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„Gefahr für die Allgemeinheit“

Josef Fellner überwältigte 2010 einen Räuber bei einem Überfall auf seine Aral-Tankstelle in Wasserburg. Sieben Jahre später erstach der Täter in Rott zwei Menschen mit einem Messer.  duczek, ARCHIV
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Josef Fellner überwältigte 2010 einen Räuber bei einem Überfall auf seine Aral-Tankstelle in Wasserburg. Sieben Jahre später erstach der Täter in Rott zwei Menschen mit einem Messer. duczek, ARCHIV

Rott/Wasserburg – Unauffällig, rechtschaffen, fleißig: So kennt man in den 90er- und 2000er-Jahren in Wasserburg Hakan M.

(Name geändert) als Kind, Teenager und jungen Erwachsenen. Dann kommt der 22. März 2010 – der Tag, der mit einem Schlag alles verändert.

Hakan M. (damals 19) überfällt eine Tankstelle, wird verurteilt und muss in die Psychiatrie. Aber der Raub ist nur eine Lappalie im Vergleich zu dem unfassbaren Blutbad, das der heute 25-jährige Türke vor wenigen Tagen in Rott angerichtet hat: „Ohne jeden nachvollziehbaren Grund“, wie es Oberstaatsanwalt Jürgen Branz formuliert, ersticht er zwei Menschen mit einem Messer – vier Wochen nach seiner Flucht aus dem Inn-Salzach-Klinikum (ISK) in Wasserburg-Gabersee.

Zwischen dem Überfall auf die Tankstelle und der Bluttat von Rott liegen sieben Jahre, die Hakan M. wegen einer psychischen Störung ausschließlich im Bezirksklinikum Gabersee verbringen musste – eine lange Zeit für einen jungen Mann, der strafrechtlich gesehen nichts außer einem amateurhaft verübten Tankstellenraub auf dem Buckel hat.

Nun will die Öffentlichkeit wissen, was genau die Ärzte bei Hakan M. feststellten und wie gefährlich sie ihn einstuften; welche Fortschritte der Patient in der Forensik des Bezirksklinikums Gabersee machte; welche Rück- und Anfälle er erlitt; ob er Drogen nahm und ob Drogentests gemacht wurden; warum und wann der Vollzug gelockert wurde, was dazu führte, dass sich Hakan M. bis zu 90 Minuten frei auf nicht gesichertem Klinikgelände bewegen und dies zur Flucht nutzen konnte.

Doch Antworten gibt es noch nicht. Staatsanwaltschaft, ISK und der Bezirk Oberbayern als Träger der Einrichtungen sagen dazu nichts und verweisen auf laufende Ermittlungen. So reißt die Biografie, die man über Hakan M. zusammentragen kann, mit seiner Verurteilung im September 2010 ab.

Sechs Monate zuvor, es ist der 22. März, kehrt der 19-jährige Azubi, der sich ausgerechnet im ISK zum Krankenpflegehelfer ausbilden lässt, auf dem Weg zur Arbeit plötzlich um – „aus unerfindlichen Gründen“, wie es später vor Gericht heißt. Der bis dahin völlig unbescholtene Lehrling holt sich zu Hause bei den Eltern seine Halloweenmaske und einen Kapuzenpulli, dazu die Schreckschusspistole des Vaters aus dem Schlafzimmerschrank. Dann überfällt der maskierte Mann am helllichten Tag eine Tankstelle in Wasserburg. Um 12.49 Uhr feuert er im Verkaufsraum mit der Gaspistole mehrere Schüsse in Richtung Decke ab und marschiert zum Verkaufstresen, wo ihm die verängstigte Kassiererin 655 Euro in Scheinen aushändigt.

Aber mit dem Geld kommt Hakan M. nicht weit. Tankstellenbesitzer Josef Fellner befindet sich in der Werkstatt nebenan und hört die Schüsse. Er reagiert blitzschnell, als Sekunden später ein Vermummter mit Geldbündeln und Pistole in den Werkstatthof gelaufen kommt. Von der Waffe lässt er sich nicht abschrecken: „Mein Vater und mein Bruder sind Jäger, am Knall hatte ich gehört, dass es sich um eine Schreckschusswaffe handelt.“

Zusammen mit zwei Handwerkern, die in der Imbiss-Ecke im Verkaufsraum einen Kaffee getrunken haben, und einem weiteren Helfer kreist er den Räuber ein. Der schießt in die Luft und schreit: „Lasst mich gehen oder ich bring‘ euch um!“ Doch die vier Männer überwältigen den Täter, fixieren ihn, fesseln ihm die Beine mit Kabelbinder und übergeben ihn der Polizei.

Monate später wird das Quartett für sein couragiertes Verhalten von der Wasserburger Polizei geehrt. „Wir mussten den Täter nur noch abholen“, erinnert sich Richard Gottwald, stellvertretender Chef der Wasserburger Polizei, bei der Feierstunde. Aber so ganz ungefährlich sei der heldenhafte Einsatz der vier Männer nicht gewesen, ergänzt er. Dass der Räuber, den der Tankstellenbesitzer gut kannte, sieben Jahre später zwei Menschen erstechen würde – das ahnte damals noch niemand.

Der Überfall bringt dem Türken im September 2010 vor der Jugendkammer am Landgericht Traunstein die Unterbringung in der Psychiatrie ein. Der Grund: eine seelische Erkrankung. Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom ISK, bescheinigt im Prozess eine Persönlichkeitsstörung und einen akuten psychotischen Schub zur Tatzeit.

Hakan M. sei beim Überfall aufgrund seiner möglicherweise familiär bedingten Krankheit nicht schuldfähig gewesen, so Dr. Gerl weiter. Er könne deshalb nicht für die begangene „schwere räuberische Erpressung“, gepaart mit Bedrohung und einem Waffendelikt, bestraft werden. Der 19-Jährige sei nicht in der Lage gewesen, das Unrecht seines Handelns einzusehen. Der Gutachter befürchtet eine „erhebliche Wiederholungsgefahr und eine Gefahr für die Allgemeinheit, sollte der Auszubildende unbehandelt bleiben“.

Die Unterbringung zur Bewährung auszusetzen – davon rät Dr. Gerl ab. Erst wenige Wochen vor der Gerichtsverhandlung habe der Beschuldigte einen Krankheitsrückfall erlitten.

Verteidiger hatte auf Bewährung plädiert

Der junge Mann aus gutem türkischen Hause, wie es im Prozess heißt, ist vor dem Überfall nie unangenehm aufgefallen, galt als tüchtig und rechtschaffen. Was ihn zu der Tat bewogen hat, kann er vor der Jugendkammer nicht erklären.

Von der Festnahme bis zum Prozess sitzt Hakan M. ein halbes Jahr in vorläufiger Unterbringung. Das Gericht ordnet die erneute Einweisung in die Psychiatrie ohne zeitliche Begrenzung an. Die Maßnahme zur Bewährung auszusetzen, wie von Verteidiger Dr. Markus Frank beantragt – das sei derzeit noch nicht möglich, so der Richter im Herbst 2010.

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