Coronafrei im Bayerischen Meer

Einsam auf der Insel: Frauenchiemsee seit Monaten ohne Corona – ein Besuch vor Ort

Thomas Lex und sein Sohn Florian verkaufen normalerweise auf der Fraueninsel. Das Geschäft mit den Touristen liegt brach, da bleibt momentan nur der Online-Verkauf.
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Thomas Lex und sein Sohn Florian verkaufen normalerweise auf der Fraueninsel. Das Geschäft mit den Touristen liegt in der Coronakrise brach, da bleibt momentan nur der Online-Verkauf.

Die Fraueninsel im Chiemsee ist seit Monaten einer der sichersten Flecken Bayerns. Nur zwei Corona-Fälle gab es hier seit Beginn der Pandemie – seit dem Sommer gar keinen mehr. Aber es ist auch ein einsames Leben, das die 190 Bewohner gerade führen müssen. Ein Inselbesuch.

Chiemsee – Georg Klampfleuthner, 57, sitzt auf einem Drehstuhl in seiner Werkstatt – in der rechten Hand einen Pinsel, in der linken eine getöpferte Tasse. Mit feinen Strichen malt er einen Fisch auf das ungebrannte Keramik. Der Töpfer legt den Pinsel auf die Werkbank und blickt aus dem Fenster auf den Chiemsee. Nur ein paar Meter von seinem Haus entfernt liegt der Anlegesteg der Insel. Normalerweise karren die Schiffe im Stundentakt Touristen auf die Insel. Zum Bummeln, Kaffeetrinken oder Fischsemmel essen. Die Nachbarinsel des berühmten Schlosses Herrenchiemsee ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Auf der Insel, weit weg von Corona

Doch seit Wochen herrscht Ruhe – auf dem Wasser und an Land. Keine Motorboote oder Kajaks, keine Tagesbesucher oder Feriengäste. Vielen Insulanern gefällt die ungewohnte Ruhe. Anderen fehlt der Trubel. „Das ist zwei Wochen mal ganz schön“, sagt Klampfleuthner, der auf der Insel geboren ist. „Aber irgendwann wird es fad.“

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Alle paar Tage zieht es Klampfleuthner aufs Festland. Für Termine – oder einfach, um mal rauszukommen. Vor der Pandemie ist er mit seiner Frau gerne nach München gefahren, zum Viktualienmarkt oder in die Oper. „Angst vor dem Virus habe ich keine“, sagt er. Trotzdem ist er froh, dass er gerade auf einer Insel lebt – weit weg von Corona.

So schnell wird nicht wieder eine Situation kommen, in der wir Insulaner die Insel nur für uns haben

Florian Lex, Fischer auf der Fraueninsel

Auch Fischer Florian Lex, 28, fühlt sich in seinem Haus am Nordufer geschützt und wohl. Er genießt die ruhige Zeit. „So schnell wird nicht wieder eine Situation kommen, in der wir Insulaner die Insel nur für uns haben“, sagt er. „Es tut gut, ein bisschen zu entschleunigen.“ Am Wochenende freilich verlässt auch er mal die Insel, um Freunde zu besuchen.

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Das Coronavirus ist für die 190 Inselbewohner eine irgendwie unwirkliche Realität. Denn bisher gab es hier nur zwei Fälle: einen ganz am Anfang der Pandemie und einen im Sommer. Angesteckt hatten sich ein Angestellter eines Wirtshauses und ein Insulaner, der während seiner Erkrankung aber gar nicht auf der Insel war, wie Armin Krämmer, Bürgermeister der Gemeinde Chiemsee, zu der auch die Fraueninsel gehört, erzählt. Eine Klinik gibt es auf der Insel nicht – nicht mal eine Arztpraxis. Einmal im Monat setzt ein Hausarzt über für Hausbesuche.

Der Dorfladen ist die Lebensader der Fraueninsel

„Mit den Stadtbewohnern möchte ich jetzt nicht tauschen“, sagt Fischer Florian Lex. „Hier weiß man, man ist unter sich. Hier kennt jeder jeden. Durch Corona haben die Insulaner gemerkt, wie wichtig der Zusammenhalt untereinander ist.“ Vor allem die älteren Einwohner, die einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen, verlassen die Insel – auch wegen des Coronavirus – ungern. „Da unterstützt man sich natürlich untereinander.“

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Der Dorfladen ist gerade das einzige Geschäft, das geöffnet hat. Die Lebensader der Fraueninsel. Ein gelbes Postauto fährt an „Tante Emmas Inselladl“ in der Ortsmitte vorbei. Eine Rarität, denn auf der Insel herrscht Auto- und sogar Fahrradverbot. Die Einwohner der 50 Häuser nutzen ihre Boote, um von A nach B zu kommen. Nur ab und zu düst eine Nonne des ansässigen Benediktinerklosters auf einem Golf-Caddy an dem verschneiten Spielplatz, den geschlossenen Wirtschaften und der Fußballwiese vorbei bis zum Kramerladen. Vor vier Jahren hat der Tante-Emma-Laden einen Edeka abgelöst, den ein Festlandbewohner führte. Im Inselladl bekommen die Menschen alles für den täglichen Gebrauch. Was es nicht gibt, wird bestellt. Vor allem für die Älteren ist das ein wertvolles Angebot.

Im Dorfladen sind nur 2 Kunden gleichzeitig erlaubt

Evi Mayer setzt die Schneeschaufel an und räumt den Weg vor ihrem Laden frei. Gerade ist nicht viel los. „Wir haben so 20 bis 30 Kunden pro Tag“, sagt Mayer. Im Sommer sei es das Zehnfache. Die 41-Jährige stellt die Schaufel an die Hauswand und betritt das kleine Geschäft. In den Regalen stapeln sich Kekspackungen, Tee, Erbsendosen, Mehl und Eier. In einem Eisfach liegen verschiedene Tiefkühlprodukte.

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Der Laden hat immer außer sonntags geöffnet. Vor allem im Winter ist „Tante Emmas Inselladl“ ein Treffpunkt zum gemütlichen Ratsch. Gerade, sagt Mayer, sei das Einkaufen aber eher unentspannt. „Quatschen ist nicht mehr möglich. Da nur zwei Kunden im Laden erlaubt sind, sollen die nicht mehr Zeit verbringen als nötig, damit andere nicht draußen warten müssen“, sagt Mayer, die den Laden gemeinsam mit einer Inselbewohner führt. Sie selbst wohnt am Festland in Übersee und fährt ein bis zwei Mal pro Woche auf die Insel. Der Laden sei zwar für die Insulaner, sagt sie. „Doch er finanziert sich durch die Touristen im Sommer.“ Wie es mit dem kleinen Geschäft weitergeht, sollte der Lockdown nach dem Frühjahr andauern, weiß Mayer noch nicht.

Auch Kloster Frauenwörth macht der Lockdown zu schaffen

Genau wie viele andere Ladenbesitzer. In jedem zweiten Vorgarten der alten Bauernhäuser hängt ein Schild: „Töpferei“, „Fisch zu verkaufen“, „Inselgalerie“ oder „Zimmer zu vermieten“. Jeder Winkel der Fraueninsel schreit nach Tourismus. Der Gedanke, dass die Besucher auch im Sommer ausbleiben könnten, bereitet den Insulanern Kopfschmerzen.

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Auch Äbtissin Johanna Mayer merkt, dass die Situation die Einheimischen beschäftigt. „Die Klosterkapelle wird wieder öfter besucht“, sagt Mayer, die das Benediktiner-Kloster Frauenwörth leitet. Sie sitzt auf einem Rattanstuhl im Eingangsbereich. 16 Nonnen leben noch in der Abtei am Südende der Insel. Seit 772 gibt es das Kloster. Mittlerweile wird ein Großteil des imposanten Bauwerks für Seminarräume genutzt, denn die Nonnen müssen sich selbst finanzieren. Doch Veranstaltungen sind zurzeit nicht möglich, auch der Klosterladen ist geschlossen. Noch geht es der Abtei gut. Doch „wenn sich die Lage nicht wieder normalisiert, könnten wir als Konvent nicht überleben.“

Die Chiemsee-Renken gehen im Online-Verkauf nach ganz Deutschland

Der Fischerei Lex macht der Lockdown wenig aus. Im Winter ist der Laden immer zu. Außerdem hat sich Florian Lex mit seinem Vater und seinem Bruder frühzeitig nach Alternativen zum Tourismusgeschäft umgeschaut. „Man muss kreativ und auf dem neusten Stand bleiben.“ Mit Vater Thomas zieht er die schweren Eisentüren des Räucherofens auf. Darunter knistert das Buchenholz und Kater Leo schleckt sich schon das Maul. Mehr als zwei Dutzend goldglänzende Renken holt Florian Lex aus dem zwei Meter hohen Ofen. Vater Thomas sticht in einen der Fische und misst die Temperatur. „60 Grad. Passt.“ Die Renken sind fertig für den Versand. Über Online-Portale werden die Fische nicht nur in die Umgebung verkauft, sondern nach ganz Deutschland. Das Angebot kommt gut an.

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Doch nicht alle Einheimische können die monatelange Touristendürre so gut ausgleichen. „Bei uns hat der Lockdown ja schon am 2. November begonnen“, sagt Töpfer Klampfleuthner. „Als die ganzen Restaurants zumachen mussten.“ Ohne Wirtshäuser, Cafés oder Pensionen verirre sich kein Tourist auf die Insel. „Es gibt ja nicht einmal eine öffentliche Toilette.“ Hunderte Schüsseln, Herzen, Teller und Becher warten in den Regalen seines Ladens. Normalerweise tummeln sich die Besucher auch im Winter in seinem Geschäft. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Ich muss ehrlich sagen, der erste Lockdown war besser zu ertragen.

Georg Klampfleuthner, Töpfer auf der Fraueninsel

Schon im vergangenen Jahr hatte Klampfleuthner nur fünf Monate auf. Fünf Monate, in denen das Geschäft gut lief, die Zeit jedoch zu kurz war, um auf den Vorjahresumsatz zu kommen. Vor allem der ausgefallene Christkindlmarkt mit seinen zehntausenden Gästen macht sich bemerkbar. „Ich habe Einbußen von 30 bis 40 Prozent“, sagt er. Seit 1723 führt seine Familie die Töpferei. Die Touristen sind seine Haupteinnahmequelle. „Wirtschaftlich ist es schon schwierig, das muss ich sagen.“

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Nicht nur das zehrt langsam aber sicher an den Nerven des Töpfermeisters, auch die Gesamtsituation schlägt an manchen Tagen aufs Gemüt. „Ich muss ehrlich sagen, der erste Lockdown war besser zu ertragen.“ Sonne, blühende Bäume und Sträucher. Klampfleuthner konnte die Zeit draußen mit seiner Frau am See verbringen – und nicht wie jetzt in der Werkstatt oder dem Haus. „Ich kannte es vorher gar nicht, am Sonntagnachmittag am Steg zu liegen“, sagt Klampfleuthner. „Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal fünf Minuten nicht im Laden war. Aber im Frühjahr habe ich eh nichts machen können.“

Dass es einen zweiten Lockdown geben wird, das hätte Georg Klampfleuthner nicht gedacht – und auch nicht gebraucht, so sicher es auf der Fraueninsel gerade sein mag. „Die sozialen Kontakte fehlen einfach“, sagt der Töpfer. „Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.“

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