Zeitreise zu Maifeiern am Chiemsee: Prächtige Kiefern, Tanz und Musik in den 1930ern

Schulkinder aus Breitbrunn tanzen im Jahr 1936 um den Maibaum am Kreuzberg. Wastl

Gut belegen die Schulchroniken aus Gstadt, Breitbrunn und Gollenshausen die Maifeiern zwischen 1934 bis 1936. Das Aufstellen der prächtigen Maibäume war stets begleitet vom ganzen Dorf, Musikkapellen und Vereinen. Manch eine Feier fing schon am Vorabend des 1. Mai an. Man kann nur ahnen, weshalb nach 1936 auf einmal die Zeit des Brauchtumsfestes vorüber schien und die Chroniken dazu schweigen.

Breitbrunn/Gstadt – Am morgigen 1. Mai wäre es wieder soweit. Land auf, Land ab würden die Maibäume wieder aus dem Boden „schießen“. Aufgrund der Corona-Pandemie sind aber sämtliche Veranstaltungen dieser Art auf Eis gelegt. Daher widmet sich unsere Zeitung in diesem Jahr der Geschichte des Maibaumaufstellens.

„Ausdipfelt, hagelbuchen und schiach“ sind die Geschichten rund ums Maibaumstehlen und -aufstellen, bekundete die Chiemgauer Heimatschriftstellerin Franziska Hager (1874-1960) einst. Krimis seien dagegen regelrecht „blutarm“. „De Sach kriagt erscht ihra richtige Weih, wenn da Deifi sei Pratz´n drauf g´habt hod“, kommentiert der Gstadter Seniorbauer vom „Bumberer-Hof“ die Ausführungen Hagers.

Ein unvergessener, heidnischer Brauch

Im Dunkeln liegen die Anfänge des Maibaumaufstellens, vermutet wird ein heidnischer Ursprung und dass der Brauch seinen Ausgang bei den alten Germanen nimmt, die verschiedene Waldgottheiten verehrten. Im Zuge der Christianisierung zunächst verboten, tauchen Geschichten rund um den Brauch erst wieder im 13. Jahrhundert auf. Die heutige Form des Maibaums, ein hoher Stamm mit belassener grüner Spitze und Kranz, stammt aus dem 16. Jahrhundert.

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Die lokalen Gebräuche unterscheiden sich von Dorf zu Dorf. Im ländlichen Bayern präsentieren sich von kräftigen Männern aufgerichtete Fichtenstämme – in den landestypischen Farben Blau und Weiß bemalt. Tradition ist auch das Fest rund um das Aufstellen und dass der Baum ohne technische Hilfsmittel mit „Schwaibeln“ (Stangen) aufgerichtet wird.

Geschmückte Birken für die ledigen Frauen

Ein weiterer Brauch ist das gegenseitige Stehlen des Maibaumes benachbarter Dörfer. In manchen Regionen stellen die jungen, unverheirateten Männer eines Dorfes vor den Fenstern aller ledigen Frauen kleine Bäume, häufig bunt geschmückte Birken, auf.

In den 1930er Jahren gab es diesen besonderen Brauch auch in Breitbrunn, Gstadt und Gollenshausen. Gut erhalten sich speziell die Niederschriften der Schulchroniken aus dieser Zeit, die von drei aufeinander folgenden Maifeiern berichten. Danach wird es viele Jahre erst einmal still um den Brauch.

So kann man der Gollenshausener Schulchronik vom 30. April 1934, dem Vorabend der Gstadter Maifeier, folgende Passage entnehmen: „Auf Ersuchen nahmen die Kinder ab dem 3. Schul-Jahrgang großenteils an der stimmungsvollen Veranstaltung teil und Hans Heyn, örtlicher Schullehrer, übernahm die Festrede. Sie trugen verschiedenste Gedichte gut vor und beteiligten sich begeistert amFackelzug.“ Es sei ein „glücklicher, gelungener Gedanke gewesen“, so das abschließende Fazit, „zum Tage der Arbeit dort (am Vorplatz des Jägerwirts in Gstadt, Anm. Red.) ein weithin sichtbares Denkmal der schaffenden Stände zu errichten“. Im Jahr darauf, am 30. April 1935, ist in den schulgeschichtlichen Aufzeichnungen für Gollenshausen ein ähnlicher Passus notiert: Bei recht trüben Wetteraussichten, heißt es darin, war bereits am Nachmittag im Wirts-Anger des örtlichen Gasthofes der Erste Maibaum in Gollenshausen aufgestellt worden.

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Klostergut stiftete 30 Meter hohe Kiefer

Gestiftet vom nahe gelegenem Klostergut in Mitterndorf wurde der fast 30 Meter hohen Fichte vom Schmiedemeister Dobler noch ein eigener Gipfel aufgehämmert. „Mit gelungenem Schmucke aufgeziert“, so der Chronist, überragte er die Häuser des Dorfes weithin sichtbar.

Am Abend fanden sich im kleinen Seedorf zur Vorfeier des „Tages der Arbeit“ trotz unfreundlichen Wetters eine Vielzahl von Gästen aus Nah und Fern ein. Unter den erfrischenden Klängen der Eggstätter Blasmusik führte der amtierende Bürgermeister bei hereinbrechender Dämmerung den Festzug durchs Dorf zum Kirchplatz hinauf.

Ausklang der Feier im Wirts-Saal

Hier bog Schullehrer Hans Heyn mit den Kindern seitwärts zur Kramer-Hochtenne ab, während die übrigen Teilnehmer – Hitler-Jugend, Ortsvereine, Musik und Zuschauer – sich im Wirts-Anger um den Maibaum scharten. Stimmungsvoll erklang der Chor bei Fackelschein mit dem Lied der deutschen Arbeit „Soweit die Falken fliegen“. Dann zog der Tross zum Seeplatz, wo Musik sowie eine Ansprache des Ortsbauernführers das Niederbrennen des Festfeuers begleiteten. Wegen Regens verlagerte sich die Veranstaltung und bald saßen Groß und Klein wohl geborgen im Wirts-Saal. Nach Erinnerungen von Sebastian Linner, Wastlbauer zu Söll, wurde der Maibaum neben dem Salettl im Biergarten aufgestellt. „Eigentlich hod a Jeder mithelf´n miass´n“, so der Zeitzeuge, „worüber mit dem Oan oder andern Bauern ned guad z´redn war“.

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Leuchtfeuer, Festzüge und Prachtschmuck

Schließlich schildert die Breitbrunner Schulchronik von 1936 eine Maifeier: Gemeinsam mit den Gemeinden Gstadt und Chiemsee wurde am 30. April ein mächtiger, 34 Meter langer Fichtenbaum aus der nahen Cramer-Klett´schen Waldung prächtig geschmückt mit Gespannen des Schmied- und Hechlbauern zum „Roten-Kreuz-Hügel“ (eigentlich Kreuzberg) verbracht. „Ein weithin leuchtendes Höhenfeuer kündigte die Ankunft des Maibaums am landschaftlich schönsten Punkt des Westufers an“, kann man damals einem Artikel der Chiemgau-Zeitung entnehmen. Unter der Leitung von Zimmermeister Paul Huber richteten die Burschen des Trachtenvereins das Prachtstück auf.

Das Aufstellen hatte ein jähes Ende

Zu den Honoratioren zählte Priens Erster Bürgermeister Jaud. Unter der Leitung von Hauptlehrer Zierhut marschierte der Festzug mit der Priener Musikkapelle von Breitbrunn nach Gstadt. „Unter dem geschmückten Maibaum vereinten sich Jung und Alt zum frohen Feste und anmutigem Reigen“, schildert der damalige Berichterstatter der Heimatzeitung. Warum es in den nachfolgenden Jahren kein Aufstellen von Maibäumen mehr gab, entzieht sich auch der Kenntnis von Dorfarchivar Franz Burghardt. Hier kann nur gemutmaßt werden, dass es der damaligen politischen Situation geschuldet war.

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