niedergang der Spinnerei und dem Mut des Stadtrates im Jahr 1992. Die Textilindustrie, die in Deutschland ihren Höhepunkt in den sechziger Jahren erreichte, eine Zeit, in der die Spinnerei gut 1200 Personen beschäftigte, stürzte bereits in den Siebzigern in eine rasante Talfahrt. Für die Spinnerei war die Werkssiedlung in den letzten Jahren vor der Fabrikschließung im Jahr 1992 nur noch ein Klotz am Bein. Schon lange war kein Geld mehr da für eine Sanierung, geschweige denn für einen Neuaufbau. Aus jetziger Sicht gesehen war das ein Glück, denn sonst wäre heute wohl vom ursprünglichen Quartiersbild nicht mehr viel übrig.

Der Erwerb der Siedlung durch die Stadt vor nunmehr 30 Jahren – im Dezember 1992 – war ein durchaus gewagter Schritt, denn welche Folgekosten daraus entstehen würden, war völlig ungewiss. Und hätten die Stadträte damals gewusst, dass die Sanierungsmaßnahmen, die nach drei Jahrzehnten erst im Jahr 2021 abgeschlossen wurden, sich insgesamt auf über 32 Millionen Euro belaufen würden, wären sie vorm Kauf vermutlich zurückgeschreckt.

Dazu kam, dass das Viertel anders als zu Beginn seines Entstehens und ganz anders als heute beileibe kein Schmuckstück mehr war. Die Fotos, die auf Infotafeln im Quartier zu sehen sind, zeigen ein wahres Hinterhofambiente.

Sanierung mit Sozialarbeit

Stadtmarketingchef Christian Poitsch verwehrt sich gegen das Vorurteil, dass es sich damals um ein Ghetto gehandelt habe: „Mit Ghetto hatte das nie etwas zu tun. Die Leute, die zu dieser Zeit dort wohnten, waren meist türkische Arbeitnehmer, die sich in ihrem Viertel wohlfühlten und sehr intakte Familienstrukturen hatten. Kriminalität war dort nie ein Thema.“ Dennoch ging die Sanierung des Viertels von Anfang an Hand in Hand mit sozialer Arbeit durch das heutige Bürgerhaus. Ziel war es, die kleine türkische Enklave und die „Reststadt“ füreinander zu öffnen und durchlässig zu machen. Eine Aufgabe, die gelöst wurde, wie schon die Änderung der Schwerpunkte in der Bürgerhausarbeit zeigt.

So sah die Werkssiedlung 1993 aus – vor dem Beginn der jahrzehntelangen Sanierung, die erst 2021 abgeschlossen wurde.

Heute geht es in der sozialen Arbeit des Bürgerhauses vor allem um Seniorenarbeit, denn die älter werdende Gesellschaft ist die Herausforderung der Zukunft.

Die heutigen Bewohner der Werkssiedlung sind bunt gemischt wie die Gesellschaft. Hier leben Familien mit türkischen Wurzeln, ältere, aber auch viele junge Menschen. „Für Singles oder kleine Familien sind die Wohnungen ideal“, meint Christian Poitsch. Einen Vorteil hat die Werkssiedlung bis heute. Sie ist mitten in der Stadt. Die Mieten sind erschwinglich. Und für Kinder ist viel Freiraum vorhanden.

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