Zweite Chance für Kartons – Grassauerin sucht gebrauchte Schachteln für ihren Online-Shop

Die Grassauerin Heike Wiener inmitten von zahlreichen Kartons, die sie für ihren Online-Shop benötigt.
+
Die Grassauerin Heike Wiener inmitten von zahlreichen Kartons, die sie für ihren Online-Shop benötigt.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
    schließen

Wer regelmäßig im Internet bestellt, kennt die Problematik: Ist das Produkt erst mal ausgepackt, bleiben Berge von Pappe übrig. Eine Grassauerin ist nun auf eine Idee gekommen, wie den Kartons ein zweites Leben eingehaucht werden kann.

Grassau– Mit Kartons hat auch Heike Wiener (55) aus Grassau täglich zu tun. Die medizinische Fachangestellte verkauft nebenberuflich schadstoff- und plastikfreie Radflaschen aus Zuckerrohr in ihrem Online-Shop. Kürzlich hatte sie gerade wieder einige Kartons mit Verkaufsware verschickt. Nigelnagelneue, schöne und stabile Schachteln waren es, sagt Wiener.

Aufruf über Facebook

„Ich stellte mir vor, wie die Kartons jetzt dort aufgeschlitzt und nach Warenentnahme kurzerhand sofort entsorgt werden“, sagt Wiener. Ein Moment, der sie wachgerüttelt hat. Eine Seite ist, dass die Kartons eine Stange Geld kosten. Der Grassauerin geht es aber eigentlich um etwas anderes: Die Nutzungszeit der Kartons ist aus ihrer Sicht einfach sehr kurz. Für Wiener zu kurz. Schließlich verkauft sie nachhaltige Produkte. Und Umweltbewusstsein ist für sie kein Marketing-Gag, sondern ein Anstoß zum Handeln. So kam sie auf die Idee: „Warum sollte nicht eigentlich ich den Kartons ein zweites Leben geben?“

Lesen Sie auch:Studie: So viele Kilogramm Restmüll produzieren Deutsche pro Jahr - Ergebnisse erstaunlich

Ihr erster Gedanke war, bei Gewerbetreibenden in der Region nachzufragen, ob Kartons nach Warenlieferungen gleich entsorgt würden. Kartons, die sie gut brauchen könnte und die den Betrieben ohnehin nur lästig seien. Doch wie finden? Wiener setzte auf die sozialen Medien und startete kurzerhand einen Aufruf über die Facebook-Gruppe „Chiemgau – do bin i dahoam“. Bislang war sie dort nur „Mitleserin“ gewesen. Wiener erklärte ihre Situation und fragte, wer übrige Kartons habe. Zudem bot sie an, die Kartons selbst abzuholen.

Statt Mülleimer zweiter Nutzen

Mit Erfolg: Gleich am ersten Tag meldete sich Claudia Bindl vom Camel Outdoor Active Store in Bernau und bot Kartons an. „Wir würden sie leider wegwerfen“, sagt Bindl.

Heike Wiener fuhr sofort mit ihrem Fahrradanhänger hin, um die zehn Schachteln abzuholen. „Die nette Dame vom Store hat sich sogar meine Handynummer notiert, um mir Bescheid zu geben, wann wieder Kartons für mich in der geeigneten Größe abgeholt werden können. Das fand ich toll“, sagt Wiener. So sei beiden geholfen, sagt auch Claudia Bindl. Denn leider ließen sich die Verpackungen bei ihren Abläufen im Laden einfach nicht vermeiden.

Lesen Sie auch:Rosenheims Müll in den Weltmeeren

Neben dem Geschäft in Bernau hat sich noch eine Dame aus Marquartstein bei Heike Wiener gemeldet. Sie bekommt regelmäßig Tierfutter geliefert und hat deshalb auch immer wieder Schachteln übrig. Heike Wiener hat mit ihr vereinbart, dass sie zukünftig die Kartons bekommt. Neben konkreten Angeboten, haben ihr viele Leute Tipps gegeben, wo es noch Kartons in der geeigneten Größe in der Region geben könnte.

Wellpappe vergleichsweise nachhaltig

Immerhin wird Wellpappe nach Information des Verbands Deutscher Papierfabriken (VDP) zu 100 Prozent aus Altpapier gefertigt. Allerdings gibt es auch bei der Produktion von Wellpappe einen gewissen Anteil von Verunreinigungen, der abgeschieden wird, so die Auskunft von Greenpeace-Sprecherin Evi Folak. Somit sei Karton im Vergleich zu anderen Verpackungsmaterialien zwar sehr gut von der Umweltbilanz. Aber auch hier gebe es Potenziale: „Wenn man als Händler oder Verbraucher Kartons mehrfach wiederverwendet, verbessert das die Bilanz natürlich.“

Appell an Eigeninitiative

Kleine Schritte, um die Umwelt zu verbessern, das ist auch Heike Wieners Anliegen. Woher ihr ausgeprägtes Umweltbewusstsein komme? „Ich liebe einfach die Natur“, sagt Wiener. Und die solle doch bitteschön so bleiben, wie sie ist. In ihrer Freizeit ist sie viel draußen unterwegs, sei es mit dem Rad oder zu Fuß am Berg. Die kleinen Wunder der Natur seien es, bei denen ihr das Herz aufgehe, sagt Wiener. Wunder, zu denen jeder seinen Beitrag leisten könne: „Ich bin überzeugt, dass die Handlungen jedes Einzelnen wichtig sind.“ Wiener hat einen ersten Schritt gemacht.

Kommentare