Zwischen Haushaltsplan und Poesie

Robert Höpfner im ehemaligen Arbeitszimmer von Wolfgang Sawallisch. bovers

Grassau – Schon als Kämmerer der Marktgemeinde hatte Robert Höpfner es geschafft, dass sich der Gemeinderat jedes Mal auf die „Lesung“ des Haushaltsplans freute.

Seine Metaphern zur aktuellen Situation waren einfach zu spannend. Heute kann er darüber amüsiert erzählen. In seiner aktiven Zeit als Beamter war das mit der Poesie aber nicht immer so einfach.

Vor allem auf dem Posten in der Münchner Veterinär-Inspektion, wo er seine Laufbahn begonnen hatte. Als Betriebsabrechner am Schlacht- und Viehhof tat er besser daran, seine Lust an Sprache und Poesie nicht öffentlich werden zu lassen. „Was ich da machte, passte nicht ins Beamtenbild“, erinnert er sich „Wer davon wusste, sprach besser nicht darüber, denn irgendwie hat es sich nicht gehört.“

Zum Glück war die Münchner Zeit nach neun Jahren vorbei. Eingesperrt in kleinste Arbeitsbereiche ohne den Blick auf größere Zusammenhänge, das war nicht das Seine.

1981 wurde eine Stelle in der Gemeinde Grassau ausgeschrieben. „Das war meine Rettung“, sagt Höpfner noch 38 Jahre später sehr nachdrücklich. Seine damalige Erfahrung bringt seine Leser heute in den Genuss von Kurzporträts skurriler Beamtentypen, nachzulesen in seinem Buch mit dem passenden Titel „Sonderlich. Wunderlich.“ Es ist das jüngste von neun Büchern, die Robert Höpfner in den vergangenen Jahren veröffentlicht hat, teils in Verlagen, teils als sogenannter „Selfpublisher“. Als Autor besonderer Bücher war er trotzdem immer auch Beamter, darauf legt er Wert. Nach seiner Erfahrung haben nur Außenstehende das gerne als Widerspruch gesehen. Zitat: „Toll, dass du so etwas schreibst, als Behördenmann!“

Zum nüchtern trockenen Beamtenjob war die kreative Arbeit an seinen Gedichten ein Ausgleich, das gibt Robert Höpfner gerne zu. Doch zugleich war ihm seine besondere Beobachtungsgabe, die alle seine Gedichte prägt, auch bei der täglichen Arbeit im Amt durchaus nützlich. „Zahlen liegen mir eigentlich nicht so, aber meine Analysen waren immer sehr präzise“, meint er. „Etwas scharf zu durchdenken war kein Problem, und ich war auch manchmal hartnäckig beim Durchsetzen unpopulärer Dinge.“

Kein Träumer, lieber ein sensibler Realist

Dass Dichter und Poeten gerne als Träumer gesehen werden, hält er für ein bequemes Klischee, da wehrt er sich: „Ich ein Träumer? Auf keinen Fall, eher ein sensibler Realist!“

In Grassau hat er diese Kombination auch für die Gemeinde kreativ genutzt, zum Beispiel bei der Ortssanierung vor 20 Jahren. Als geschäftsführender Beamter ging er 2018 in den Ruhestand, ehrenamtlich machte ihn Grassau danach zum Kulturbeauftragten. Was niemand wirklich wunderte.

Wie fing das mit der Poesie und dem Gedichteschreiben an? Und war er immer schon ein so präziser Hingucker, dem wenig entgeht? „Mit 14 ging das los“, erinnert er sich, „weil ich ein äußerst schweigsamer Bursche war. Gesprochen habe ich wenig, auch in der Schule, dafür aber viel beobachtet und kam so zwangsläufig aufs Schreiben.“

„Frühwerke“ gibt es leider keine; sie sind Umzügen zum Opfer gefallen, was ihr Autor nicht wirklich bedauert. Ein Titel kommt ihm noch in den Sinn: Nachdem er einmal mitten im Wald auf das entsorgte Paket eines faulen Zeitungsverteilers gestoßen und die sich auflösenden Tagesaktualitäten betrachtete, hieß das anschließende Gedicht „Vermooste Wichtigkeiten.“

Höpfners Poesie, das sollten Nichtkenner wissen, ist immer schon als äußerst verdichtete Prosa dahergekommen. „Strenge Formen liegen mir nicht, die habe ich nie versucht.“ Dafür ist Höpfners Satzmelodie unverkennbar und seine oft sanft ironischen Pointen sind immer für ein Lächeln oder ein Nachdenken gut.

Mehr Prosa, weil er als Pensionär Zeit hat

„Realpoesie“ nennt er seine Gedichte, und ganz real ist auch die Tatsache, dass alles aus ihm selber entstanden ist. Förderung, egal von woher, gab es für ihn nicht, unter Bekannten hieß es früher bloß: „Ach du, mit deinem Zeug!“ Auch da hat sich heute für ihn viel verbessert, lebt er doch quasi in einem Künstlerhaushalt mit seiner malenden Frau Sylvia, die gelegentlich Illustrationen für seine Bücher beisteuert.

Diese enthalten zunehmend „richtige“ Prosa, Kurzgeschichten, die aber genau so wie seine Gedichte vom genauen Hinsehen leben. Nüchtern begründet er, wa rum jetzt mehr Prosa entsteht: „Weil ich als Pensionär mehr Zeit habe.“

Die Frage von viel oder wenig Zeit muss er aber gleich relativieren, denn oft hat das kürzeste Gedicht, von der ersten spontanen Notiz einer Beobachtung bis zum „jetzt ist es fertig“, viele Tage gebraucht. Und wenn es danach für den Leser ganz leicht aussieht, dann ist es gelungen.

Spontane Notizen, wo und wie entstehen die? „Eigentlich jederzeit, im Alltag, viel in der Natur.“ Politische Aktualitäten dagegen, oder Trends, übersieht er zwar nicht, aber sie sind ihm keine Zeile wert.

Stolz ist Höpfner, dass sein Gedicht „Inri“ in die Reclam-Antologie „Der Himmel von morgen – Gedichte über Gott und die Welt“ aufgenommen wurde. Wenn die Lyrik-Scouts des altehrwürdigen Reclam-Verlages ihn aus dem großen Dichter-Angebot herauspicken, dann heißt das etwas.

Was hat er geplant? „Einen Roman eher nicht. Ich habe zwar eine Idee im Kopf, weiß aber nicht, ob ich das nötige Talent habe. Wenn das so wäre, dann hätte ich sicher schon längst damit angefangen.“ Ob das so bleibt, daran lässt sein verschmitztes Lächeln zweifeln. „Mir fällt immer wieder was ein. Solange sich was beobachten lässt, gibt’s auch Themen.“

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