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PROZESS UM ANGEBLICHE ERPRESSUNG

Kurioser Freispruch am Amtsgericht Traunstein: Zweifelhafter Schlüsseldienst mit Verwechslungsgefahr

Ein Schlüsseldienst-Monteur tauscht ein Schloss aus (Beispielfoto).
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Ein Schlüsseldienst-Monteur tauscht ein Schloss aus (Beispielfoto).
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Ein Schlüsseldienstmonteur musste sich vor dem Amtsgericht Traunstein wegen angeblicher Erpressung verantworten. Angeblich hatte der Angeklagte einer Kundin den Wohnungszutritt verweigert, weil diese nach dem Schlossaustausch die überhöhte Rechnung nicht bezahlen wollte. Am Ende kam es zu einem kuriosen Freispruch.

Traunstein – Mit Freispruch zu Lasten der Staatskasse endete jetzt ein vor mehr als zwei Jahren gestarteter Amtsgerichtsprozess gegen einen inzwischen 27-Jährigen aus Essen: Angeklagt war er wegen Erpressung einer 29-Jährigen aus dem südlichen Landkreis Traunstein anlässlich einer Türöffnung im Mai 2017 durch einen Schlüsseldienst.

Erstmals überhaupt hatte der Angeklagte einen 29-jährigen Bruder, der ihm ähnlich aussieht, als Alternativtäter präsentiert. Ausschlaggebend für Richter Christopher Stehberger war: Die Geschädigte und ihre Nachbarin hatten abweichend jeweils einen der Brüder als Täter identifiziert.

Versehentlich aus Wohnung ausgesperrt

Die 29-Jährige hatte sich zusammen mit ihren kleinen Kindern am Abend des 22. Mai 2017 versehentlich aus ihrer Wohnung ausgesperrt. Der Hausmeister war nicht erreichbar. Über eine Hotline im Internet bestellte sie einen Schlüsseldienst. Als die erste Firma hörte, dass die Anruferin nicht genug Bargeld zur Hand hatte, wurde aufgelegt. Etwa eine halbe Stunde nach dem zweiten Telefonat kam der Angeklagte. Er hantierte lange ungeschickt mit einer Plastikkarte herum, bohrte letztlich den Schließzylinder aus und setzte ein neues Schloss ein.

Die Aktion dauerte etwa zwei Stunden. Er forderte laut Vertreterin der Staatsanwaltschaft erst 700 Euro, dann knapp 400 Euro. Als die Frau die derart hohe Rechnung nicht unterschreiben wollte, verweigerte der Monteur die Herausgabe des Schlüssels. Er drohte gemäß Anklage, den neuen Schlüssel nicht da zu lassen – wenn sie nicht unterschreibe. Bis zum Begleichen der Rechnung könne sie nicht zurück in ihre Wohnung. Der Frau blieb in ihrer Not nichts anderes übrig, als den Betrag zu akzeptieren. Am nächsten Tag erstattete sie Strafanzeige. Laut Anklage wusste der 27-Jährige, dass ein ortsansässiger Schlüsseldienst maximal die Hälfte des Betrags gekostet hätte.

Mandant bestreitet die Tat

Der Verteidiger aus Essen erklärte, sein Mandant bestreite die Tat weiterhin. Möglicherweise sei der 27-Jährige mit seinem ihm ähnlich sehenden Bruder (29) verwechselt worden, der im fraglichen Zeitraum im gleichen Metier aktiv war. Der Angeklagte erklärte, er wisse nicht mehr 100-prozentig, ob er in der besagten Zeit im Raum Traunstein gewesen sei. Insgesamt habe er nur fünf Monate im Schlüsseldienstsektor gearbeitet.

Die 29-jährige Wohnungsmieterin schilderte, bevor der Angeklagte mit der Arbeit angefangen habe, habe er etwa 160 Euro für Anfahrtskosten und einen Nachtzuschlag notiert. Das habe sie notgedrungen akzeptiert, ebenso ein neues Schloss. Die insgesamt 700 Euro seien ihr jedoch zu hoch erschienen. Der Angeklagte habe einige Positionen rausgerechnet und den Betrag auf knapp 400 Euro verringert. Sie gab ihm letztlich 300 Euro, die ihr die Nachbarin geliehen habe. Den Rest habe sie nicht mehr überwiesen, sondern sei zur Polizei gegangen.

Drohung des Täters ernst genommen

Die Drohung des Täters habe sie ernst genommen, erwiderte die 29-Jährige auf Frage des Vorsitzenden. Sie war sich „sehr sicher“, dass der Angeklagte jener Schlüsseldienstmitarbeiter war. Dessen Bruder sei nicht der Täter gewesen. Trotz mehrfachen Nachhakens des Verteidigers blieb die Zeugin dabei.

Fast die gesamte Zeit stand an jenem Abend eine Nachbarin der verzweifelten 29-Jährigen bei. In einer ähnlichen Misere habe der Hausmeister ihre eigene Tühre ganz schnell öffnen können, betonte die Zeugin. Im Gegensatz zu einer Verhandlung 2019, bei der sie den 27-Jährigen klar als Täter erkannte, gelangte die Zeugin am Dienstag bei einer Gegenüberstellung mit beiden Männern zu der Überzeugung, der ältere Bruder des Angeklagten sei an jenem Abend in Ruhpolding gewesen. Der 29-Jährige gab seinerseits an, er sei bei dem Vorfall nicht dabei gewesen. Er sei früher als „Praktikant“ mit dem Bruder mitgefahren und schon in der Gegend gewesen. Einzelheiten wisse er nicht mehr.

In einer vorläufigen Bewertung stellte Richter Christopher Stehberger fest, ein Tatnachweis gegen den Angeklagten sei nicht möglich: „Ich kann nicht ausschließen, dass es der Bruder war.“ Zum gleichen Ergebnis gelangten die Vertreterin der Anklage und der Verteidiger in den Plädoyers.

Im Urteil verwies der Vorsitzende auf die Aussage der Nachbarin: „Sie sagt, es war eher ihr Bruder. Er ist der beste Alternativtäter. Er war ihre Rettung.“

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