Zu Fuß statt mit dem Flieger – Unterwössener Pilot überquert während Kurzarbeit die Alpen

Max Kern flog vor der Pandemie Langstrecke, unter anderem nach Cancun, Hongkong und Kapstadt. Privat
+
Max Kern flog vor der Pandemie Langstrecke, unter anderem nach Cancun, Hongkong und Kapstadt. Privat
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
    schließen

Für viele ist der Pilotenberuf ein Traumjob, auch für den gebürtigen Unterwössener Max Kern. Mit Kurzarbeit hatte er nie gerechnet. Um sich Luft vor den Sorgen zu machen, ging er von Unterwössen bis ins Friaul.

Unterwössen– Max Kern (39) arbeitet als Pilot für die Lufthansa. Seit Monaten ist der gebürtige Unterwössener in Kurzarbeit, bis heute weiß er nicht, wie es beruflich bei ihm weiter geht: „Irgendwann ist der Kopf geplatzt vor Unsicherheit.“ Um seine Gedanken zu ordnen, macht sich Kern zu Fuß von Unterwössen aus auf den Weg über die Alpen bis in Friaul.

Masken in Kapstadt ausverkauft

Dass ausgerechnet Piloten mal in Kurzarbeit gehen, damit hat Kern nicht gerechnet. Wie so viele Menschen, war zu Jahresbeginn auch für den 39-Jährigen Corona ein Randaspekt in den Nachrichten.

Sein letzter Flug war Anfang März nach Kapstadt. „Dort bin ich ins Grübeln gekommen, weil Masken schon ausverkauft waren“, sagt Kern. Schon ab April ist er in Kurzarbeit und zunächst sei es schön gewesen, bei der Familie zu sein, sagt der Vater von zwei Kindern im Alter von sechs und 14 Jahren.

Ausbildung privat finanziert

Auf seinem Weg zum Piloten hat Max Kern schon einige Hindernisse überwunden. Nach seiner Schulzeit stellte die Lufthansa konjunkturell bedingt keine Pilotenanwärter ein – eigentlich der einzige Weg, wenn man in Deutschland außerhalb der Bundeswehr Pilot werden will.

Schlussendlich war der Wunsch, Pilot zu werden, so groß, dass er einen Kredit aufnahm und seine Ausbildung an einer privaten Flugschule komplett selbst finanzierte.

Endlich dort, wo er hinwollte

Nach mehreren beruflichen Stationen, darunter acht Jahren Pendeln zwischen in Bremen und Chiemgau, sei er dann als Pilot bei der Lufthansa in München gewesen: „Endlich dort, wo ich sein wollte.“ Und dann kam die Pandemie: Die Luftfahrtindustrie ist seitdem nahezu lahmgelegt.

Fliegen ist nicht sein einziges Standbein: „In der 5. Klasse haben wir alle einen Brief an uns selbst geschrieben, den wir dann beim Abitur ausgehändigt bekamen.“ Neben Pilot stand bei ihm Musiker. Beides hat sich bestätigt, sowohl als solo wie auch mit der Band Canda ist er unterwegs. Doch diese Branche ist durch Corona ebenfalls gebeutelt.

Ohne Route nach Italien

Max Kern weiß nach wie vor nicht, wann er wieder fliegen darf. Im Sommer wurde es ihm zu viel und er entschloss sich, zu Fuß über die Alpen zu gehen, um den Kopf freizubekommen. „Ohne Route, damit ich meinen Weg finde“, sagt der Pilot. In zwei Wochen lief er über Kitzbühel, Mittersill und die Karnischen Alpen bis nach Tolmezzo in der Nähe von Udine.

Lesen Sie auch:Der „Bürger-Moor-ster“: Stefan Kattari führt Besucher durch die Kendlmühlfilzn

Doch die Reise über die Alpen hat es in sich: „Man geht durch alle Gefühlszustände, die Monotonie wird so krass, dass du zum Denken kommst“, sagt Kern. Von Weinen bis Lachen sei alles dabei gewesen. Und Schmerzen: „Blasen und Wunden. Du überlegst jeden Tag, ob du aufhören sollst“ Sein Wille, durchzuhalten, war aber so groß, dass er in zwei Wochen bis ins Friaul lief.

Auf seiner Alpenüberquerung geriet der 39-Jährige an seine Grenzen.

Blut, Schweiß und Tränen

„Wenn man eine Leidenschaft entwickelt, strahlt man das auch aus“, ist das Fazit von Kern. Dadurch habe er in schwierigen Momenten immer wieder völlig unerwartete Unterstützung bekommen.

Abgehärtet ist der 39-Jährige. In Venezuela hätte er in jungen Jahren beinahe mal sein Bein verloren, nachdem ihn ein Skorpion gebissen hatte. Ohne Betäubung habe man ihn dort lokal versorgt, nur ein Stück Holz im Mund musste reichen.

Max Kern hat auf dem Weg auf entdeckt, was ihm wirklich wichtig ist und was er will: „Natürlich sind Landeanflüge bei Sonnenuntergang toll.“ Aber was ihn reize, seien eher technische Herausforderungen. Kern hat daraus seine Konsequenz gezogen, arbeitet nun teilweise als Fluglehrer: „Wie wenn man vom Fußballer zum Trainer wird.“ Wie es nach der Kurzarbeit weiter geht, weiß er immer noch nicht. Seinen Weg scheint er aber zwischen Unterwössen und Tolmezzo gefunden zu haben.

Statt Kurzarbeit in den Himmel schreiben

Tim Tibo ist ebenfalls Pilot in Kurzarbeit und lebt in Unterwössen. Er hat sich mit seiner Firma Skytexter eine berufliche Alternative geschaffen. In diesem Sommer sorgte eine Aktion für Aufmerksamkeit, als Tibo und seine Mitstreiter über zahlreichen bayerischen Seen, darunter dem Chiemsee, in einer Werbeaktion Botschaften am Himmel hinterließen. Tibo ist leidenschaftlicher Kunstflieger und hat mehrere Flugzeuge mit Dosierungseinheiten im Rauchsystem bestückt. Medizinisches Weißöl wird dort verdampft, sodass Buchstaben in der Luft entstehen. „Dazu muss man sehr präzise und gut fliegen können und sich im Team absolut vertrauen“, sagt Tibo. Potenziale sieht er für sein Geschäftsmodell im Nahen Osten und bei großen Events.

Kommentare